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Bundeswehr und Corona:Training gegen die Taliban via Videokonferenz

Deutscher UN-Soldat im Einsatz

Bis zu 450 deutsche Soldaten sollen künftig Teil der EU-Mission in Mali sein. Doch die Truppe wurde auf ein "operatives Minimum" reduziert.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Die Bundeswehr hat Sorge, das Virus mit ihren Soldaten in Länder ohne funktionierendes Gesundheitssystem einzuschleppen. Dabei würde ihre Hilfe in Krisenregionen wie Mali oder dem Irak dringend benötigt.

Von Mike Szymanski, Berlin

Eigentlich soll der Einsatz der Bundeswehr im westafrikanischen Mali ausgeweitet werden. Der Bundestag hat dem Vorhaben vor einigen Tagen mit großer Mehrheit zugestimmt. Bis zu 450 deutsche Soldaten sollen künftig ins Land geschickt werden können, um im Rahmen der europäischen Ausbildungsmission EUTM die Streitkräfte in der Sahelzone im Kampf gegen islamistische Terrorgruppen zu stärken. Das sind 100 mehr als bisher. Nur, die Realität, die sieht ganz anders aus.

In der wöchentlichen Unterrichtung über die Auslandseinsätze fürs Parlament heißt es über diese Mali-Mission: "Die Ausbildungstätigkeit ist weiterhin ausgesetzt." Denn in den Krisenregionen dieser Welt hat man gerade mit einem zusätzlichen Gegner zu kämpfen, als gäbe es nicht schon Probleme genug: Covid-19.

Die Bundeswehr hat größte Sorge, das Virus mit ihren Soldaten in Länder einzuschleppen, die sich gerade nicht auf ein funktionierendes Gesundheitssystem stützen können. So kommt es, dass aus Sorge vor Ansteckung dort die Aktivitäten beinahe zum Stillstand gekommen sind, wo die Länder sie doch eigentlich dringend bräuchten.

Im Irak stellt die internationale Allianz nur noch eine Rumpfmannschaft

Die EU-Ausbildungsmission ist auf ein "operatives Minimum" heruntergefahren worden, nur noch knapp 60 Soldaten sind dort im Einsatz. Die Abläufe würden gerade einer "internen Revision" unterzogen. Man ist mit sich selbst beschäftigt. Immerhin ist Mali nicht ganz auf sich allein gestellt. Parallel zur EU-Mission läuft der Blauhelm-Einsatz Minusma, an dem knapp 1000 deutsche Soldaten beteiligt sind. Sie tragen unter anderem mit dem Einsatz von Heron-Drohnen zur Lageaufklärung bei. Den eigentlichen Kampfeinsatz schultern maßgeblich die Franzosen.

Der deutsche Kontingentführer bei Minusma, Oberst Michael Felten, sagte der Süddeutschen Zeitung, er beobachte genau, ob die Corona-Krise Auswirkungen auf die Sicherheitslage habe. Noch könne er keine feststellen. "Ob dies auch künftig so sein wird, ist nicht vorhersehbar." Die malischen Streitkräfte müssten sich speziell im Norden des Landes "kontinuierlich gegenüber unterschiedlichen Gruppen behaupten". Wenn die Ausbildung und das Training unterbrochen werden, mache sich das nicht unbedingt sofort bemerkbar, heißt es im Einsatzführungskommando in Potsdam, das die Auslandseinsätze steuert.

Klar ist aber auch, wenn lange nichts passiert, wenn feste Abläufe und Strukturen wegfallen, dürfte das die malischen Streitkräfte zurückwerfen. Schon jetzt waren die Ausbildungsergebnisse eher dürftig, worauf die Bundesregierung mit der Ausweitung des Einsatzes reagieren wollte, die so vorerst nicht kommt.

Im Irak hinterlässt die Corona-Krise nach Auskunft des Einsatzführungskommandos bereits jetzt deutlichere Spuren. Auch dort ruht die Ausbildung, Bundeswehrsoldaten haben im Norden kurdische Peschmerga-Kämpfer ausgebildet und bei Bagdad die Streitkräfte des Zentraliraks. Im Land ist nur eine Rumpfmannschaft geblieben, so hat es die Missionsführung der internationalen Allianz im Kampf gegen den IS angeordnet. Der Gegner heißt nun Corona, das binde Ressourcen und führe bereits "zu einem ungünstigen Einfluss auf die Sicherheitslage in einzelnen Regionen".

Steigende Zahl an Übergriffen auf lokale Sicherheitskräfte im Irak

Gerade im Irak hatte die internationale Allianz im Kampf gegen den IS in jüngerer Zeit immer wieder vor einem Erstarken des IS gewarnt, wenn der Druck auf ihn nachlasse. Nun registriert die Bundeswehr eine steigende Zahl an Übergriffen auf lokale Sicherheitskräfte. Hinzu kommt, dass Deutschland Ende März seine Tornado-Aufklärungsjets aus der Mission abgezogen hat. Italien hatte zugesagt, die Aufgabe fortzuführen. Aber dann brach Corona auch über Europa herein und alles verzögert sich.

Eine einigermaßen günstige Prognose sieht die Bundeswehr allenfalls für ihren dritten großen Auslandseinsatz, ihrer Mission in Afghanistan. Auch dort hat das Coronavirus Abläufe durcheinandergewirbelt. Die Ausbildung und das Training afghanischer Streitkräfte im Kampf gegen die Taliban findet auf Abstand statt, teils über Video- und Telefonkonferenzen. Brigadegeneral Jürgen Brötz spricht von "massiven Auswirkungen auf unsere praktischen Möglichkeiten". Immerhin habe sich im Land etwas zum Positiven verändert: Die politische Lähmung an der Spitze sei aufgelöst worden. Fortschritte sieht Brötz im Friedensprozess mit den Taliban, den die USA vorantreiben. Präsident Donald Trump will seine Soldaten zurückholen. Auch die Bundeswehr stellt sich schon auf den Abzug ein.

© SZ vom 05.06.2020
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