Cancel Culture:Scharfe Kritik an Humboldt-Uni

Lesezeit: 2 min

Cancel Culture: Vor dem Hauptgebäude der Humboldt-Uni haben Aktivisten Transparente angebracht.

Vor dem Hauptgebäude der Humboldt-Uni haben Aktivisten Transparente angebracht.

(Foto: Christophe Gateau/dpa)

Dass die Berliner Universität den Vortrag einer Wissenschaftlerin über das biologische Geschlecht abgesagt hat, schlägt hohe Wellen. Ein neuer Fall von Cancel Culture?

Von Jan Heidtmann, Berlin

Am Tag Zwei danach wurde der Ton nochmals verschärft. "Boykott, Bashing, Mobbing oder gar Gewalt dürfen keinen Erfolg haben", sagte Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands der Deutschen Presse-Agentur. In Universitäten müsse "jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler ihre und seine Forschungsergebnisse, Thesen und Ansichten ohne Angst zur Diskussion stellen können." Am Abend zuvor hatte sich bereits Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) per Bild-Zeitung zu Wort gemeldet. "Wissenschaft lebt von Freiheit und Debatte. Das müssen alle aushalten."

Anlass für diese Appelle war der Vortrag einer Doktorandin und wissenschaftlichen Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität (HU), der am Samstag abgesagt worden war. Die Verhaltensbiologin Marie-Luise Vollbrecht wollte im Rahmen der "Langen Nacht der Wissenschaften" eine halbe Stunde über "Geschlecht ist nicht (Ge)schlecht. Sex, Gender und warum es in der Biologie zwei Geschlechter gibt" sprechen. Der "Arbeitskreis kritischer Jurist*innen" hatte bereits in den Tagen zuvor in den sozialen Medien zu Protesten gegen die Veranstaltung aufgerufen, am Samstag folgten Appelle von Unterstützern der Wissenschaftlerin.

"Wir werden die Auseinandersetzung aushalten"

Seitdem ringt das Präsidium der HU mit dem Vorwurf, sich den Aktivisten gebeugt zu haben, das Schlagwort heißt "Cancel Culture". Die Universität habe der Wissenschaftsfreiheit einen Bärendienst erwiesen, mahnte Hochschulpräsident Kempen. Die Universitätsleitung ist von der massiven Kritik an der Entscheidung überrumpelt: "Dass die Diskussion so eskaliert, das haben wir tatsächlich unterschätzt", sagt Sprecher Boris Nitzsche. Der Vortrag sei als Auftaktveranstaltung zum siebenstündigen Programm zur Nacht der Wissenschaften an der HU geplant gewesen. Wegen der angekündigten Proteste und Gegenproteste "kamen wir zu dem Schluss, dass wir die Sicherheit der Veranstaltung nicht mehr gewährleisten können."

Als Co-Autorin hatte die junge Wissenschaftlerin bereits einige Wochen zuvor mit einem umstrittenen Beitrag in der Welt für heftige Debatten gesorgt. Darin wurden ARD und ZDF kritisiert, in zahlreichen Sendungen werde "die Tatsache geleugnet, dass es nur zwei Geschlechter gibt". Dem wollte Vollbrecht, die sich in einem Interview in der Welt vom Montag selbst als "sehr links" bezeichnet, entgegentreten: "Es gibt ein Problem im Verständnis zwischen Biologie und Soziologie, was Geschlecht bedeutet. In der Biologie ist es ein evolutionärer Fakt, dass es nur zwei Geschlechter gibt."

Nach Aussagen der HU war der Vortrag Vollbrechts nicht als Provokation geplant gewesen. Jeder, der an der Universität wissenschaftlich arbeite, habe das Recht, zur "Langen Nacht" beizutragen, erklärt Nitzsche. "Zum Zeitpunkt der Planung war das Ausmaß der Diskussion nicht absehbar." Nun soll es am 14. Juli eine Veranstaltung zu der aufgeladenen Debatte geben. "Wir werden die Auseinandersetzung aushalten", sagt Nitzsche. Den Vortrag selbst hat Vollbrecht nun auf Youtube gehalten.

Zur SZ-Startseite
Bildauftrag von SZ: Melina Rauh (Elli) für S3 von Thorsten Schmitz.

SZ Plus21 aus 2021Transsexualität
:Sie, Er, Ich

Es gibt viele Geschichten über Menschen, die ihr Geschlecht angleichen. Die meisten haben ein Happy End. Aber Ellie R. bereut es. Das ist ihre Geschichte.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB