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Bundeswehr in Afghanistan:Deutschland im Krieg

Die Bundeswehr steckt in Afghanistan in der Klemme. Doch die geplante Truppenverstärkung wird den völkerrechtlich fragwürdigen Einsatz nicht retten.

Dieter Degler

Wenn Sie heute Journalist werden wollen, müssen Sie, etwa beim Aufnahmetest an einer Journalistenschule, ziemlich schwierige Fragen beantworten. Zum Beispiel diese: In welchen Ländern, die nicht der Nato angehören, werden Soldaten der Bundeswehr eingesetzt? Richtige Antwort: Afghanistan / Usbekistan / Bosnien-Herzegowina / Sudan / Libanon / Georgien / Äthiopien / Eritrea / Kosovo / Seegebiet am Horn von Afrika.

Ein Bundeswehrsoldat der Quick Reaction Force nahe Masar-i-Sharif in Afghanistan während einer Übungspause

(Foto: Foto: ddp)

Noch schwieriger allerdings ist die Frage, die im Oktober der Bundestag zu entscheiden hat: Soll die Bundesrepublik ihre rund 3500 Mann starken Truppen, die in Afghanistan zur "Friedenssicherung" eingesetzt sind, um weitere 1000 aufstocken? Die Antwort der Parlamentsmehrheit ist leicht zu prognostizieren. Berlin wird die Verteidigung Europas und Deutschlands am Hindukusch, die das Verfassungsgericht in seinem skandalösen Tornado-Spruch mit einer Zirkelschluss-Begründung abgesegnet hat, verstärken.

Ein kleines Vietnam, und wir Deutsche sind dabei

Es wird eine Fehlentscheidung sein. Nicht nur, weil es eine Entscheidung gegen den Willen der Bundesbürgermehrheit ist. Nicht nur, weil diese Entscheidung einen völkerrechtlich fragwürdigen Zustand perpetuiert. Und nicht nur, weil sich die Zustände in Afghanistan nach sechs Jahren Isaf und Enduring Freedom kaum einen Deut gebessert haben.

Nicht mal der Kern einer nationalen Polizei, für deren Aufbau die Deutschen lange verantwortlich waren, steht. Der Opium-Anbau ist unverändert der wichtigste Wirtschaftszweig, ein ziviler Aufbau findet nach Erkenntnis des Bundeswehrverbandes in weiten Teilen überhaupt nicht statt.

Die Paschtunen, die mit ihrer Guerilla-Taktik schon Briten und Russen erfolgreich zermürbt haben, sind stärker denn je. Die USA paktieren, wie gerade die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch klagte, unverändert mit den Warlords - kurzum: Es ist ein nicht gewinnbarer Krieg, ein kleines Vietnam, und wir Deutsche sind dabei.

Die Zahl der getöteten Friedenssicherer nähert sich der Tausendermarke

Eine leichte Truppenverstärkung ist auch aus militärischer Sicht falsch. 50.000 Isaf-Soldaten tun in Afghanistan Dienst. Die Zahl der gefallenen Friedenssicherer nähert sich allmählich der Tausendermarke; Jahr für Jahr sterben mehr Isaf-Kämpfer, im ersten Halbjahr 2008 genau 110 Menschen. 28 Mann hat die Bundeswehr bisher verloren, der höchste Verlust an Soldatenleben im Ausland seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Zahl der Verletzten ist nicht bekannt, aber die Anschläge auf deutsche Camps und Patrouillen häufen sich. Nach Einschätzung von Insidern ist die Bundeswehr viel häufiger Gegenstand von Angriffen als hierzulande berichtet wird. Und mehr deutsche Soldaten nach Afghanistan heißt auch: mehr tote deutsche Soldaten und noch mehr trauernde Angehörige. Denn die 3500 Auslandskämpfer sollen ein Gebiet sichern, dessen Fläche halb so groß ist wie die Bundesrepublik.

Dass dies, jenseits aller völker- und verfassungsrechtlichen Fragen, absurd ist, leuchtet auch militärischen Laien ein, die das Thema nach Clausewitz-Lektüre ad acta gelegt haben. Profis beschreiben es naturgemäß anders, der Chef der Isaf-Truppen, der amerikanische General McNeill, etwa so: Auf die Frage, wie viele Leute er brauche, um seinen Job in Afghanistan erfolgreich zu erledigen, nannte McNeill "mindestens 400.000 Mann".

Die wird er nicht bekommen. Und auch deshalb wird das Sterben in Afghanistan, wo allein im ersten Halbjahr 2008 rund 2100 Menschen bei militärischen Aktionen ums Leben kamen, weitergehen. Deshalb werden überforderte und gestresste deutsche Soldaten auch weiterhin Zivilisten töten. Und auch deshalb wird die große Berliner Koalition als eine Koalition der Schwäche in die Bücher eingehen.

Vielleicht hat sie ja immerhin die Kraft, endlich die verbalen Verrenkungen zu unterlassen, mit der sie den Einsatz am Hindukusch kleiner machen will als er ist. Statt von der Sicherung des zivilen Aufbaus zu reden, sollte sie das, was sie zu verantworteten hat, wenigstens klar benennen: Deutschland ist im Krieg.

© sueddeutsche.de/jja/buma

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