bedeckt München 12°

Bundeswehr:Die Ausschlacht-Armee

Bundeswehr Receives New Puma Light Tank

An den "Puma"-Schützenpanzern wurde bereits so viel herumgeschraubt, dass der genaue Bedarf an Ersatzteilen unklar ist.

(Foto: Alexander Koerner/Getty Images)

Zusammengeflickte U-Boote, unübersichtliche Panzer-Baupläne: Ein Bericht erklärt die Gründe für den Ersatzteilmangel bei der Bundeswehr.

Von Mike Szymanski, Berlin

Als U 34 im Herbst vor einem Jahr nach langem Werftaufenthalt zu einer der ersten Testfahrten mit Tauchgang in die Eckernförder Bucht aufbrach, da waren die Techniker froh, überhaupt mal wieder ein funktionierendes U-Boot zusammenbekommen zu haben. Die Radaranlage stammte von U 32, der Funkmast von U 33. Bei der Marine ist das mittlerweile so: Wenn ein Boot in der Werft liegt, dann dient es quasi als "Organspender" für die anderen Boote. Und allein auf diesem U-Boot waren mindestens 20 Teile verbaut, die eigentlich zu anderen gehörten. Warum? Sonst sei es kaum mehr möglich, zügig an Ersatzteile zu kommen, erklärte ein Techniker. Im Umgang mit dem Mangel hat sich eine bemerkenswerte Routine in der Bundeswehr eingestellt. "Gesteuerter Ausbau" nennt die Bundeswehr das Ausschlachten.

Ursprung der Misere liegt in der Vergangenheit

In einem Bericht an den Haushaltsausschuss des Bundestages, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt, haben sich nun Prüfer des Bundesrechnungshofes ausführlicher mit der Ersatzteilversorgung bei der Bundeswehr befasst. Aus ihrer Sicht ist dies ein zentrales Problem, warum die Truppe bei der Einsatzbereitschaft ihrer Waffensysteme nicht wirklich vom Fleck kommt. Über alle Waffensysteme betrachtet, liege diese zwar bei knapp über 70 Prozent. "Nicht zufriedenstellend", wie es im Verteidigungsministerium heißt, denn bei den Hubschraubern etwa liege diese bei unter 40 Prozent. Die Marine hatte vor zwei Jahren einen Tiefpunkt erlebt. Von Oktober 2017 bis März 2018 war zum Beispiel kein einziges der sechs U-Boote einsatzbereit.

Am Geld allein liege es nicht. Denn die Rechnungsprüfer haben herausgefunden, dass die Bundeswehr mittlerweile doppelt so viel Geld für Ersatzteile ausgibt wie 2014. Die Ursachen für die Misere liegen in der Vergangenheit, als die Bundeswehr schrumpfen musste, als an ihr gespart wurde. Im Zuge der Finanzkrise kam es laut der Rechnungsprüfer 2010 sogar zu einem Bestellstopp für Ersatzteile, der sich noch Jahre später bemerkbar machte. Jets, Schiffe, Panzer - überall reduzierte die Bundeswehr ihre Bestände.

Von 359 "Tornados" sind noch 93 im Dienst

Vom Kampflugzeug Tornado etwa, der 1974 zum Erstflug abhob, hatte sie einmal laut den Rechnungsprüfern 359 Stück, heute sind es nur noch 93. Für Ersatzteile bediente man sich aus den stillgelegten Fliegern. Die Industrie drosselte ihrerseits die Produktion von Ersatzteilen oder stellte diese komplett ein. Die Lage heute stellt sich so dar: "Der Vorrat aus Altsystemen ist inzwischen in weiten Teilen aufgezehrt." Falls die Industrie überhaupt noch Teile fertigt, dann dauert das.

Bei der Marine lagen laut Bericht Versorgungsschiffe vier bis sechs Monate länger in der Werft, weil Teile erst nachgebaut werden mussten. Um die Luft- und Seenotrettung aufrechtzuerhalten, sah sich die Bundeswehr dem Dokument zufolge 2016 gezwungen, mehrere ausgemusterte Sea King-Hubschrauber anderer Nationen zu kaufen, um diese dann ausschlachten zu können. Für die Tornados, ein längst veraltetes System, ist es schwer, noch Komponenten zu bekommen. So sollen für 263 Millionen Euro ein Spezialdisplay für die Piloten sowie ein neuer Hauptrechner entwickelt werden. Die Beschaffung des Ersatzes für diese Flieger zieht sich seit Jahren hin.

Beschaffungsamt unterbesetzt

Am Schützenpanzer Puma, eigentlich ein modernes Gerät, das aber immer noch nicht die vollständige Einsatzreife erlangt hat, haben Bundeswehr und Industrie so lange herumgeschraubt, dass mittlerweile der Überblick fehlt, welches Bauteil in welchen Puma gehört. In anderen Fällen, etwa bei Korvetten, verzichtete die Bundeswehr darauf, notwendige Ersatzteile mitzubestellen, "um die Beschaffungskosten zu senken". Die Probleme kamen dann später.

Die Verwaltung, speziell das Beschaffungsamt in Koblenz, ist unterbesetzt. Wenn das Ministerium das nächste Rüstungsvorhaben startet, würden Leute dafür abgezogen, die sich sonst drum kümmern, Waffensysteme am Laufen zu halten. Was die Zukunft angeht, sind die Prüfer wenig optimistisch. Vieles lasse sich nur "langfristig ändern", heißt es im Bericht. "Das Ministerium ist in der Pflicht, zeitnah Lösungen zu präsentieren, die den derzeitigen Zustand schnellstens korrigieren", sagte der SPD-Verteidigungspolitiker Andreas Schwarz. "Das ist eine große Herausforderung und erfordert Mut, Durchsetzungsfähigkeit, qualifiziertes Personal und ein funktionierendes, vorausschauendes Management."

© SZ/Hohmann
Zur SZ-Startseite