George H. W. Bush Der letzte Patrizier im Weißen Haus

Der ehemalige Präsident George H.W. Bush ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Dies teilte ein Sprecher der Familie via Twitter mit.

(Foto: dpa)

Für die Pose des Triumphs war er nicht gemacht. George H. W. Bush war ein Pflichtmensch. Und für Deutschland ein Glücksfall.

Nachruf von Stefan Kornelius

Noch im vergangenen Jahr waren ein paar Deutsche zu Besuch bei George H. W. Bush in Kennebunkport, dem Sommerdomizil des früheren Präsidenten im Nordosten. Bush war nicht sonderlich mobil, und viele Worte mochte er auch nicht sagen, aber er hörte aufmerksam zu. Wie es denn so gehe zwischen West und Ost in Deutschland, wie sich Angela Merkel halte. Und aus ein paar schnarrenden, schneidigen Bemerkungen war schnell klar, dass sich in diesem gebrechlichen Körper ein wacher, gar ironisch-bissiger Geist verbirgt. Es war derselbe Geist, der dem "lieben Donald" am 10. Januar 2017 eine Achtzeiler schickte mit einem Bedauern über die Absage zur Inauguration."Mein Arzt sagt mir, dass ich vermutlich sechs Fuß unter der Erde lande, wenn ich im Januar draußen herumsitze. Gleiches gilt für Barbara. Also hängen wir vermutlich in Texas fest." Bush bietet dann noch seine Hilfe an, wenn sie denn nötig sei.

Vermutlich hat er das ernst gemeint. George Herbert Walker Bush hat ein sehr ernst gemeintes aber auch ein sehr ironisch-leichtes Leben gelebt - soweit das einem Präsidenten der vereinigten Staaten möglich ist. Ein Pflichtmensch wie er tut seine Pflicht, und wenn es sich um die Bürde des Präsidentenamtes handelt. Der Rest ist Familie und Leben - so wie es bei den Bushs früher üblich war. Kein Aufhebens, keine Jammerei. Tun.

Geradlinig durch turbulente Zeiten

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George H. W. Bush war der letzte Patrizier im Weißen Haus. Vielleicht war er auch der letzte Patrizier bei den Republikanern. Ganz bestimmt aber war George H.W. Bush der letzte amerikanische Präsident des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges und damit der wirklich letzte transatlantische Präsident. Und er war der Vater des Präsidenten einer neuen Epoche. Es ist so leicht aufzuzählen, was George Herbert Walter Bush alles war. Wenn er es nur mal selbst gewusst hätte.

Amerika, 1988, Wahlkampf, es geht um die Präsidentschaft. Ronald Reagan verlässt das Amt nach acht Jahren, es treten an George Bush und Michael Dukakis. Bush will endlich aus seiner Haut, sein wahres Ich zeigen, lebendig wirken. Plötzlich klopft er sich auf die Brust, immer wieder, "wir müssen mich da raus kriegen", sagt er und schlägt sich an die Stelle, wo das Herz sitzt. "Wir müssen da mehr von mir rausholen."

Bush haderte Zeitlebens mit seiner Wirkung. Er, der Perfektionist, konnte in so viele Rollen schlüpfen, wenn man sie nur von ihm verlangte. Aber nun, als Präsident, sollte er alle Rollen ablegen und Vorbild sein, sein eigener Charakter, unverstellt. Damit fremdelte er. Wer immer nur dient, der kann nicht plötzlich an der Spitze stehen.

Bush war ein Pragmatiker der Macht, ein Technokrat. Vielleicht tat er sich deshalb so schwer mit der freien Wahl, dem Spiel mit den Emotionen der Wähler. Zweimal bemühte er sich um einen Sitz im Senat, einmal aus eigenem Antrieb gar um die Präsidentschaft - diese Wahlen verlor er allesamt. Bush diente also den Präsidenten Nixon, Ford und Reagan. Nixon machte ihn 1970 zum UN-Botschafter in New York, zwei Jahre später übertrug er ihm den Geschäftsführerjob bei den Republikanern - eine mehr administrative und organisatorisch wichtige Position in den USA.

Als Nixon gestürzt und Gerald Ford im Amt installiert war, schickte ihn der Präsident nach Peking, wo er das US-Verbindungsbüro leitete. Kaum war Ford zum ersten Mal erfolgreich nach Peking gereist, rief er Bush zurück nach Washington und übertrug ihm die Führung des (mal wieder) skandalgeschüttelten Geheimdienstes CIA. Bush war ein Insider der Macht, ein Mann Washingtons - und vor allem ein Netzwerker. Einer behauptete mal, der Mann müsse 75 Stunden am Tag telefoniert, Karten und Briefe geschrieben haben - niemand führe ein eindrucksvolleres Telefonbuch der Macht.

Für die ultimative Macht sollte es dennoch nicht reichen. Ronald Reagan, der Gouverneur und Schauspieler aus Kalifornien, schlug Bush im Vorwahlkampf um die Präsidentschaft 1980. Dann, wenige Stunden vor dem Nominierungsparteitag, trug er ihm die Vizepräsidentschaft an. Bush akzeptierte, bereit zu dienen. So hatte er es gelernt, von seinem Vater, Prescott Sheldon Bush, der als Geschäftsmann sehr viel Geld verdient hatte und selbst zehn Jahre im Senat saß. Es gab Prinzipien im Hause Bush. Und Überzeugungen. Die wichtigste: Dass man einer bestimmten Klasse angehörte, dass man mit einem Netzwerk an Gleichgesinnten Großes erreichen konnte, dass man der Aristokratie der Gründerväter angehörte.

Als Bush die Präsidentschaft von Reagan übernahm, sollte er mit Hilfe dieser Prinzipien regieren. Freunde statt großer Ideen, ein Netzwerk in der ganzen Welt statt der luftigen Visionen zur Innenpolitik. Sein Kabinett füllte er mit Männern seiner Herkunft - reich, unabhängig, solide, erfahren. Nur auf sie würde er hören. George Bush war ein außenpolitischer Präsident, er steuerte das Land im Augenblick des größten Triumphs - als die Sowjetunion kollabierte und der Kalte Krieg endete.

Für Deutschland ein Glücksfall

Aber Bush hielt keine Siegesrede auf einem Flugzeugträger, wie es der Sohn 14 Jahre später tun sollte. Die Pose des Siegers war ihm fremd - der Ausdruck der Freundschaft war ihm wichtiger. Vielleicht entstand deshalb die enge Bindung zum deutschen Bundeskanzler. Helmut Kohl, der persönliche Loyalitäten über alles schätzte, hatte in Bush einen Bruder im Geist gefunden.

Für Deutschland war Bush ein Glücksfall. Der Präsident verstand ohne Zögern, dass mit dem Fall der Mauer die Vereinigung unaufhaltsam war. Und er wusste instinktiv, dass dieses Deutschland an Amerika gebunden werden sollte: in der Nato, im westlichen Bündnis, auf keinen Fall in der Neutralität. Hätte Bush nicht auf den simplen Grundsätzen bestanden, dann wäre das außenpolitische Geschäft der Vereinigung weniger glatt verlaufen.

Prinzipien aber kein Triumph: Noch ein zweites Mal entschied sich Bush für die Pose der Bescheidenheit, als er mit einer großen Koalition und einer halben Million Soldaten Saddam Hussein aus dem besetzten Kuwait vertrieb. Das Bild vom übermächtigen Amerika war begründet. Zuhause aber fühlten die Menschen die wirtschaftliche Schwäche und wandten sich lieber dem Mann mit den Visionen zu: Bill Clinton. George Bush wurde abgewählt. In der Nacht zum Samstag starb er, 94-jährig, in seinem Haus in Houston, Texas.

"Patriot und bescheidener Diener"

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