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Interview am Morgen: Wahl des CDU-Vorsitzenden:"Die Verlierer müssen sich hinter dem Sieger vereinen"

Kandidaten für den CDU-Parteivorsitz

Die drei Kandidaten für den CDU-Parteivorsitz Friedrich Merz, Armin Laschet und Norbert Röttgen (von links) nach einer Diskussionsrunde im Konrad-Adenauer-Haus.

(Foto: dpa)

1001 Delegierte sollen den CDU-Vorsitzenden wählen. Macht es einen Unterschied, dass es auf einem virtuellen Parteitag passiert? Ein Gespräch mit der Berliner Politologin Andrea Römmele - auch darüber, worauf es nach dem Votum ankommt.

Interview von Viktoria Spinrad

Eine Messehalle, sieben Kameras, 75 Mitarbeiter im Techniksupport - und 1001 Delegierte, die die Geschicke der CDU von zu Hause aus bestimmen: Beim virtuellen Parteitag an diesem Freitag und Samstag wird alles ein bisschen anders. Macht aber nichts, sagt die Berliner Politologin Andrea Römmele. Ein Gespräch über den Wert eines solchen Parteitags, die Schlüsselrolle der Unentschlossenen bei der Vorsitzendenwahl und darüber, worauf es nach dem Votum ankommt.

SZ: Parteitage leben von konspirativen Vortreffen, Mauscheleien auf den Gängen und fulminanten Reden. Nun werden die Delegierten daheim vor ihren Laptops sitzen. Wie soll da Aufbruchstimmung für die Ära nach Merkel aufkommen?

Andrea Römmele: Das ist natürlich eine ganz andere Atmosphäre, als wenn 1001 Delegierte aus dem ganzen Land in einer Halle zusammenkommen und es brodelt. Die Kandidaten müssen es irgendwie schaffen, über den Bildschirm eine Verbindung zu den Delegierten herzustellen - zumal 20 Prozent von ihnen noch unentschlossen sind.

Aber so eine packende Rede wie die von Andrea Nahles, mit der sie auf dem SPD-Parteitag noch das Ruder zugunsten einer großen Koalition rumriss, dürfte auf den Bildschirmen wohl kaum aufpoppen.

Eine großartige Rede! Natürlich lassen sich Menschen am ehesten im persönlichen Gespräch überzeugen. Das weiß man auch aus der Forschung. Man darf aber auch nicht vergessen: Reden können ja auch etwas mit uns machen, wenn wir sie über das Radio hören. Man denke an die Kriegsrede von King George und die Radioansprachen Roosevelts während des Zeiten Weltkriegs. Oder, erst kürzlich, die Rede Angela Merkels, mit der sie sich am Anfang der Pandemie direkt an das Volk wandte. Auch die wurde über ein Medium übermittelt - und wir fühlten uns trotzdem angesprochen.

Wie demokratisch ist so ein virtueller Parteitag?

Aus demokratietheoretischer Sicht habe ich da nichts auszusetzen. Zumal die Delegierten am Samstag eine Auswahl haben. In den allermeisten Fällen wird ein Kandidat ja bloß bestätigt. Jetzt müssen die Kandidaten um die Stimmen der Delegierten werben. Das ist sehr begrüßenswert! Und natürlich werden die Delegierten während des Parteitags miteinander auf Whatsapp diskutieren und alles live untereinander kommentieren.

Wem könnte das Format am ehesten in die Karten spielen?

Darunter leiden wird vor allem Friedrich Merz. Er kann einen Saal am ehesten von den dreien zum Rocken bringen. Für ihn kann man nur hoffen, dass er diesmal die richtige Rede hält.

Andrea Römmele

Andrea Römmele ist Professor for Communication in Politics and Civil Society an der Hertie School of Governance. Vorher hat sie an der University of California, Berkeley, der Johns Hopkins University und der Australian National University gelehrt. Sie forscht vor allem zu den Themen Politische Kommunikation, Parteien und Public Affairs.

(Foto: Bettina Ausserhofer ; Hertie School)

Seine letzte Bewerbungsrede um den Parteivorsitz glich ja eher einem Vortrag ...

Bei mir im Hauptseminar "Internationale Politik" wäre diese Rede super gewesen. Aber natürlich war das keine Parteitagsrede. Sie hat einen persönlich nicht berührt. Die von AKK dagegen schon. Merz wird daraus gelernt haben, das wird laufen. Die Frage ist, ob's reicht.

Wen werden die Unentschlossenen wählen?

Merz eher nicht. Seine Kernklientel liebt ihn für seine schnippisch-polarisierende Art, sie werden ihn sicherlich in die Stichwahl heben. Aber die Unentschlossenen werden sich wohl zwischen Röttgen und Laschet die Stimmen aufteilen.

Obwohl er in Laschets Team sitzt, sondiert Spahn im Hintergrund seine eigenen Chancen auf eine Kanzlerkandidatur. Wie glaubwürdig ist das Duo noch?

Vor zwei bis drei Monaten hätte ich es noch für möglich gehalten, dass Spahn ausbricht. Jetzt ist es dafür zu spät. Aber natürlich kann es sein, dass der neue Parteichef zum Königsmacher wird und Spahn oder Söder die Kanzlerkandidatur überlässt, sollten die eine größere Chance bei der Bundestagswahl haben.

Röttgen hatte ja schon angedeutet, dass er für eine solche Aufgabenteilung offen wäre ...

Merz wird das nicht tun. Und auch bei Laschet halte ich es für unwahrscheinlich. Wenn dieser die Wahl gewinnt und den Rückenwind des Parteivorsitzes hat, wird der sich die Kanzlerkandidatur nicht mehr nehmen lassen.

Merkel hat ja immer betont, wie wichtig es sei, dass Parteivorsitz und Kanzlerschaft in einer Hand wären. Nun mehren sich in der Partei die Stimmen, das in Zukunft zu trennen. Wie bewerten Sie das?

Die Zeiten, die Wähler und die Koalitionsoptionen ändern sich. Doppelspitzen sind angesagt, schauen Sie auf die SPD, die Grünen. Die Wähler sind labiler, unentschlossener geworden. Man muss unterschiedliche Klientelen ansprechen. Manchmal geht das besser im Tandem als alleine. Entscheidend ist, dass es jetzt weitergeht.

Die CDU ist tief gespalten. Wie kann der nächste Chef die Partei zusammenführen?

Was bei AKK nicht geklappt hat, weil Merz immer wieder ausgeschert ist, wird jetzt umso wichtiger: Die Verlierer müssen sich hinter dem Sieger vereinen. Dafür wird es enorm viel Disziplin brauchen. Der nötige Druck dafür könnte auch durch die anstehenden Landtagswahlen aufkommen. Je enger es in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg wird, desto größer das Alarmsignal, sich geschlossen aufzustellen.

Ihr Tipp für Samstag?

Das ist so dynamisch, da gebe ich keinen Tipp ab!

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Kandidaten für den CDU-Parteivorsitz03:45

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