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Bundeswehr:"Trinken von Alkohol wird praktisch befohlen"

Im Spind eingesperrt und mit der Bohnermaschine behandelt - immer mehr Rekruten sprechen über unwürdige Einführungsrituale bei der Bundeswehr.

Die Affäre um ekelerregende Aufnahme-Rituale bei der Bundeswehr weitet sich aus. Der Bundestags-Wehrbeauftragte Reinhold Robbe legte den Mitgliedern des Verteidigungsausschusses am Montag eine Sammlung von 23 Zuschriften vor, in denen Reservisten über Exzesse bei der Bundeswehr in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten berichten.

Oberstleutnant Fred Siems vor der Edelweiß-Kaserne in Mittenwald. Junge Soldaten seiner Einheit waren die Ersten, die öffentlich machten, dass sie bis zum Erbrechen Alkohol trinken und rohe Schweineleber essen mussten. Nun zeigt sich, dass solche Rituale offenbar keine Einzelfälle sind.

(Foto: Foto: dpa)

Die Schreiben deuten darauf hin, dass die Rituale der Gebirgsjäger im bayerischen Mittenwald kein Einzelfall waren. In zwei E-Mails wird über ähnliche Vorgänge im Gebirgsjägerbataillon in Bischofswiesen-Strub berichtet. Zudem enthält die Sammlung Schilderungen über Rituale und Exzesse in anderen Teilen der Bundeswehr, beispielsweise bei der Marine.

Nach den erneuten Vorwürfen hat der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, die Aufklärung der Vorfälle gefordert. "Wir können hier nur eine Klärung und eine Verbesserung in die Situation hineinbekommen, wenn zunächst einmal klar ist und aufgedeckt wird, was eigentlich stattgefunden hat", sagte Robbe dem Fernsehsender N24.

"Und das Ziel muss sein, diese Dinge nicht nur abzustellen, sondern für die Zukunft auszuschließen." Der Wehrbeauftragte machte deutlich, dass es ihm dabei nicht nur um die Situation in Mittenwald gehe, "sondern überall in der Bundeswehr".

Der Wehrbeauftragte hatte den Verteidigungsausschuss Mitte Februar über die Aufnahmerituale bei den Gebirgsjägern in Mittenwald informiert. Dort mussten Neulinge den sogenannten Fuxtest über sich ergehen lassen, zu dem das Essen roher Schweineleber und Alkoholkonsum bis zum Erbrechen gehört.

Die Enthüllung hatte für großes Aufsehen gesorgt und zu staatsanwaltlichen Ermittlungen geführt.

Zwei E-Mails, die Robbe jetzt an die Abgeordneten übermittelte und die der dpa vorliegen, berichten von ähnlichen Ritualen in Bischofswiesen-Strub, das nur wenige Kilometer von Mittenwald entfernt liegt.

Die Absender geben an, 1993/94 und 2003/2004 ihren Wehrdienst bei den dortigen Gebirgsjägern geleistet zu haben. "Es werden ein paar Bier um die Wette getrunken, man muss um die Wette unter Stühlen durchrobben, zwischendurch erneut ein paar Bier trinken. Und muss aus einer ekligen Suppe (Stichwort: Rohe Leber) was trinken", heißt es in einer Mail. In der anderen wird erwähnt, dass es die Rituale "bis vor einiger Zeit" auch in Reichenhall gegeben habe.

In beiden Schreiben ist die Rede davon, dass die Vorgesetzten von den Ritualen wussten: "Bezogen auf die Dienstgrade muss ich sagen, dass ich davon ausgehe, dass so gut wie jeder Unteroffizier und Feldwebel, der eine Weile dabei ist, weiß was passiert und auch in welchem Umfang", schreibt einer. In dem anderen Schreiben heißt es: "Zu meiner Zeit hatte nahezu jeder Soldat, der in einem der Gebirgsjägerbataillone Dienst tat, zumindest andeutungsweise von den Dingen gehört, nicht nur die Hochzügler."

Mehrere weitere Schreiben befassen sich mit Alkoholexzessen und Ritualen in anderen Einheiten. "In meinen Dienstjahren war ich in 3 Einheiten und musste feststellen, dass man als Antialkoholiker in der Truppe einen schweren Stand hat", heißt es in einem Schreiben unter der Überschrift "Mittenwald ist nur die Spitze des Eisbergs". "Bei sogenannten Veranstaltungen geselliger Art ist das Trinken von Alkohol praktisch befohlen, ohne dass dies jemand ausspricht."

Ein ehemaliger Obergefreiter, der zwischen 1996 und 1998 als Zeitsoldat an verschiedenen Standorten im Süden Deutschlands eingesetzt war, berichtet aus seiner Zeit im baden-württembergischen Ellwangen über verschiedene Spiele. So werde etwa bei dem Spiel Jukebox ein Soldat in seinen Spind eingeschlossen und damit umgestoßen, während er bestimmte Lieder singen müsse.

54 Zuschriften zu dem Fall Mittenwald

Ein anderer Soldat, der vor 20 Jahren auf einem Marine-Zerstörer eingesetzt war, berichtet vom sogenannten "Rotarsch-Ritual": "Eine Bohnermaschine (eine mobile Maschine mit einer großen elektrisch betriebenen Borstenscheibe) wurde in Betrieb gesetzt und dem Rekruten an den nackten Hintern gehalten, bis dieser rot war."

Robbe teilte den Abgeordneten mit, dass er insgesamt 54 Zuschriften zu dem Fall Mittenwald erhalten habe. Drei Einsender habe er um Konkretisierungen gebeten. Dabei handelt es sich nach Angaben des Wehrbeauftragten um die Schreiben, die sich mit den Vorgängen bei den Gebirgsjägern befassen. Die Textsammlung ließ Robbe auch dem Heeresführungskommando und dem Verteidigungsministerium zukommen.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg versprach erneut eine zügige Aufklärung. "Es ist jedem einzelnen Fall vernünftig nachzugehen, und auch mit Nachdruck nachzugehen", sagte der CSU-Politiker an diesem Dienstag in Berlin. Gegebenenfalls müssten Konsequenzen gezogen werden.

Guttenberg schloss auch einzelne Disziplinarverfahren nicht aus. Er verwahrte sich allerdings dagegen, von Einzelfällen auf den Gesamtzustand der Bundeswehr zu schließen. "Ich wehre mich nur dagegen, Pauschalurteile auszusprechen", sagte er.