Burkini Burkini-Verbot für die Freiheit? Frankreich verrennt sich

Eine Frau im Burkini am Strand in Tunis. Das Badegewand hat sich zum Politikum in Frankreich entwickelt.

(Foto: AFP)

Die französischen Behörden missbrauchen die Trennung von Religion und Staat, um Muslime zu diskriminieren - allen voran Frauen im Burkini.

Ein Kommentar von Christian Wernicke, Paris

Frankreich plagen viele Probleme. Zum Beispiel: 238 unschuldige Menschen sind seit Januar 2015 islamistischen Gewalttätern zum Opfer gefallen. Mehr als 3,5 Millionen Landsleute finden keine Arbeit. Terror und soziale Krise verunsichern die Bürger, zersetzen ihr Vertrauen in die Politik. Der bleierne Trübsinn erdrückt den Glauben an die französische Fähigkeit, sich aufraffen und selbst erneuern zu können. Doch siehe da, plötzlich wallt Leidenschaft auf. Die Nation bebt. Doch weshalb? Wegen eines Badeanzugs.

Frankreichs Streit um den Burkini eskaliert zum Kulturkampf. Das umstrittene meist schwarze Textil - eine Art Ganzkörper-Badekleid ohne Schleier für muslimische Frauen - wird zum Glaubenssymbol der Republik.

Angefangen hat alles Ende Juli, als der Bürgermeister von Cannes jedwede Strandbekleidung untersagte, die "auf ostentative Weise die Zugehörigkeit zu einer Religion zum Ausdruck bringt". Seither vertreiben die Polizisten in mittlerweile zwei Dutzend Städtchen nicht nur Frauen im Burkini vom Strand. Verweis und Geldbuße (sowie das Gespött von Gaffern) drohen genauso jeder Muslima, die in Leggings, in langärmeliger Bluse und mit einem Kopftuch im Sand sitzt. Menschenrechtler und Muslime bangen um die Glaubensfreiheit, derweil die Bürgermeister und die Staatsmacht in Paris allen Ernstes beteuern, sie verteidigten Werte und Prinzipien der Republik.

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Noch im Mai lud Cannes Bürgermeister zum "Islamic Fashion Festival" ein

Der Burkini ist zum Kampfgewand geworden. Man wähnt sich in einer Abwehrschlacht. Millionen Franzosen sehen in dem Badeanzug ein weiteres Zeichen dafür, dass der Islam immer mehr Raum erobert. Das schürt Ängste. So ähnlich mögen, zumindest heimlich, auch viele Deutsche fühlen.

Schon fordern konservative Republikaner, Französinnen in Burka oder Niqab die Bürgerrechte abzuerkennen. Cannes' Stadtoberhaupt verteufelte den Burkini als "Uniform des extremistischen Islamismus". Nur zur Erinnerung: Noch im Mai ließ derselbe Monsieur le Maire in Luxushotels ein "Islamic Fashion Festival" inszenieren, um kaufkräftigen Gästen aus Arabien muslimische Mode (samt Schleier) zu präsentieren.

Dennoch, blinder Populismus und billige Bigotterie allein erklären nicht, warum das Land dieser Tage dem mentalen Ausnahmezustand entgegendriftet. Für Frankreich steht mehr auf dem Spiel, die Auseinandersetzung rührt an eine der Grundfesten der Republik: den Laizismus. Seit 1905, seit über einem Jahrhundert also, gilt die strikte Trennung von Staat und Religion. Nun wird verboten, im unerschütterlichen Glauben an die Freiheit: Der Burkini, so hat Premierminister Manuel Valls donnernd verkündet, sei eben "keine Bademode", sondern "Ausdruck einer Gegen-Gesellschaft, die auf die Versklavung der Frau abzielt". Wohlgemerkt, Valls ist kein Rechtsaußen, sondern Sozialist. Und Franzose.

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Inzwischen artet die Sache aus. Eingefleischte Anhänger der Trennung von Kirche und Staat vergessen beflissen, dass ihre laizistische Grundordnung zunächst einmal ein individuelles Grundrecht garantiert: die Freiheit des Einzelnen zu glauben, was und an wen man will. Männer wie Valls hingegen betonen nur noch die (sehr französische) Kehrseite des Laizismus: die Freiheit ihrer Staatsmacht von jedweder Religion. Vor hundert Jahren war dieses Prinzip ein Fortschritt. Und eine Befreiung - gegen den Einfluss einer erzkatholischen Kirche, die noch immer mit Monarchisten und Royalisten verbandelt zu sein schien. Heute jedoch, da die Kirchen sich leeren und überall im Land neue Moscheen entstehen, entdecken die Laizisten einen neuen fremden Gegner - den Islam, die Muslime.

Der heraufziehende Wahlkampf vergiftet die Atmosphäre obendrein. Valls wie auch der konservative Ex-Präsident Nicolas Sarkozy verklären den Laizismus zur Staatsideologie, zur Ersatzreligion für die Nachfahren der Jakobiner. Als könne, als müsse der allmächtige Staat im 21. Jahrhundert noch immer alles reglementieren. Sarkozy will das Kopftuch nicht mehr nur in Schulen untersagen, sondern auch an der Universität und am Arbeitsplatz. Valls erwog, gleich sämtliche "religiösen Bezüge" aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Also keine jüdische Kippa mehr? Nirgendwo mehr eine katholische Prozession oder die Weihnachtskrippe?

Frankreichs Laizisten verrennen sich. Ihre Version der Religionsfreiheit verkümmert in den Augen der mehr als vier Millionen Muslime zu einer Weltanschauung der Ausgrenzung. Die Trennung von Kirche und Staat, einst Befreiung, wird zum Druckmittel. Und zur Keule, die am Ende keine wilder schwingen kann als Marine Le Pen, die Populistin vom Front National. Sie wartet auf ihren Augenblick.

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