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Cannabis:Frei high

Der Chef der Kripo-Gewerkschaft BdK fordert Straffreiheit für Konsumenten, die Befürworter einer Legalisierung applaudieren. Doch Mediziner warnen vor den Folgen.

Von Joachim Käppner und Michaela Schwinn

20. Hanfparade 'Legalisierung liegt in der Luft'

"Legalisierung liegt in der Luft" lautete 2016 das Motto der Berliner Hanfparade. Plakate können sich die Demonstranten sparen, das charakteristische Blatt ist Botschaft genug.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Was in dem alten Hof in Bergheim bei Köln vorging, scheint Nachbarn merkwürdig vorgekommen zu sein; jedenfalls erhielt die Polizei einen anonymen Tipp. Sie rückte am vergangenen Donnerstag mit Großaufgebot samt Hubschrauber an und wurde fündig: In dem verwinkelten Gebäude waren überall Cannabispflanzen zu finden, "in unterschiedlichen Größen und Wuchsstadien", dazu viel Ausrüstung. Allein in einer kleinen Halle standen Hunderte der Pflanzen mit den prägnanten Blättern. Der Eigentümer, ein 39-Jähriger, wurde festgenommen.

Hasch, aus der Cannabispflanze gewonnen, ist weiterhin eine der beliebtesten Drogen - aber auch in Deutschland wie fast überall illegal, trotz mancher Lockerungen. Nun hat ausgerechnet André Schulz, Vorsitzender des Bundes der Kriminalbeamten (BdK), sich in der Bild für eine komplette Entkriminalisierung von Cannabis-Konsumenten eingesetzt. Die derzeitige Rechtslage, sagte er dort, stigmatisiere Menschen und lasse "kriminelle Karrieren erst entstehen".

Cannabis, sagt Mediziner Freisleder, "ist nicht so harmlos, wie viele Leute annehmen."

Die Entkriminalisierung und Legalisierung werden schon seit der Flower Power-Zeit gefordert, als Hasch zur Kultdroge aufstieg. Hymne der Befürworter war "Legalize it" vom Reggae-Sänger Peter Tosh (1976): "Legalize it, yeah yeah / That's the best thing you can do / Doctors smoke it / Nurses smoke it / Judges smoke it / Even the lawyer, too." Und weil es eben auch Ärzte, Krankenschwestern, Richter und Anwälte rauchen, ist das Unrechtsbewusstsein in der Bevölkerung so gering wie die Begeisterung der Fahnder, wegen geringer Mengen aufwendig zu ermitteln.

Dennoch hält die größere Gewerkschaft der Polizei (GdP) nichts vom Vorstoß des Kripo-Kollegen, wie ihr Chef Oliver Malchow der SZ sagte: "Cannabis bleibt eine Einstiegsdroge. Man kann doch nicht so tun, als ob Cannabis ungefährlich sei. Jetzt gibt es immerhin noch die Hemmschwelle, sich strafbar zu machen." Gerade bei Jugendlichen stelle die Staatsanwaltschaft Verfahren wegen Cannabis meist ein, wenn diese eine Drogenberatung wahrnehmen - daher sei das Wort "Kriminalisierung" unangemessen.

Lennart Westermann sieht das genau umgekehrt. Seit fast 35 Jahren arbeitet er mit Suchtkranken zusammen, seit sieben Jahren ist er Leiter der Drogenberatungsstelle "Drobs" in Hannover. Immer öfter kommen Jugendliche zu ihm, die Cannabis konsumieren, aber meist nicht, weil sie damit Probleme hätten, sondern weil sie von der Jugendgerichtshilfe geschickt werden. "Diese Kriminalisierung muss aufhören", sagt Westermann. "Sonst ist keine sinnvolle Prävention möglich." Das Verbot von Cannabis behindere die Arbeit seiner Beratungsstelle. "Wir würden gerne in Schulen über die Risiken von Cannabis aufklären, wie bei Alkohol und Tabak", sagt Westermann. Wenn sich aber ein Schüler im Unterricht als Kiffer outet, bekomme er sofort Ärger; häufig würden die Eltern oder die Polizei verständigt. Westermann befürwortet den Vorstoß des BdK, so wie es am Montag auch die Bundestagsfraktion der FDP tat. Sie fordert "eine kontrollierte Abgabe von Cannabis an Volljährige." Die GdP dagegen warnt, dass Jugendliche auch bei einer Legalisierung leicht an die Droge kämen - auf dem Schwarzmarkt, der, so Malchow, "keineswegs austrocknen würde".

Westermann ist überzeugt, dass die Polizei deshalb überlastet sei, weil sie die Konsumenten kontrolliere, statt sich auf die Dealer zu konzentrieren. Der Verkauf von unreinen Drogen oder Inhaltsstoffen sei es, was Cannabis wirklich gefährlich mache. Wenn der Staat den Verkauf und Anbau kontrollieren würde, sänke diese Gefahr erheblich. Eine staatliche Institution, die das leisten könnte, ist bereits in Planung: die Cannabisagentur des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Denn auf Rezept ist Cannabis schon jetzt legal erhältlich: Im März 2017 wurde schwer kranken Patienten der Zugang zu Cannabis erleichtert. Ärzte können es verschreiben, die Krankenkassen zahlen. Cannabis soll Schmerzen lindern, Muskeln entspannen und den Appetit anregen.

Aber es gibt auch Studien über negative Folgen: In hohen Dosen könne Cannabis das Gehirn schädigen und Psychosen auslösen. Die Bundesärztekammer warnte: "Kiffen ist kein harmloses Freizeitvergnügen." Cannabis könne abhängig machen. Dies sagte Erik Bodendieck, Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Sucht und Drogen", in der Neuen Osnabrücker Zeitung. Auch der ärztliche Direktor der Heckscher-Klinik für Jugendpsychiatrie in München, Franz Joseph Freisleder, hält Folgeschäden von Cannabis für ein ernsthaftes Problem: "Statt die Schwelle zum Haschkonsum zu senken, sollte man sie so hoch wie möglich halten." Er sieht drei Problemgruppen: Erstens Jugendliche, die unter Psychosen litten; dies seien "oft auch solche, die früh und regelmäßig Cannabis konsumiert haben, es kann diese Psychosen anstoßen". Zweitens stehe Cannabis-Missbrauch "immer wieder am Beginn dissozialer Karrieren". Drittens: Andere junge Konsumenten würden apathisch und seien für Therapien kaum noch ansprechbar. Freisleder sagt: "Cannabis ist nicht so harmlos, wie viele Leute annehmen."

© SZ vom 06.02.2018
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