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CDU:Ein Sieg, der historisch schlechte Laune macht

Nach der Wahl herrscht in der Union Bestürzung. Die Hauptschuldige ist für viele schnell ausgemacht. Was passiert jetzt?

Im Laufe des Sonntagnachmittags wird es immer schwieriger, etwas über die Stimmung in der CDU-Zentrale zu erfahren. Das ist meistens ein Zeichen dafür, dass die Stimmung nicht gut ist. Die Luft im Konrad-Adenauer-Haus wird immer dicker, je dünner das Ergebnis der Union in den Zahlen erscheint, die der CDU-Führung vorab hereingereicht werden.

Als die Prognosen um 18 Uhr bekannt werden, droht Angela Merkel das schlechteste Ergebnis ihrer Kanzlerschaft. Bisher lag das bei 33,8 Prozent, das war 2009, am Ende der ersten großen Koalition. Damals wusste man, dass viele Unions-Wähler der FDP geholfen hatten, um eine schwarz-gelbe Regierung zu ermöglichen. Es war ein konstruktiver Protest.

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Eine große Koalition wäre Harakiri

Das Wahlergebnis zeigt: Die SPD ist in der großen Koalition nicht überlebensfähig. Sie wird in der Opposition erstarken und verhindern, dass die AfD das Feld übernimmt.

2017 ist es nur noch Protest. Was ist das für ein Sieg? Ist es überhaupt noch einer? Volker Kauder, der Fraktionschef der Union, übernimmt anfangs die Aufgabe, eines klarzustellen: Angela Merkel bleibe Kanzlerin. Allein die Tatsache, dass Kauder sich veranlasst sieht, das so ausdrücklich zu sagen, zeigt, wie desolat dieser Wahlabend für die Union verlaufen ist. Denn wenn es etwas gab, was eigentlich seit Wochen niemand ernsthaft bezweifelte, dann war es doch eine erneute Kanzlerschaft Merkels.

Angela Merkel bleibt Kanzlerin. Man ist versucht zu sagen: erst einmal geschäftsführend

50 Minuten lässt Merkel sich Zeit, ehe sie vor die Kameras tritt. Gleich als Erstes sagt sie einen Satz, der aufhorchen lässt; einen Satz, bei dem man sich fragt: Ist die Botschaft schon angekommen? Man habe sich, so Merkel, "ein wenig ein besseres Ergebnis erhofft". Ein wenig? Das ist eine kühne Aussage angesichts des mit Abstand höchsten Stimmenverlustes aller Parteien an diesem Abend.

Es geht dann in ähnlicher Tonlage weiter. Es sei keineswegs selbstverständlich, nach zwölf Jahren immer noch die stärkste Fraktion zu stellen, sagt Merkel. Zudem habe man eine herausfordernde Legislaturperiode hinter sich. Offenbar will die CDU-Vorsitzende den Eindruck erwecken, das Ergebnis sei irgendwie normal, jedenfalls normaler als die Umfragen vorher, die ihr ein deutlich besseres Ergebnis prophezeit hatten. So bleibt eines für Merkel vielleicht sowieso das Wichtigste: "Wir haben den Regierungsauftrag", sagt sie. "Gegen uns kann keine Regierung gebildet werden."

Während die Chefs der anderen beiden Koalitionsparteien von einer "herben Enttäuschung" (CSU-Chef Horst Seehofer) und einem "bitteren Ergebnis" (SPD-Chef Martin Schulz) sprechen, lässt sich Merkel von ihren Anhängern im Adenauer-Haus bejubeln. "Angie, Angie" rufen die Wahlkampf-Helfer und wedeln mit ihren "Muttiviert"-Plakaten. Dann verspricht Merkel ihren Anhängern noch, nach der "Berliner Runde" im Fernsehen sofort "zum Feiern" zurückzukommen. Als ob es wirklich was zu feiern gäbe.

Angela Merkel bleibt zwar Kanzlerin. Man ist versucht zu sagen: erst mal geschäftsführend. Zu viele Unwägbarkeiten gibt es noch: Wer werden ihre Koalitionspartner? Die SPD erklärt sofort nach Schließung der Wahllokale, nicht noch einmal in eine Regierung mit der Union gehen zu wollen. Bleiben FDP und Grüne - wie kann das gehen? Die erste Jamaika-Koalition ist im Saarland krachend gescheitert, die zweite gibt es seit ein paar Monaten in Schleswig-Holstein. Sie funktioniert nur, weil sich die Protagonisten seit langem gut verstehen. Im Bund gibt es zwischen Grünen und Liberalen aber noch keine solche Nähe, im Gegenteil. Dann ist da ja auch noch die CSU. Anders als in Saarbrücken und in Kiel ist Jamaika im Bund keine Dreier-, sondern eine Viererkoalition. Aus München werden am Abend dann Zahlen gemeldet, die für die Christsozialen der blanke Horror sind. Unter 40 Prozent - Seehofer macht sofort "die offene rechte Flanke" der Union als Ursache aus, die jetzt geschlossen werden müsse. Aber wie soll eine solche Union mit den Grünen zusammenfinden?

Selbst wenn das gelingen sollte, Merkels Preis fürs Amt ist hoch. Sehr hoch. Er hat einen Namen mit drei Buchstaben: AfD. Und eine Prozentzahl mit zwei Ziffern. Wenigstens das hätte sie gerne verhindert. Die Kanzlerin wird sich nun der Debatte stellen müssen, welche Verantwortung sie trägt. Mehr als zwei Drittel der bisherigen Unionswähler, die Merkel den Rücken gekehrt haben, geben als Grund die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin an.