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Burkina Faso:Schulen im Visier des Terrors

A displaced woman looks on while she waits for help at a village in Dablo area

Hunderttausende sind in Burkina Faso vertrieben durch Islamisten-Milizen, fast 190 000 Kinder können ihretwegen nicht mehr zur Schule.

(Foto: Luc Gnago/REUTERS)

Bildungsminister Stanislas Ouaro zu der bedrohlichen Situation in der Sahel-Region, in der Terroristen Schulen angreifen, um dem Staat zu schaden.

Die Terroristen in der Sahel-Region haben es auf den Staat abgesehen - und nichts verkörpere Vielfalt und Zusammenhalt mehr als eine Schule, meint Burkina Fasos Bildungsminister Stanislas Ouaro. "Sie ist ein Symbol für staatliche Autorität", sagte er in Berlin der Süddeutschen Zeitung. Der promovierte Mathematiker kennt die Zahlen: 1462 Schulen im Land mussten geschlossen werden, weil es zu gefährlich für Schüler und Lehrer wurde, 187 000 Kinder können deshalb nicht unterrichtet werden. Die UN nennen sie die "verlorene Generation". Alleine in diesem Jahr töteten Terroristen sieben Lehrer - zwei von ihnen wurden vor ihrer Klasse geköpft. Es sind erschreckende Zahlen.

Wie in anderen Sahel-Staaten breiten sich islamistische Gruppen auch in Burkina Faso aus. Doch nirgends geht es so schnell: Der Staat verzeichnete mit fast 500 000 Binnenflüchtlingen den größten Anstieg im Vergleich zu 80 000 im Vorjahr. In einer Moschee in der Hauptstadt Ouagadougou wurden im Oktober 16 Gläubige während des Freitagsgebets erschossen. Im November griffen Terroristen den Konvoi einer kanadischen Bergbaufirma an und töteten 39 Arbeiter.

Das von militanten Islamisten heimgesuchte Gebiet ist so groß wie halb Europa

Dieser Terrorismus ist kein hausgemachtes Problem. Mit dem Aufstand im Norden Malis 2012 ergab sich ein Vakuum, in das verschiedene Gruppierungen stoßen konnten. Dort überfielen Islamisten kürzlich einen Armee-Stützpunkt und töteten 55 Menschen. Der Anschlag zeigte erneut, wie schlecht Malis Streitkräfte auf solche Angriffe vorbereitet sind. Das Chaos in der Sahelregion, das sich in den vergangenen Jahren vor den Augen der Welt zusammenbraute, beherrscht mittlerweile ein Gebiet, das so groß ist wie halb Europa, es erstreckt sich bis zum Tschadseebecken. Regierungen in Westafrika befürchten, dass sich die militanten Gruppen weiter ausbreiten und die Küstenländer entlang des Golfs von Guinea destabilisieren.

Der Konflikt wird zunehmend komplexer, und den Regierungen fällt es schwer, eine Antwort zu finden. Zu der terroristischen Bedrohung kommen ethnische Konflikte, die oft mit dem Zugang zu Weideflächen und Wasser einhergehen. Der Klimawandel trifft die karge Sahelregion besonders. "Terroristen versuchen die Volksgruppen gegeneinander auszuspielen, indem sie zum Beispiel den Dorfältesten töten", sagt Bildungsminister Ouaro.

Präsident Roch Kaboré verhängte den Ausnahmezustand in mehreren Provinzen, die meisten davon grenzen an Mali oder Niger. Trotz der Unterstützung durch ausländisches Militär bleibt die Zahl der Anschläge laut dem "Armed Conflict Location & Event Data Project" hoch; auch wurden 2019 schon mehr Zivilisten getötet als 2018. Immer mehr Menschen gehen auf die Straße und demonstrieren, weil die Regierung nicht fähig zu sein scheint, etwas gegen die Terroristen auszurichten.

Burkina Faso hat mit Armut und sozialer Unzufriedenheit zu kämpfen. Noch immer bestimmt die Elite die politischen Prozesse, trotz großer demokratischer Fortschritte in den 1990er-Jahren. Doch das größte Problem des Landes sind seine Nachbarn Niger und Mali, wo militante Islamisten die Bevölkerung terrorisieren. "Wir haben eine 1200 Kilometer lange Grenze mit Mali. Dahinter ist ein 50 Kilometer breiter Streifen Niemandsland, wo es keinerlei Administration mehr gibt", sagt Ouaro.

Die Terroristen haben kurze Wege und rekrutierten in den Grenzregionen besonders erfolgreich. "Sie betreiben Gehirnwäsche. Das ist ihr einziges Ziel." Im Norden und im Osten verüben Gruppen wie der Al-Qaida-Ableger im Sahel Anschläge. Dort gibt es viele junge Leute ohne Jobs. Einige Eltern dort wollen ihre Kinder nur noch in arabischsprachigen Unterricht schicken. Deshalb hat die Regierung zweisprachige Schulen aufgebaut, wo auf Französisch und Arabisch unterrichtet wird. "Das passt den Terroristen überhaupt nicht", sagt der Minister.

Immerhin hat die Regierung in diesem Jahr einige Schulen eröffnen können. Ouaro war auf Einladung der "Globalen Bildungspartnerschaft" in Deutschland, einem Fonds, der die Bildung in den ärmsten Ländern der Welt stärken will. In Berlin und Paris nimmt man die Lage im Sahel längst ernst. Bundeskanzlerin Angela Merkel war seit 2016 achtmal in der Region. Gemeinsam mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron brachte sie die Allianz für den Sahel auf den Weg, die militärische und wirtschaftliche Unterstützung, aber auch Entwicklungsprojekte vorsieht.

Auch Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sprach in ihrer Grundsatzrede über die Region, in der das zweitgrößte Kontingent Bundeswehrsoldaten stationiert ist. In Anlehnung an das berühmte Zitat Peter Strucks, einer ihrer Amtsvorgänger, Deutschlands Sicherheit werde auch am Hindukusch verteidigt, sagte sie: "Die Sicherheit in der Sahelzone ist Teil unserer Sicherheit." UN-Generalsekretär António Guterres warnte gerade davor, den Kampf gegen Terrorismus an Staaten wie Burkina Faso oder Mali auszulagern. Auch Bildungsminister Ouaro setzt auf Hilfe: "Wir gehen davon aus, dass Deutschland und Frankreich unsere Nachbarn und Freunde sind und sie uns helfen", sagt er. "Wenn die Hütte deines Nachbarn brennt, musst du den Brand löschen, sonst hast du selbst ein Problem."