Süddeutsche Zeitung

Anschlag auf Bundeswehrsoldaten:Angriff in der Wüste

Beim Anschlag auf eine Blauhelm-Patrouille in Mali werden auch mehrere deutsche Soldaten verwundet. Das Attentat verschärft die Krise in dem westafrikanischen Land noch weiter.

Von Joachim Käppner und Paul-Anton Krüger

Genau das ist es, wovor sich Angehörige und Familien von Soldaten im Auslandseinsatz fürchten: Plötzlich in den Nachrichten oder in den sozialen Medien von einem Anschlag zu hören, von Verletzten und Rettungsbemühungen und nicht zu wissen: Ist der Mann, die Freundin, der Vater dort unten gesund oder gehört er zu den Opfern? In diesem schlimmsten Fall der Fälle folgt die Bundeswehr einem festen Szenario: Sie gibt noch keine genaueren Informationen an die Öffentlichkeit, bevor sie alle betroffenen Angehörigen persönlich verständigt hat. Niemand soll plötzlich aus dem Fernsehen oder im Internet erfahren, dass ein geliebter Mensch gerade um sein Leben kämpft.

Und so hat es die Bundeswehr an diesem Freitag anfangs auch gehalten, als die ersten Informationen aufkamen, dass beim UN-Einsatz in Mali mehrere Deutsche durch einen Terroranschlag verletzt worden sind. Als Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) abends ein kurzes Statement verlas und erklärte, sie sei "in Gedanken und im Herzen" bei den verwundeten Soldaten und deren Angehörigen, hatten ihre Offiziere fast alle Familien unterrichtet.

Zwölf deutsche Soldaten und ein belgischer Kamerad sind am Freitagmorgen um 8:28 Uhr mitteleuropäischer Zeit 180 Kilometer nordöstlich der Wüstenstadt Gao durch ein Selbstmordattentat verletzt worden, drei von ihnen schwer. Nach SZ-Informationen sprengte sich der Angreifer mit seinem Fahrzeug vor einem provisorischen Camp in die Luft, das ein Aufklärungstrupp der Bundeswehr dort am Tag zuvor angelegt hatte. Der Sprengsatz detonierte demnach unmittelbar vor den Fahrzeugen der Blauhelme, und obwohl diese eine Art Verteidigungsring angelegt hatten, die "Nachtaufstellung", wurden die 13 Soldaten verletzt.

Die Verletzten wurden durch Hubschrauber der Franzosen und der UN geborgen und nach Gao ausgeflogen. Auch ein Helikopter einer Privatfirma, welche für die Bundeswehr fliegt, war offenbar an der Rettung beteiligt. Kramp Karrenbauer betonte: "Die Rettungskette hat gegriffen." Der Zustand der meisten Verwundeten galt am Freitagnachmittag als stabil, einer wurde noch in Gao operiert. Deutsche, französische und chinesische Ärzte bemühten sich um sie. Für einige von ihnen war bereits ein Evakuierungsflug ("MedEvac") nach Deutschland vorgesehen, die anderen sollen folgen. Minusma erklärte via Twitter, der Anschlag habe sich nahe der Ortschaft Ichagara in der Region Tarkint ereignet. Es ist der erste große Anschlag dieser Art auf die Bundeswehr, seit sich diese an der UN-Mission beteiligt.

Die Deutschen sind Teil eines Blauhelmeinsatzes

Der französische Nachrichtensender France 24 berichtete unter Berufung auf Sicherheitsquellen, das Minusma-Kontingent habe das provisorische Lager erst am Donnerstag errichtet. Damit sollte das Abschleppen eines Militärfahrzeugs aus dem Konvoi des Aufklärungstrupps gesichert werden, das zuvor auf eine Sprengfalle gefahren und beschädigt worden war. Das Minusma-Kontingent begleitete demnach eine Einheit der malischen Armee, in die ehemalige Aufständische integriert sind. Am Freitag wurde der Konvoi unter starken Sicherheitsmaßnahmen ins Feldlager Gao zurückverlegt.

Die Deutschen sind mit etwa 900 Soldatinnen und Soldaten bei dem Blauhelmeinsatz vertreten und haben dort keinen ausgesprochenen Kampfauftrag wie in Afghanistan bis 2014. Ihr Beitrag zu der aus vielen Nationen bestehenden Truppe, deren Hauptquartier in Gao liegt, ist vor allem die Aufklärung. Dazu dienen einerseits unbewaffnete Heron-Hightech-Drohnen, andererseits aber auch Fußpatrouillen in und um Gao und weite Aufklärungsfahrten ins Umland, so auch am Freitag: Betroffen war die Kompanie "Intelligence, Surveillance and Reconnaissance" des deutschen Einsatzkontingentes.

Auftrag der Minusma (United Nations Multidimensional Integrated Stabilization Mission in Mali) ist seit einem Friedensabkommen verschiedener Konfliktparteien in Mali von 2015 die Stabilisierung des fragilen Vielvölkerstaates Mali. Dessen Norden war zuvor von islamistischen Milizen überrannt worden, die dann in weiten Teilen des Landes eine Schreckensherrschaft errichteten. Gestoppt und zurückgeschlagen wurden sie erst 2013 durch einen massiven Einsatz des französischen Militärs.

Seither führt dieses in der Operation "Barkhane" weitere harte Kampfeinsätze gegen die in den Untergrund ausgewichenen Islamisten, während die 13 000 Frauen und Männer starke Blauhelmtruppe im Land für Stabilität und Sicherheit sorgen soll. Sah es noch vor zwei Jahren so aus, als könne dies gelingen, hat sich die Situation seither gravierend verschlechtert. Erst am Montag waren französische Soldaten im Zentrum des Landes von einem Selbstmordattentäter mit einer Autobombe attackiert worden. Nach Angaben der französischen Armee wurden sechs französische Soldaten und vier malische Zivilisten verletzt, unter ihnen ein Kind.

Die Islamisten gehen durch Anschläge in die Offensive

Die Armee in Mali hatte Ende Mai zum zweiten Mal in neun Monaten geputscht und die zivile Übergangsregierung abgesetzt. Für den Aufbau des Landes und die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft war dies ein schwerer Rückschlag. Frankreich stellte daraufhin wie auch die USA die Zusammenarbeit mit dem malischen Militär ein. Die Islamisten nutzen diese Krise offenbar, um durch die Anschläge ihrerseits in die Offensive zu gehen.

Die Bundeswehr ist in Mali außer an Minusma an der Mission EUTM der EU beteiligt, die Soldaten der malischen Armee trainiert. Für die UN-Mission lässt das Mandat des Bundestags die Entsendung von bis zu 1100 Soldaten zu, für Ausbildung bis zu 600. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich zunächst gegen einen Abzug der Bundeswehr ausgesprochen. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte aber jüngst der Welt am Sonntag, sie mache dies von demokratischen Wahlen in Mali abhängig. Zugleich kündigte sie an, wieder Transporthubschrauber der Bundeswehr von Typ NH90 in Mali zu stationieren.

An der Bereitschaft Deutschlands und anderer europäischer Staaten dürfte sich die Fortführung des Einsatzes in fünf Ländern der Sahelzone entscheiden, neben Mali sind dies Burkina Faso, Tschad, Mauretanien und Niger. Bislang ist Frankreich dort Führungsnation und stellt das mit 5100 Soldaten mit Abstand größte Truppenkontingent. Präsident Emmanuel Macron kündigte vor zwei Wochen allerdings an, die Militärpräsenz seines Landes deutlich zu reduzieren und "Barkhane" zu beenden. An ihre Stelle solle eine internationale Mission unter Einbeziehung der Staaten der Region treten. Er werde dazu einen "Dialog mit unseren afrikanischen und europäischen Partnern" führen.

Eine Säule der von Macron gewünschten internationalen Mission soll die Bekämpfung terroristischer Gruppen durch Spezialeinheiten sein. Frankreich hat inzwischen bekannt gegeben, dafür mehrere Hundert Soldaten in der Region zu lassen. Die zweite Säule solle verstärkte Kooperation sein, sowohl mit Streitkräften aus Europa als auch aus der Region. Die USA haben Frankreich bereits Unterstützung zugesagt.

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