BundeswehrKampf gegen einen unsichtbaren Feind

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Chef der militärischen Cyberabwehr: Vizeadmiral Thomas Daum im Verteidigungsministerium in Berlin.
Chef der militärischen Cyberabwehr: Vizeadmiral Thomas Daum im Verteidigungsministerium in Berlin. Friedrich Bungert
  • Der Cyber- und Informationsraum (CIR) ist seit zwei Jahren eine eigene Teilstreitkraft der Bundeswehr mit 15 000 Soldaten unter Vizeadmiral Thomas Daum.
  • Die Bundeswehr baut eine eigene Cloud auf, um unabhängig vom Ausland zu sein. Das Ziel: kriegstüchtig bis 2029, falls Russland dann die Verteidigungsfähigkeit der Nato testet.
  • Deutschland hat bei elektronischer Kampfführung Nachholbedarf, da viele Systeme noch aus den 1990er-Jahren stammen und Russland seine Kapazitäten massiv ausgebaut hat.
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Das Heer hat Panzer, die Marine U-Boote – und der Cyber- und Informationsraum? Was die jüngste Teilstreitkraft der Bundeswehr macht, können viele nicht erklären. Vizeadmiral Thomas Daum schon.

Von Sina-Maria Schweikle, Berlin

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Das Thema der jüngsten Ausgabe des internen Bundeswehr-Magazins Y lautet: „Neue Dimensionen“. Auf mehr als 50 Seiten wird den Uniformierten und zivilen Angestellten der jüngste Bereich der Armee vorgestellt, es geht um elektronischen Kampf, Cyberabwehr, künstliche Intelligenz, Weltraum. Seit zwei Jahren ist der Cyber- und Informationsraum (CIR) eine eigene Teilstreitkraft – und Y widmet sich der Frage, die selbst in der Bundeswehr viele nicht beantworten können: Was macht CIR eigentlich?

Das Heer hat Panzer, die Marine U-Boote, die Luftwaffe Kampfjets – und CIR? Hat nicht mal eine eigene Uniform. Der Inspekteur der Teilstreitkraft, Vizeadmiral Thomas Daum, blickt darauf gelassen. Schließlich kommt kaum eine andere Teilstreitkraft ohne CIR aus. „Wenn Sie einen IT-Mann auf einer Fregatte sehen, der dafür sorgt, dass die Fregatte an Satelliten angebunden wird, dann ist das eine Aktivität in der Dimension CIR“, erklärt er in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Der Mann an Bord gehöre natürlich zur Schiffsbesatzung und unterstehe dem Kommandanten und damit dem Inspekteur der Marine, sagt er. „Bei seinen Aufgaben folgt er jedoch auch den zentralen Vorgaben der Teilstreitkraft CIR – damit es mit der Satellitenverbindung auch klappt.“

Daum weiß, wovon er spricht. Der Inspekteur ist mit 18 in die Marine eingetreten, studierte Informatik an der Universität der Bundeswehr in München, war Schnellbootfahrer und fuhr regelmäßig zur See. Die Entscheidung zum Berufssoldaten um 1990 war nicht einfach, sagt er. Sie sei jedoch von der Hoffnung getragen worden, „dass die Bundeswehr irgendwann versteht, wie wichtig die IT für die Streitkräfte ist“.

Ohne Daten und künstliche Intelligenz ist moderne Verteidigung kaum denkbar

An den Ausgaben wird diese Notwendigkeit mittlerweile deutlich. Die im vergangenen Jahr vorgestellte Weltraumstrategie sieht Investitionen von 35 Milliarden Euro vor – davon ein wesentlicher Anteil speziell für Cybersicherheit, Weltraumüberwachung und Kommunikation. „Für unsere Rolle als Augen und Ohren und als Nervensystem sind wir ganz wesentlich auf den Weltraum angewiesen. Wir brauchen also Satelliten am Himmel“, sagt Daum.

Gerade baut die Bundeswehr eine eigene Cloud auf – eine digitale Infrastruktur zur Datenverarbeitung und für den Einsatz von künstlicher Intelligenz, ohne die eine moderne Verteidigung kaum denkbar ist. Kern davon ist eine Software, die Daten aus verschiedenen Quellen zusammenführt, analysiert und daraus Empfehlungen ableitet – etwa mögliche Ziele im Gefechtsfeld. Marktführer in diesem Bereich ist das US-Unternehmen Palantir. Die Bundeswehr setzt darauf jedoch nicht – anders als die Nato. „Unsere sensiblen Daten müssen unter nationaler Kontrolle bleiben“, sagt der Vizeadmiral.

Daten sind im modernen Krieg eben mehr als Information – sie sind Waffe und Angriffsfläche zugleich. Nirgendwo wird das deutlicher als in der elektronischen Kampfführung, kurz Eloka. Sie ist eine der Kernaufgaben von CIR und beschreibt den militärischen Kampf um das elektromagnetische Spektrum: gegnerische Kommunikation abhören, Radar und GPS-Signale stören, Drohnensteuerung unterbrechen. Kurz: Wer dieses Spektrum kontrolliert, kontrolliert Kommunikation, Navigation und Aufklärung – auf beiden Seiten. „Daten und Informationen sind heute das neue Gold. Das ist letztlich der Kern dieser Dimension“, sagt Daum.

„Uns hat keiner den Krieg erklärt – aber von einem Zustand des Friedens kann man auch nicht mehr sprechen.“

Wie wichtig das im modernen Krieg ist, zeigt sich momentan an der ukrainischen Front. Vor allem Russland hat seine Kapazitäten im elektronischen Kampf seit Jahren massiv ausgebaut. Und Deutschland? Hat dabei noch einiges nachzuholen. Mehrere Bundeswehr-Angehörige berichteten SZ, NDR und WDR vergangenen Oktober, dass viele der eingesetzten Systeme teils noch aus den 1990er-Jahren stammten. Daum kennt das Problem und versucht, dagegen zu arbeiten. Über Jahrzehnte seien Systeme immer nur für konkrete Kriseneinsätze beschafft worden. Das sei oft über einsatzbedingten Sofortbedarf gelaufen – zwar schnell, aber stets nur in kleinen Stückzahlen. „Eloka ist jetzt priorisiert“, sagt der Inspekteur. Es geht darum, schnell ein operatives Minimum zu schaffen. Man schaue stark auf marktverfügbare Lösungen. „Ziel ist es, die Kriegstüchtigkeit bis 2029 herzustellen“, sagt der 63-Jährige – in dem Jahr, in dem Militärs es für möglich halten, dass Putin die Verteidigungsbereitschaft der Nato testen könnte.

Doch schon jetzt wird der Westen immer wieder gefordert. „Uns hat keiner den Krieg erklärt – aber von einem Zustand des Friedens kann man auch nicht mehr sprechen“, sagt der Inspekteur. Was er damit meint, ist die hybride Kriegführung Russlands: die Bevölkerung verunsichern, Vertrauen in Staat und Streitkräfte untergraben, der Wirtschaft schaden. Zuletzt kam es zu einem groß angelegten Phishing-Angriff auf den Messenger-Dienst Signal, der bis in den Bundestag reichte und Russland zugeschrieben wird. „Das ist offensichtlich kein technischer Angriff gewesen, sondern ein Phishing-Angriff, der auf eine falsche Reaktion des Nutzers zielt und bei einem entsprechenden Nutzungsfehler erfolgreich ist“, sagt Daum. Er rät beim Umgang mit digitalen Systemen grundsätzlich: „Denken, drücken, sprechen.“

Wer erwartet, dass CIR zum Gegenschlag ausholt, liegt falsch.  Auch im virtuellen Raum muss erst der Verteidigungsfall ausgerufen werden, bevor Daum und seine 15 000 Soldatinnen und Soldaten kämpfen dürfen. Ein Cyberangriff unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Konflikts werde eher nicht zum Auslösen von Landes- oder Bündnisverteidigung führen, so Daum. Für die Cyberabwehr sind zunächst die zivilen Sicherheitsbehörden zuständig – das Bundeskriminalamt, der Verfassungsschutz und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Die sollen künftig zumindest offensiver reagieren dürfen, wie es Innenminister Alexander Dobrindt Anfang des Jahres in einem Gespräch mit der SZ angekündigt hat: „Wir werden zurückschlagen, auch im Ausland. Wir werden Angreifer stören und ihre Infrastruktur zerstören.“ Verantwortlich dafür sollen Geheimdienste und das Bundeskriminalamt gemeinsam sein.

Für Daum jedenfalls gibt es keine Verschnaufpause. Gerade ist er in den USA, um sich über die Bedrohungslage auszutauschen – und voneinander zu lernen. Er ist überzeugt: „Wir können uns keine fünfjährigen Entwicklungen leisten.“ Die Zeit läuft.

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