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Cameron auf Parteitag der Tories:Getriebener statt Antreiber

Premierminister David Cameron auf dem Parteitag der Tories in Manchester

(Foto: AP)

Es ist zurzeit nicht leicht, ein Konservativer in Großbritannien zu sein. Am meisten zu spüren bekommt das der britische Premierminister und Tory-Chef Cameron. Er, der es gerade niemandem recht machen kann, muss seine Partei auf einen gemeinsamen Kurs einschwören - um sie für die Wahl in anderthalb Jahren auf die richtige Spur zu hieven.

Von Stefan Kornelius

Nun also die Brotmaschine, zuvor das Nickerchen in der Hochzeitssuite, dann das Gespött der Rechten, die Niederlage im Parlament - von der Würde des Amtes ist nicht mehr viel zu sehen, wenn der britische Premierminister an diesem Mittwoch vor sein Parteivolk tritt und die Einheit der Tories beschwört. David Cameron muss man sich eher entblößt vorstellen, fast schon nackt, wenn man den Zustand des Mannes und den Erwartungsdruck seiner Leute vor diesem großen Reden-Ereignis erfassen will.

Ja, der 46 Jahre alte Premier kennt den aktuellen Preis für einen Laib Brot nicht - weil die Camerons zu Hause eine Brotbackmaschine haben. Brotbackmaschinen haben gestandene Tories aber nicht, das haben nur Liberale und die Freunde der kontinentalen Cuisine. Womit wieder einmal ein Beweis erbracht wäre, dass Cameron nicht konservativ genug ist und zu abgehoben für eine Meute, der jetzt nach Blut ist.

Es ist zurzeit nicht leicht, ein Tory zu sein in Großbritannien. Die Konservativen werden aufgerieben von der rechtspopulistischen UKIP und den Liberaldemokraten, mit denen sie auch noch ein Bett in der Koalition teilen müssen. Sie haben sich intern gespalten und kämpfen im Parlament untereinander. Sie sind für oder gegen Europa, für oder gegen das Sparen, für oder gegen den Einsatz in Syrien. Und an ihrer Spitze steht der Parteivorsitzende und Premierminister Cameron, der irgendwie alles gleichzeitig sein will und am Ende während einer Hochzeitsfeier erschöpft über seinem roten Köfferchen mit den Regierungsunterlagen einschläft. Das Foto aus der Suite der Brautleute fand seinen Weg an die Öffentlichkeit.

Der Parteitag soll die Tories nun wieder zusammenbringen. Ach was: Er muss, denn in anderthalb Jahren wollen die Briten wählen, wenn Cameron bis dahin die Attacken vor allem der EU-Gegner aus seiner Partei übersteht. In wenigen Wochen will er ihnen seinen Beuteplan vorlegen - die Liste der Reformforderungen, die er an die EU stellt. Schon wieder eine taktische Dummheit, denn entweder werden sie ihn an seinen selbst gesteckten Zielen messen (und er wird scheitern), oder die Latte gleich noch höher legen.

Cameron ist kein geschickter Taktiker, immer wieder lässt er sich von der Meute treiben, anstatt Gefolgschaft einzufordern. Vielfach wurde vermutet, dem Premier fehle der Instinkt, um mit den Intriganten in Unterhaus und Partei umzugehen. Ein Gewächs der Oberschicht eben, abgehoben, unzuständig für die eigentlichen Probleme. In Camerons erster privater Erziehungsanstalt Heatherdown pflegte man am Ausflugstag der Schule drei Toilettenhäuschen in die Natur zu stellen: für Ladies, Gentlemen und Chauffeurs.

Wer heute über Camerons Gelassenheit im Auge des Sturms rätselt, der muss die Unumstößlichkeit der Weltordnung aus der Perspektive der britischen Oberschicht kennen. Auf dem Parteitag hat sie aber keine Mehrheit.

© SZ vom 02.10.2013

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