Trauerfeier Amerika hält inne

Der Tod von George H. W. Bush löst unerwartet heftige Trauer aus. Dabei beweinen die Menschen auch ein Land, das es so nicht mehr gibt. Ein Mann wie Bush hätte heute keine Chance mehr auf die Präsidentschaft.

Von Hubert Wetzel, Washington

Im Angesicht des Todes wird Washington plötzlich ganz zahm. Sogar Donald Trump benimmt sich. Er ist ins Kapitol gefahren und hat dem verstorbenen George H. W. Bush die letzte Ehre erwiesen. Er hat Staatstrauer angeordnet und die Flaggen im ganzen Land für 30 Tage auf halbmast setzen lassen. Er hat die Familie des ehemaligen Präsidenten im Blair House untergebracht, dem offiziellen Gästehaus der Regierung. Und am Mittwoch saß Trump in der Kathedrale von Washington und nahm zusammen mit der Nation und Politikern aus aller Welt - darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel - Abschied von seinem Vorgänger.

Die Bushs hatten sich Trumps Anwesenheit ausdrücklich gewünscht. Das war bemerkenswert, denn dass der amtierende Präsident zu derartigen Feierlichkeiten eingeladen wird, ist längst nicht mehr selbstverständlich.

Washington trauert um George H. W. Bush

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Trump hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die Bush-Präsidenten - Vater George Herbert Walker Bush und dessen Sohn George W. Bush - für Versager und Weichlinge hält. George W. hatte er einst als "den schlechtesten Präsidenten aller Zeiten" bezeichnet. Dessen Bruder Jeb Bush hatte er im Vorwahlkampf 2016 regelrecht fertiggemacht. Am rechten Rand der Republikaner kam das durchaus gut an, dort hält man die Bushs ebenfalls für elitäre Pseudokonservative.

Aber Donald Trump hat ein gutes Gespür für Stimmungen. Und als am vergangenen Wochenende die Nachricht vom Tod Bushs bekannt wurde, war die überwältigende Stimmung im Volk Trauer, in die sich eine unmissverständliche Sehnsucht mischte. Eine Sehnsucht nach der Zeit, als Politik noch kein mörderischer Nahkampf war und Politiker noch halbwegs anständig miteinander umgingen; als Kompromisse noch nicht als Verrat galten, und die andere Partei nicht als Feind.

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Bei Twitter, Trumps bevorzugtem Medium, machte sofort ein Bild jenes freundlichen, ermutigenden Briefchens die Runde, das Bush nach der verlorenen Wahl 1992 seinem Nachfolger Bill Clinton auf den Schreibtisch im Oval Office gelegt hatte. Er drücke ihm die Daumen, schrieb der Wahlverlierer, denn Clintons Erfolg sei von nun an Amerikas Erfolg.

Amerika hat sich seit Bush verändert

Dass Trump sich nach einer Niederlage so großzügig verhalten könnte, glaubt niemand, am wenigsten wohl Trump selbst. Doch er sah, wie sehr sich die Amerikaner nach dieser Art von Respekt, Zivilität und Patriotismus sehnten - vielleicht genau deswegen, weil ihr amtierender Präsident auf derartige altmodische Tugenden normalerweise pfeift. Also stimmte Trump in den Chor ein und twitterte freundliche Dinge über den alten Bush und dessen Familie, auch wenn er am Mittwochmorgen einen Teil der Zeit vor dem Trauergottesdienst damit verbrachte, den nervösen Märkten zu versichern, dass mit China doch noch alles gut werden würde.

All die Lobpreisungen, mit denen Demokraten und Republikaner den Verstorbenen in den vergangenen Tagen überhäuft haben, können freilich nicht über eine Wahrheit hinwegtäuschen: Keine Partei in den USA würde heute einen Mann wie George Herbert Walker Bush als Präsidentschaftskandidaten aufstellen, egal, was er geleistet oder wie heldenhaft er seinem Land im Krieg gedient hat. Amerika hat sich seit Bush verändert, und mit dem Land die Politik und die Parteien.

So mögen die Demokraten Bush jetzt im Rückblick verklären. Aber dass sie selbst einen reichen, weißen, privilegierten Mann aus dem Ostküstenadel, den Spross einer politischen Dynastie, zum Kandidaten für das Weiße Haus machen, ist heutzutage kaum vorstellbar. Das sollte zum Beispiel dem jungen Abgeordneten Joseph Patrick Kennedy III zu denken geben, dem Enkel von Bobby Kennedy und Großneffen von JFK, der angeblich eine Präsidentschaftskandidatur erwägt. Vielleicht sollte sich aber auch der ehemalige Senator und Außenminister John Kerry die Sache mit der Kandidatur noch mal überlegen. Die Zeit der Neuengland-Patrizier ist bei den Demokraten wahrscheinlich vorbei.

Auch bei den Republikanern hätte jemand wie Bush heute keine Chance. Das musste Jeb Bush 2016 bitter erfahren. Die Partei hat kein Problem mit weißen Männern, aber sie hat sich Trumps xenophobem, polterndem, engstirnigem Nationalismus unterworfen, den Leute wie George H. W. Bush stets ablehnten. Trump ist in politischer wie persönlicher Hinsicht das Gegenteil des alten Bush. Genau das ist der Grund, warum dieser, ein stolzer Republikaner, 2016 nicht für den Präsidentschaftskandidaten seiner Partei gestimmt hat. Und es ist kein Zufall, dass jene Kommentatoren, die Trump am heftigsten verteidigen, am wenigsten um Bush trauerten.

Und so waren die Trauerfeierlichkeiten für Bush vor allem eine Gelegenheit, das alte, bessere Washington und die Erinnerung an die bröckelnde westliche Weltordnung zu feiern. Einer der eindrücklichsten Momente der letzten Tage war jener, als der greise republikanische Politiker Bob Dole im Kapitol vor Bushs Sarg salutierte - zwei Veteranen, die für diese Weltordnung fast ihr Leben gegeben hätten. Der Infanterist Dole wurde 1945 in Italien von einem deutschen Maschinengewehr zersägt, der Kampfpilot Bush wurde 1944 von den Japanern abgeschossen. Sie repräsentieren ein anderes Amerika als das von Donald Trump; eins, das es nicht mehr gibt.

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