CDU in Sachsen:Ein junger Alter mit Verständnis für Wutbürger

Beginn Deutschlandtag der Jungen Union

Michael Kretschmer, Generalsekretär der CDU Sachsen, soll Nachfolger von Stanislaw Tillich als Ministerpräsident werden.

(Foto: dpa)
  • Der Generalsekretär der CDU Sachsen, Michael Kretschmer, wird schon länger als heimlicher Kronprinz von Ministerpräsident Tillich gehandelt - sicher war der Aufstieg aber nicht.
  • Das Ergebnis der Bundestagswahl war für Kretschmer ein Schock - ein AfD-Mann hat ihm das Mandat abgenommen.
  • Kretschmer steht für einen Generationenwechsel in Sachsen - ob er für einen Politikwechsel steht, wird sich zeigen.

Von Markus C. Schulte von Drach und Stefan Braun

Wer den Namen Michael Kretschmer jetzt zum ersten Mal bewusst wahrnimmt, muss nicht an den eigenen Sinnesorganen zweifeln - tatsächlich ist der 42-Jährige bislang außerhalb der Grenzen von Sachsen nicht aufgefallen. Innerhalb des Freistaats dagegen kommt die Entscheidung nicht überraschend, dass Stanislaw Tillich, der sein Amt als Ministerpräsident nach dem schlechten Abschneiden der CDU dort abgibt, ihn als seinen Nachfolger vorgeschlagen hat.

Zwar hatte der Ex-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf den Noch-Bundesinnenminister Thomas de Maizière für den Posten als Landeschef vorgeschlagen - eine Stimme mit nicht wenig Gewicht. Doch tatsächlich gilt der sächsische CDU-Generalsekretär Kretschmer schon länger als heimlicher Kronprinz des Ministerpräsidenten und ist in Berliner Kreisen gut bekannt.

Nun hat sich die CDU in Sachsen tatsächlich für einen Generationenwechsel entschieden. Das Parteipräsidium hat sich hinter den Vorschlag von Tillich gestellt. Im Dezember soll Kretschmer das Amt übernehmen - er wäre dann gegenwärtig der jüngste Ministerpräsident Deutschlands.

Politikerkarriere wie aus dem Bilderbuch

Politik macht der am 7. Mai 1975 geborene Wirtschaftsingenieur schon lange. Bereits 1989 war er der noch kurz vor dem Mauerfall gegründeten Christlich-Demokratischen Jugend (CDJ) beigetreten, die sich bald nach der Wiedervereinigung der Jungen Union (JU), der Jugendorganisation der CDU und CSU, anschloss. 1993 wurde er Mitglied im Landesvorstand der JU in Sachsen.

Es folgte eine klassische Politikerkarriere. 1994 wurde er Stadtrat in seiner Heimatstadt Görlitz, dann wechselte er in die Landes- und Bundespolitik: 2003 wurde er Mitglied im CDU-Landesvorstand, nachdem er ein Jahr zuvor schon in den Bundestag gewählt worden war - wo er als frecher, lebendiger Typ wahrgenommen wurde.

Er übernahm eine Reihe von Aufgaben innerhalb und außerhalb des Bundestags: 2005 wurde er zum Generalsekretär der sächsischen CDU gewählt - das Amt hat er noch immer inne -, seit 2009 war er einer der neun stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Unionsfraktion und besetzte mit seinem Interesse an Bildungspolitik eine Lücke in der Fraktion.

Schon 2008 wurde er außerdem Mitglied des Kreistags im Landkreis Görlitz, er engagiert sich im Verwaltungsrat des Diakoniewerks Oberlausitz und ist Mitglied des Senats der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren und der Leibniz-Gemeinschaft. Er gilt als smart, gut vernetzt, versteht, die Kräfteverhältnisse innerhalb der Partei zu nutzen - mal tritt er konservativ auf, mal liberal, je nachdem, was gerade opportun erscheint - und ist ein talentierter Redner.

Ein vorübergehender Rückschlag wurde die "Sponsoring-Affäre" 2010, als herauskam, dass die sächsische CDU Firmen angeboten hatte, gegen Bezahlung Gespräche mit dem Ministerpräsidenten Tillich führen zu können. Wegen einer entsprechenden Praxis war der Generalsekretär der CDU in Nordrhein-Westfalen damals zurückgetreten. In Sachsen konnte sich Amtskollege Kretschmer jedoch halten - und seine Position die nächsten Jahre über noch stärken.

Schock für die CDU, persönlicher Schock für Kretschmer

Sieben Jahre später dann der Schock: Der Ausgang der Bundestagswahl ist nicht nur für die sächsische CDU ein Desaster. Mit 26,9 Prozent der Stimmen liegt sie knapp hinter der AfD, die hier die meisten Stimmen überhaupt erhielt. Auch Kretschmer persönlich hat die Wählerentscheidung kalt erwischt.

Er hatte auf einen Platz auf der Landesliste der CDU verzichtet, schließlich hatte er 2013 fast jede zweite Stimme der Wähler in seinem Wahlkreis erhalten. Ausgerechnet hier aber konnte ein Kandidat der AfD, der Malermeister Tino Chrupalla, eines der drei Direktmandate seiner Partei gewinnen - mit einem Prozentpunkt Vorsprung vor Kretschmer. Als "ordentlichen Magenschwinger und eine Zäsur" für sich selbst bezeichnete er das Ergebnis in der Welt.

Dabei hatte Kretschmer gemeinsam mit drei anderen Unionspolitikern vor etwa einem Jahr auf die Wahlerfolge der Rechtspopulisten reagiert, indem er zu einer "Leit- und Rahmenkultur" aufgerufen und mehr Patriotismus und "Stolz auf unsere Nation" gefordert hatte. Rechts von der CDU, so seine erklärte Haltung, dürfe es nichts Demokratisches mehr geben. Zuvor hatte er bereits Verständnis für die "Wutbürger" der Pegida-Demonstrationen gezeigt und gewarnt, es kämen zu viele Flüchtlinge. Die Entscheidung Ungarns, einen Grenzzaun gegen die Migranten zu errichten, begrüßte er.

Auch bezüglich des Familienbildes vertritt der selbst unverheiratete Vater zweier Söhne eine Haltung, die bei AfD-Wählern auf Sympathie stoßen dürfte: Die Ehe sollte ihm zufolge nur zwischen Mann und Frau geschlossen werden dürfen, Homosexuellen bliebe schließlich die Lebenspartnerschaft. Das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare lehnt er ab.

Kritiker werfen der sächsischen CDU schon länger vor, den Rechten, insbesondere der AfD, durch besonders rechtskonservative Positionen nicht das Wasser abzugraben, sondern sie zu stärken. Sollte das zutreffen, würde den Generalsekretär der sächsischen CDU einen Teil der Verantwortung treffen. Ob der Generationenwechsel mit Kretschmer - der Aufbruch, für den er schon lange stehen möchte - tatsächlich auch zu einem Strategiewechsel im Umgang mit den Rechten führen wird, muss sich zeigen.

Wie sein Verhältnis zu Bundeskanzlerin Angela Merkel sein wird, ist ebenfalls nicht ganz klar. Seine Kritik etwa an der Flüchtlingspolitik war deutlich. Zugleich war er loyal eingebunden in die Führung der Bundestagsfraktion - und Merkel gegenüber deutlich loyaler als manche anderen CDU-Politiker.

Anfang September hatte Kretschmer noch unter dem Motto "verhört und gegrillt" zu seinen Wahlkampfveranstaltungen eingeladen - auf seiner Homepage ist diese Aufforderung noch immer die jüngste Meldung unter dem Reiter "Aktuelles". Gegrillt dürfte er sich am Wahlabend vermutlich tatsächlich gefühlt haben.

Auch wenn seine Homepage nicht ganz auf dem neuesten Stand ist - Kretschmer beschäftigt sich seit Jahren nicht nur mit Forschung und Bildung, sondern auch mit dem Thema Digitalisierung - insbesondere an den Schulen müsste diese seiner Meinung nach gefördert werden.

© SZ.de/fued/dd
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB