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Burkina Faso:Wahlkampf im Niemandsland

Unterstützer des Kandidaten Zephirin Diabre in Ouagadougou.

(Foto: OLYMPIA DE MAISMONT/AFP)

Das afrikanische Land steht vor gewaltigen Problemen: Krieg, Vertreibung, Hungersnot - eine riesige Aufgabe für einen künftigen Präsidenten. Trotzdem hat Amtsinhaber Roch Kaboré ein Dutzend Herausforderer.

Von Anna Reuß, München

Aboubacar Dicko hat ausgerechnet die "Achse des Todes" für einen seiner Wahlkampfauftritte gewählt. Die Menschen in Burkina Faso nennen die Straße im Norden so, weil bewaffnete Gruppen dort Blockaden errichten, Papiere kontrollieren und Beamte töten. Doch Aboubacar Dicko, ein 24 Jahre alter Student und unabhängiger Kandidat für die Parlamentswahlen an diesem Sonntag, wagt sich dorthin: "Wenn alle von dort fliehen", sagte er der französischen Zeitung Le Monde, "dann können Sie die Provinz Soum genauso gut von der Karte streichen." Der Onkel des Jungpolitikers war einer der letzten gewählten Beamten dort; er wurde von Terroristen getötet.

An diesem Sonntag sollen die Menschen in Burkina Faso nicht nur ein neues Parlament wählen, sondern auch den Staatschef. Präsident Roch Kaboré, der vor fünf Jahren bei den ersten freien und fairen Wahlen nach dem Sturz des langjährigen Diktators Blaise Compaoré ins Amt kam, stellt sich für weitere fünf Jahre zur Wahl. Insgesamt hat er zwölf Herausforderer.

Das westafrikanische Burkina Faso gehört zur Sahelregion, die sich vom Golf von Guinea bis Tschad erstreckt. Dort terrorisieren seit einem Sezessionskonflikt im Nachbarland Mali im Jahr 2012 militante Islamisten die Menschen. Terroristen konnten dort ein Machtvakuum ausnutzen und sich in der Region ausbreiten.

In kaum einem Staat der Sahelregion verschlechterte sich die Lage so schnell wie in Burkina Faso: Etwa eine Million Menschen wurden aufgrund von Terrorismus und ethnischer Konflikte vertrieben. Zwischenzeitlich waren mehr als tausend Schulen geschlossen, fast 200 000 Kinder konnten deshalb nicht mehr zum Unterricht. Die Vereinten Nationen nennen sie die "verlorene Generation".

Teile von Burkina Faso sind Niemandsland, wo die staatliche Autorität praktisch keine Kontrolle mehr hat. Das Sicherheitsproblem überschattet bei der Wahl alle anderen Themen: Noch-Präsident Kaboré hat im Wahlkampf versucht, die Menschen in Burkina Faso davon zu überzeugen, dass er noch immer der Richtige für die unermesslich schwierige Aufgabe sei, Frieden zu schaffen.

Dabei starben seit 2015 Schätzungen zufolge an die 2000 Burkiner bei Angriffen von Aufständischen. Das andauernde Sicherheitsproblem macht Burkina Faso anfällig für andere Krisen: Laut den Vereinten Nationen droht in Teilen des Landes eine Hungerkrise.

Im Juli hatten die wichtigsten Parteien für eine Gesetzesänderung gestimmt, die dazu führte, dass einige Gemeinden von der Wahl ausgeschlossen wurden, weil dort die Sicherheitslage so schlecht ist. Die größte Herausforderung besteht nun darin, die Wahlen ohne größere Zwischenfälle abzuhalten. Der Chef der Nationalen Wahlkommission sagte dem Magazin Jeune Afrique, er sei zuversichtlich, dass die Sicherheitsmaßnahmen ausreichen würden.

Am Wahltag sollen etwa 50 000 Angehörige der Sicherheitskräfte eingesetzt werden. Terroristische Gruppierungen hatten bereits in den vergangenen Wochen damit gedroht, die Wahlen zu sabotieren. Vor allem Politiker und Gemeindevorsteher wurden zum Ziel der Extremisten.

Nach der Wahl steht die nächste Herausforderung an. Nachbarstaaten haben mit politischen Krisen nach Wahlen zu kämpfen: In der Elfenbeinküste, wo sich der wiedergewählte 78 Jahre alte Präsident Alassane Ouattara zuvor per Verfassungsänderung die rechtliche Grundlage für eine dritte, nicht vorhergesehene Amtszeit geschaffen hatte, kam es zu Ausschreitungen. In Guinea hatte der 82 Jahre alte Alpha Condé in diesem Jahr ebenfalls eine Verfassungsreform erzwungen, die ihm eine dritte Amtszeit ermöglicht hat.

In Mali putschte eine Gruppe von Offizieren und setzte gewaltsam Präsident Ibrahim Boubacar Keïta ab. Nach Druck internationaler Organisationen erklärte sich die Militärjunta bereit, innerhalb von 18 Monaten demokratische Wahlen abzuhalten. Einige Beobachter fürchten, dass Burkina Faso eine ähnliche politische Krise nach der Wahl bevorstehen könnte.

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