Süddeutsche Zeitung

Bundeswehreinsatz in Afghanistan:Ganz große Worte, ganz kleine Schritte

Seit zwölf Jahren kämpft die Bundeswehr in Afghanistan. Doch noch immer weiß die deutsche Öffentlichkeit wenig über die Gründe, Motive oder politisch-historischen Voraussetzungen des Konflikts. Das belegt eine Studie des Historikers Klaus Naumann.

Der Krieg in Afghanistan, so stellt der Verfasser eingangs fest, dauert jetzt schon länger als der Zweite Weltkrieg. Tatsächlich geht er in sein dreizehntes Jahr und ist damit länger als beide Weltkriege zusammen. Und obwohl die Bundeswehr fast von Anfang an dabei war, weiß die deutsche Öffentlichkeit sträflich wenig über Gründe, Hintergründe, Ursachen, Motive, politisch-historische Voraussetzungen des Konflikts.

Die Deutschen sind nicht schlechter informiert als andere Europäer und wahrscheinlich besser als die Mehrheit der Amerikaner. Auf dem politischen Globus aber bleibt Afghanistan, was es in alten Zeiten war, ein weißer Fleck, Terra incognita. Der Historiker Klaus Naumann hat die Probleme im Detail studiert. Seine Analyse der deutschen Rolle in Afghanistan deckt sich im Wesentlichen mit der des Autors dieser Rezension, der jahrelang aus Afghanistan berichtet hat.

Schon die Begründung, welche die Amerikaner für ihre Intervention gaben, sie hätten die Hintermänner des 11. September unschädlich machen müssen, ist falsch. Wäre es so, dann hätten sie nicht Afghanistan, sondern Saudi-Arabien angreifen müssen, denn 16 der 20 Täter waren Saudis. Washington muss von der ersten Stunde der Ermittlungen an gewusst haben, worüber kürzlich Näheres bekannt wurde: dass die Verbindungen der Terroristen zum saudischen Establishment enger waren, als diesem lieb sein konnte.

Osama bin Laden hatte in Afghanistan Unterschlupf gefunden. Doch der Chef der Taliban, Mullah Omar, konnte dem Verlangen der USA nach Auslieferung nicht nachkommen, denn damit hätte er nicht nur in frevelhafter Weise den Ehrenkodex der afghanischen Stämme, das Paschtunwali, verletzt, sondern auch die moralische Grundlage seiner Macht ausgehöhlt. Sein Angebot, bin Laden zur Überprüfung der Vorwürfe in ein drittes Land zu überstellen, so wie der Libyer Gaddafi die Lockerbie-Attentäter zum Prozess in die Niederlande auslieferte, konnte bequem ignoriert werden. Die Taliban hatten nie eine gute Presse. So war nur wenigen im Westen aufgefallen, dass sie zwei Jahre an der Macht waren, ohne die Buddhas von Bamian anzurühren. Sie sprengten sie erst in die Luft, als eine europäische Kommission zu ihrer Restaurierung den Taliban abschlug, das dafür vorgesehene Geld zur Linderung einer Hungersnot nach großer Trockenheit aufzuwenden. Das entschuldigt nichts, setzt aber die Gewichte der Verantwortung etwas anders.

Als der Bundestag am 16. November 2001 den mit der Vertrauensfrage verbundenen Antrag der Bundesregierung auf "Einsatz bewaffneter deutscher Streitkräfte bei der Unterstützung der gemeinsamen Reaktion auf terroristische Angriffe gegen die USA" annahm, stand noch alle Welt unter dem Eindruck der Bilder vom Einsturz des World Trade Center. Die Grünen des populären Joschka Fischer waren gerade dabei, den Geburtsmangel des bedingungslosen Pazifismus zu überwinden, um reif für deutsche Weltpolitik zu werden. Dabei half, dass in der Debatte nicht von Kriegseinsatz die Rede war, sondern vorwiegend von Schutz der Bevölkerung und Herstellung von Sicherheit. Bundeskanzler Schröder war noch nicht bei der Weisheit angelangt, die ihn 2003 die amerikanische Aufforderung zu Teilnahme am Irak-Krieg mit den Worten abschlagen ließ, mit ihm seien solche Abenteuer nicht zu machen.

Naumann urteilt über die Berliner Afghanistan-Politik mit dem Kernsatz: "Man beschränkt sich auf die ganz großen Worte und die ganz kleinen Schritte." Die Phrase, die deutsche Freiheit müsse am Hindukusch verteidigt werden, fand freilich nie viel Beifall. Zu jeder Zeit des Krieges war die Mehrheit der Deutschen gegen den Einsatz der Bundeswehr - was wiederum mehr als einen der Afghanen mit Kenntnissen des Westens die Frage stellen ließ, wo da die Legitimierung des Auftrags an die deutschen Truppen bleibe, den rückständigen Afghanen Demokratie beizubringen.

Einige Grundwahrheiten über das Land sind im Westen nie begriffen worden, obwohl sich eine davon aus der Geschichte der beiden letzten Jahrhunderte mühelos ablesen lässt: Unter keinen Umständen sind die Afghanen bereit, Fremdherrschaft und Fremdbestimmung zu akzeptieren. Diese Erfahrung haben die Briten als erste gemacht, nach ihnen die Russen, jetzt die Amerikaner (und ihre Verbündeten). Dass der hartnäckige Widerstand sie viel Blut kostet, Zerstörung, Verzicht auf Entwicklung und Fortschritte, die ihnen wohlmeinende Fremde gern brächten, ist für die Mehrheit der Afghanen von sekundärer Wichtigkeit.

Eine zweite Grundwahrheit ist im Westen kaum mehr verständlich zu machen: Die afghanischen Stammesleute kämpfen gern. Am eifrigsten gegen fremde, noch dazu ungläubige Eroberer, doch - falls solche nicht im Land sind - unter sich. Im Kampf zu fallen, ist ehrenvolle Bestimmung, so wie Europa lange glaubte, es sei süß und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben.

Das viele Hilfsgeld, das nach Afghanistan fließt, ändert daran gar nichts - falls es nicht ohnehin in den Netzen der Korruption versickert. Viele Westler sind enttäuscht worden, weil sie die zynische Wahrheit nie gehört hatten: Einen Afghanen kann man nicht kaufen, sondern nur mieten. Bleiben die Zahlungen aus, ändern sich die Voraussetzungen, entfällt auch die Loyalität. Naive Ideen wie die des "Nation Building", die Schaffung einer effizienten Zentralverwaltung, müssen gerade daran scheitern, dass es in Afghanistan mehrere Nationalitäten gibt, Paschtunen, Tadschiken, Usbeken, Hasara und andere, die ihre Identität, ihre Institutionen der Selbstverwaltung und ihre angestammte Lebensweise nicht zugunsten eines künstlichen Einheitsstaates preisgeben wollen.

Die Deutschen waren in Afghanistan einst die beliebtesten Ausländer. Sie hatten nie versucht, das Land zu kolonisieren und waren die traditionellen Feinde der Engländer und Russen. Im zwölfjährigen Krieg hat ihre Reputation gelitten. Der Luftangriff bei Kundus, bei dem im September 2009 mindestens 140 Afghanen ums Leben kamen, weil amerikanische Bomber auf deutsche Anforderung einen Tankwagen beschossen, war ein schwerer Irrtum. Aber es gab vermeidbare Fehler. War es nötig, den befehlenden Offizier bald danach zum General zu befördern? Die Familie jedes Toten erhielt pauschal 5000 Dollar Entschädigung. Weiterreichende Klagen wurden vom Landgericht Bonn abgeschmettert. Kaum anders hätten Tribunale auch im Kaiserreich und in der Weimarer Republik geurteilt, als ein Schwarzhaariger mit Bart nach allgemeinem Verständnis geringer taxiert wurde als ein rosiger Blondschopf.

Zum Glück teilt nicht jeder Afghane das Fazit eines verbitterten Angehörigen: "Ihr wolltet sein wie die anderen. Jetzt seid ihr es." Gäbe es ein vernichtenderes Fazit der deutschen Mission, als die Tatsache, dass Afghanen, die sich als Übersetzer und Helfer der Bundeswehr zu sehr exponiert haben, nach deren Abzug vor der Rache ihrer Landsleute durch Asyl in Deutschland geschützt werden müssen?

Klaus Naumann: Der blinde Spiegel. Deutschland im afghanischen Transformationskrieg. Hamburger Edition, 2013. 204 Seiten, 30 Euro.

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SZ vom 04.02.2014/mcs
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