Wahlanalyse:Die CDU debattiert über das C

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Wahlanalyse: Die CDU musste schon einmal auf das "C" verzichten. Vor gut zwei Jahren klauten Aktivisten von Greenpeace den Buchstaben aus dem großen Logo in der Berliner Parteizentrale.

Die CDU musste schon einmal auf das "C" verzichten. Vor gut zwei Jahren klauten Aktivisten von Greenpeace den Buchstaben aus dem großen Logo in der Berliner Parteizentrale.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Ist das "christlich" im Parteinamen noch zeitgemäß? Es gebe gute Gründe für eine Streichung, schreibt ein Experte in dem Kommissionsbericht, den die CDU-Spitze vorgelegt hat.

Von Robert Roßmann, Berlin

Mit dem C in CDU ist es ja so eine Sache. Alle wissen, dass es für "christlich" steht, aber jeder interpretiert es anders. "Wenn man in der säkularen Politik unterwegs ist, dann ist das C der Zwang zur Demut, wissend, dass wir als Menschen immer nur die vorletzten Antworten geben", sagt Parteichef Friedrich Merz - der für manches bekannt ist, aber sicher nicht für Demut. Norbert Röttgen sieht im C dagegen ein "absolutes Alleinstellungsmerkmal" der Union. Es gebe zwar auch in anderen Parteien Christen, aber es gebe nur die Union, die aus dem christlichen Bild des Menschen ihre Politik ableite, findet Röttgen.

Doch auch das sehen nicht alle so. Aktivisten von Greenpeace haben der CDU schon einmal das C aus dem Logo an der Berliner Parteizentrale geklaut. Begründung: Christen müssten die Schöpfung schützen, die CDU bleibe die dazu nötigen Maßnahmen aber schuldig - die Partei trage das C deshalb zu Unrecht im Namen.

Die CDU sah das damals naturgemäß anders. Umso erstaunlicher ist, was man jetzt in der Wahlanalyse lesen kann, die die Partei vorgelegt hat. Denn darin wird angeregt, dass die CDU sich das C selbst klauen soll.

Nach der schweren Niederlage im vergangenen September hat die Partei auch interne und externe Experten um Rat gefragt. Generalsekretär Paul Ziemiak wollte, dass das Ergebnis der Bundestagswahl schonungslos aufgearbeitet wird. Zu diesen Experten gehört der Mainzer Geschichtsprofessor Andreas Rödder. Der Mann ist Mitglied der CDU, in zwei rheinland-pfälzischen Landtagswahlkämpfen saß er im Schattenkabinett der damaligen Spitzenkandidatin Julia Klöckner. Er gilt in der Partei als Konservativer. Und ausgerechnet dieser Rödder empfiehlt seiner Partei in der Wahlanalyse jetzt, über die Streichung des C im Namen nachzudenken.

Das C könne eine Barriere für Nichtchristen sein

Das C sei zwar ein "eingeführter Markenname", der für viele Parteimitglieder nach wie vor "ein festes Identitätsmerkmal" darstelle, schreibt Rödder. In einer zunehmend entchristlichten Gesellschaft könne das C aber eine Barriere für Nichtchristen sein und "Exklusivität signalisieren, wo die Union eigentlich auf Integration" ziele. Es gebe deshalb "gute Gründe für eine Flurbereinigung in der Namensfrage", mit der sich "die CDU sichtbar und im Einklang mit Center-right-Parteien in Europa in der Tradition der westlichen Werte und der Aufklärung verorten könnte".

In der Schweiz haben sich die Mitglieder der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) im Oktober 2020 in einer Urabstimmung für den Abschied vom C entschieden - auch um die Fusion mit einer anderen Partei zu ermöglichen. Die CVP heißt jetzt "Die Mitte". Die Entscheidung der CVP sei "historisch", heißt es in einem Länderbericht der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Es sei "der bisher wohl am weitesten reichende Versuch der Partei zur Erschließung neuer Wählerschichten". Ob das Kalkül aufgehen werde, und bei den Wahlergebnissen nun eine Trendumkehr gelinge, würden aber erst die kommenden Jahre zeigen.

Rödder verweist in seiner Wahlanalyse darauf, dass in der CDU der Parteiname nie eine Selbstverständlichkeit gewesen sei. Er erinnert in diesem Zusammenhang an Eugen Gerstenmaier. Der langjährige Bundestagspräsident hatte - obwohl gläubiger Christ -bereits in der Gründungsphase der Bundesrepublik Vorbehalte gegen das C im Namen. Im Jahr 2022 lasse "sich zudem argumentieren, dass die Zeit der klassischen Christdemokratie in Europa vorüber ist", schreibt Rödder. Hinzu komme die Frage, ob die Union mit ihrer Namensgebung "nicht einem überlebten Verständnis der 'hinkenden Trennung' von Staat und Kirchen" anhänge". Der Professor empfiehlt seiner Partei deshalb, die Debatte über das C oder "über einen Namenszusatz" nicht zu scheuen.

Die Parteispitze hat sich noch nicht geäußert

Die Parteispitze hat sich zu dem Vorstoß noch nicht geäußert. Aber in der CDU ist eine muntere Debatte entstanden - in der Rödder bisher allerdings alleine bleibt.

"Wer das C streichen will, nimmt dem Konservativen das Wertefundament, den Maßstab und die Orientierung", findet der ehemalige Generalsekretär Ruprecht Polenz. Die finanzpolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Antje Tillmann, schreibt zu Rödders Vorstoß nur knapp: "Entscheidet er ja, Gott sei Dank, nicht."

Auch der stellvertretende Chef des Arbeitnehmerflügels, Dennis Radtke, hält nichts von der Analyse des Professors: "Warum sollte sich die CDU von ihrem Tafelsilber verabschieden wollen?", fragt Radtke. Das C sei schließlich "kein Marketing-Gag, der bei säkularem Zeitgeist hinderlich geworden ist".

Der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der Unionsparteien, der langjährige Staatssekretär und Bundestagsabgeordnete Thomas Rachel, wird noch deutlicher. Die von "Rödder beabsichtigte Streichung des C aus dem Parteinamen würde den Identitätskern der Union zerstören", sagt er. Denn Rödder unterliege "einem grundlegenden Missverständnis": Das C sei "aufgrund seiner universalen Botschaft weltanschaulich gerade nicht exklusiv, sondern plural anschlussfähig, inklusiv und integrativ". Es sei "in Zeiten von Werteverfall und gesellschaftlicher Orientierungsnot so attraktiv wie nie zuvor, nicht zuletzt auch für Konfessionslose und Andersgläubige".

In Laschets Wahlkampf stand das C eher für Chaos

Um bei Wahlen erfolgreicher zu werden, müsse die Partei das C nicht abschaffen, sondern es "durch glaubwürdige Haltung und Politik wieder mehr zum Leuchten bringen", findet Rachel. Das christliche Menschenbild müsse für die beiden Unionsparteien "Kompass" bleiben.

Im Wahlkampf hat Angela Merkel übrigens mit dem Hinweis für Armin Laschet geworben, dass sie ihn immer als einen Menschen und Politiker erlebt habe, "für den das C im Namen unserer Partei nicht irgendein Buchstabe ist, sondern in allem, was er getan hat, Kompass". Diesen Satz könnte man jetzt allerdings auch als Argument gegen das C anführen. Denn Laschets Kompass hat im vergangenen Jahr offenkundig nicht funktioniert. Im Wahlkampf stand das C im Namen seiner CDU eher für Chaos.

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