CDU-Landesparteitag Merz lässt sich zu Siegerposen hinreißen

Die Kandidaten für den CDU-Vorsitz, Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn und Friedrich Merz, halten die Zahlen ihrer Redereihenfolge auf dem Landesparteitag der CDU-Sachsen in die Höhe.

(Foto: Getty Images)

Beim Landesparteitag der CDU stellen sich die Kandidaten für den Parteivorsitz ein letztes Mal vor. Die Stimmung ist ausgesprochen gut. Und der Favorit der Delegierten steht schnell fest.

Von Ulrike Nimz, Leipzig

Die Frage der Nachfolge ist in Leipzig längst geklärt. Lama "Horst", 15 Jahre alt, wetterfühlig, und nicht mehr gut zu Fuß, wird in absehbarer Zeit in Ruhestand versetzt. Neues Maskottchen des Tierparks wird ein nicht minder prachtvoller Paarhufer: Lama "Sancho". Noch stehen beide Tiere Flanke an Flanke vor der Kongresshalle am Leipziger Zoo, begegnen Selfie-Wünschen und tätschelnden Händen mit beeindruckendem Gleichmut. Immerhin 900 Gäste haben sich angemeldet für den 33. Parteitag der sächsischen CDU.

Dass es so viele sind, hat mit dem Rückzug Angela Merkels von der Parteispitze zu tun und dem kleinen Coup, der Sachsens Landesverband gelungen ist: Obwohl Annegret-Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn sich erst kürzlich auf der Regionalkonferenz in Halle den Fragen der ostdeutschen Basis stellten, sind die drei aussichtsreichsten Kandidaten für den CDU-Vorsitz nun eine Woche vor dem alles entscheidenden Bundesparteitag noch einmal nach Leipzig gereist. 30 von 1001 Delegierten schicken die Sachsen nach Hamburg - und bekommen doch das letzte Wort.

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Das wiederum hat mit der Landtagswahl im kommenden Jahr zu tun und dem blauen Wunder, das der CDU im Freistaat droht. Eine aktuelle Umfrage sieht die Partei bei 29 Prozent, gefolgt von der AfD mit 24 Prozent. Ein bisschen Wahlkampf-Starthilfe aus Berlin kann da nicht schaden. Und so laufen sie ein, die drei Fragezeichen, zum nunmehr neunten Mal. Aus den Lautsprechern dröhnt "Start me up" von den Rolling Stones. Ausgerechnet der Hit, zu dem die Kanzlerin schon im Bundestagswahlkampf 2009 wippte, als sie auf sächsischen Marktplätzen noch "Angie" war und nicht die Merkel, die weg muss.

Kramp-Karrenbauer macht den Anfang an diesem Samstag, vor allem aber macht sie Mut: Sachsens CDU könne stolz sein auf das Erreichte: Abitur in acht Jahren, die Herausforderungen des Strukturwandels - all das ohne "die Larmoyanz westlicher Bundesländer". Geht es nach der Generalsekretärin, ist der Osten mitnichten Dunkeldeutschland, sondern leuchtendes Vorbild. Auch Michael Kretschmer wird mit Lob bedacht: "Bei ihm hat man immer das Gefühl, er hat den kleinen Finger in der Steckdose." Durch die Adern des sächsischen Ministerpräsidenten fließt zweifellos Kohlestrom.

Jens Spahn keilt wie schon in Halle gegen die "Besserwessis", und wie auf der Regionalkonferenz bekommt er kaum Applaus dafür. Auch dass er in der Lausitz einst zum Ehrenbergmann geschlagen worden ist, nehmen Delegierte und Gäste recht unbeeindruckt zur Kenntnis. Sie sparen sich auf für Friedrich Merz.

Dessen Kandidatur hatte die konservative Basis in Sachsen geradezu verzückt: Der einstige Widersacher Merkels weckt Hoffnung auf eine Neuausrichtung der Union, und Merz weiß diese zu füttern: "Wir müssen nicht alle Ideen gut finden, die von den Sozialdemokraten kommen", sagt er. Statt über ostdeutsche Befindlichkeiten spricht der Kandidat lieber von der Neuordnung der Welt. Der Bundesparteitag in Hamburg, so Merz, könne die Antwort auf historische Zäsuren sein, wie auf den Brexit oder die Wahl Donald Trumps. Auch er spricht der CDU Mut "für die Landtagswahl am 21. September" zu. Dass in Sachsen am 1. September 2019 gewählt wird - geschenkt. Der Applaus ist so laut und anhaltend, dass der Meister der Kunstpause sich zu einer Siegerpose hinreißen lässt, die Fäuste schüttelt wie ein Preisboxer.

Auch der Ministerpräsident verbreitet Zuversicht

Die Stimmung in Leipzig ist ausgesprochen gut. Am Kaffeestand, im Raucherraum - nirgends zeigt sich Verdruss. Das liegt auch an Michael Kretschmer, der in der Kongresshalle eine erstaunliche Motivationsrede hält. 38 Minuten, in denen die Buchstaben A, f und D nicht vorkommen, dafür Bildung, Breitbandausbau und immer wieder der ländlichen Raum.

35 Vereine haben sie gleich zu Beginn des Parteitages ausgezeichnet. Die Kinderfeuerwehr aus Markranstädt, den Männerchor aus Nemt, den 1. Neuseenländer Quadverein. Dieser Parteitag soll eine Verneigung vor dem Ehrenamt sein, auch weil Wahlen in Sachsen auf dem Land entschieden werden.

Ein Jahr ist der Ministerpräsident nun im Amt. Während sein Vorgänger Stanislaw Tillich das Gespräch mit Landräten und Bürgermeistern mied, erklärt Kretschmer diese zu Partnern im Kampf um den Status als führende Volkspartei. "Wenn ich das allein mache, wird es nicht reichen", ruft er. Ein Schulterschluss der Anständigen müsse her. "Wir brauchen keine Miesmacher, sondern ein Klima, in dem über die Zukunft gesprochen wird und nicht über alles, was schlecht ist." Der Saal applaudiert, stehend, so als stünden da oben auf der Bühne tatsächlich die Stones.

Als Miesmacher würde Joachim Schwill sich nicht bezeichnen, aber als Tagesordnungspunkt 9 erreicht ist - Aussprache - tritt er als einziger ans Mikrofon. Ein schmaler Mann mit wachem Blick. 1990 ist er aus Dortmund nach Sachsen gezogen, leitet das Zwickauer Rechtsamt, liebt eine Vogtländerin. Schwill lobt die neue Debattenkultur in der Partei, den Ministerpräsidenten, der noch im hinterletzten Winkel des Freistaats Hände schüttelt. Aber eines stört ihn: die Unschärfe im Umgang mit der AfD. Während Kretschmer nicht müde wird, eine schwarz-blaue Koalition nach der Landtagswahl auszuschließen, äußerte sich der neu gewählte Fraktionsvorsitzende im sächsischen Landtag, Christian Hartmann, zuletzt weniger eindeutig. "Abgrenzen statt Ausgrenzen" sei seine Linie, sagt Hartmann in Leipzig. "Lassen Sie uns arbeiten, dann wird sich die Frage nach Alternativen nicht stellen."

Joachim Schwill ist nicht restlos überzeugt. Die Radikalisierung, sagt er, finde ja nicht nur innerhalb der AfD statt, sondern auch im Alltag. Zu viele Menschen hätten sich bereits in den Echokammern des Internets verloren. Schwill, im Ruhrgebiet aufgewachsen und im Erzgebirge heimisch geworden, sagt: "Vor uns liegt ein Berg, und er ist gewaltig."

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