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Caroline Lucas im Unterhaus:Grüner Farbtupfer für Westminster

Die Wähler in Brighton haben Geschichte geschrieben: Caroline Lucas ist die erste Grünen-Politikerin, die es ins Unterhaus geschafft hat.

G. Babayigit

"Change": Seit Barack Obama gehört dieses Wort zum Inventar eines wahlkämpfenden Politikers. Auch David Cameron, der konservative Herausforderer, und der Liberaldemokrat Nick Clegg führten dieses Wort allzu häufig im Munde. Doch für echten Wandel sorgte bei dieser Unterhauswahl eine andere: die Grüne Caroline Lucas.

Caroline Lucas, Reuters

Caroline Lucas wird für frischen Wind im Parlament sorgen. Sie ist die erste Grünen-Politikerin in der Geschichte Großbritanniens, die es ins Unterhaus geschafft hat.

(Foto: Foto: Reuters)

Die 49-jährige Europaparlamentarierin schrieb am Donnerstagabend Geschichte: Sie ist die erste Grünen-Politikern in der langen Geschichte der britischen Demokratie, die im ehrwürdigen Westminster-Parlament sitzen wird. Als das knappe Ergebnis bekanntgegeben wurde, jubelten ihre Anhänger im Wahlkreis Brighton Pavilion, als sei sie gerade zur Premierministerin gewählt worden. 31,33 Prozent erzielte Lucas und ließ die Kandidaten von Labour (28,91 Prozent) und Tories (23,68 Prozent) hinter sich.

"Heute Nacht haben die Bürger von Brighton Geschichte geschrieben", rief eine überglückliche Lucas ihren Anhängern zu. "Danke, dass Sie die Politik der Hoffnung der Politik der Angst vorgezogen haben." Dies sei nicht nur der Moment, in dem eine Parlamentarierin unter mehr als 600 gewählt werde. "Es ist der Moment, in dem eine politische Partei ihren berechtigen Platz in unserem Parlament einnimmt."

Denkbar knapp war das Ergebnis in Brighton: Lucas lag nur 1300 Stimmen vor Labour. Die Sozialdemokraten hatten bei der vergangenen Wahl noch einen Vorsprung von etwa 5000 Stimmen gehabt. Auch der Hype um Nick Clegg und seine Liberaldemokraten konnte den Erfolg der Grünen bei der diesjährigen Wahl aber nicht verhindern. Der smarte LibDem-Chef hatte im Wahlkampf versucht, sich zur Alternative zu den zwei konventionellen Parteien zu stilisieren. Wenn man aber die Parteiprogramme betrachtet, ist die eigentliche Alternative die Grüne Caroline Lucas.

So hatte auch der Independent vor der Wahl geurteilt: "Lucas' Wahl wäre wie ein Durchbruch in der Mauer von Westminster, durch den tatsächlich alternative Politik einfließen kann." Dass ausgerechnet in Brighton die erste Grüne direkt gewählt wird, überrascht indes nicht. Die Stadt an der Südküste Englands zählt zu den alternativsten und grünsten des Landes. In dem Badeort leben viele Studenten und Bürger mit alternativer Lebenseinstellung, wie der Guardian festhält. Auch im Gemeinderat der Stadt sind die Grünen eine Macht. Sie stellen dort die zweitgrößte Fraktion.

Lucas, die seit 1986 den Grünen angehört und 2008 zur Vorsitzenden gewählt wurde, beendet mit ihrem Triumph auch die für viele Briten beschämende Sonderstellung ihres Landes: Von den großen Staaten Europas war Großbritannien der einzige, der keinen einzigen Grünen im Parlament sitzen hatte. Bis gestern Abend.

Dabei erzielten die Grünen bei den vergangenen Wahlen keine schlechten Ergebnisse. Bei der Europawahl 2009, die auch auf der Insel nach dem Verhältniswahlrecht abgehalten wird, erreichten sie landesweit sechs Prozent. Neben Lucas entsandte die Partei auch Jean Lambert nach Straßburg. Lambert wird in Zukunft mit einem anderen Parteikollegen Vorlieb nehmen müssen. Lucas wird in London sein.

Ihr Siegeszug in Brighton ist für Beobachter der Parteienlandschaft in Großbritannien der logische Schluss einer Entwicklung in der Partei, für die auch Lucas verantwortlich zeichnet. Sie führte die parteiinterne Kampagne an, die die Kakophonie an der Parteispitze beendete und einen Vorsitzenden durchsetzte. Sie beseitigte nicht nur die Ablehnung eines "Führungskultes" bei den Grünen, sie kandidierte auch für den neugeschaffenen Posten, wurde vor zwei Jahren die erste Vorsitzende und erdete die Partei, die mit ihrer Radikalität viele Bürger verschreckte.

Die größte Leistung von Caroline Lucas ist es, so schreibt der Independent, dass sie die Grüne Partei wählbar gemacht hat - und dass die Partei nicht mehr als politischer Witz gilt.

© sueddeutsche.de/mcs
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