Verteidigungsministerin Christine Lambrecht in Rumänien:Unter Anspannung

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Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) mit ihrem rumänischen Amtskollegen Vasile Dîncu. (Foto: Christophe Gateau/dpa)

Die Länder an der Nato-Ostflanke setzen auf die Hilfe aus Deutschland und anderen westlichen Ländern. Denn hier kennt man die Angst vor Krieg seit Jahren.

Von Mike Szymanski, Constanța

Sie sind jetzt ständig mit ihren Maschinen in der Luft, 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Das ist die neue Realität, seitdem Krieg herrscht in der Ukraine. Oberstleutnant S., Eurofighter-Pilot, Kampfname "Bigfoot", steht in einem schlichten Funktionsbau eines Militärstützpunkts nahe der Stadt Constanța am Schwarzen Meer und berichtet aus seinem neuen Alltag. Alle zwei Tage geht es für ihn raus auf Luftraum-Patrouille, hinauf in den Himmel über Rumänien. Für zwei, manchmal zweieinhalb Stunden durchkämmen sie das Gebiet, achten darauf, dass kein Flugzeug in den Nato-Luftraum eindringt, das dazu nicht berechtigt ist. Und wenn sie landen, steigen schon die nächsten Eurofighter auf.

Vor Kurzem noch standen Abfangjäger in Alarmbereitschaft und waren nicht immer in der Luft. Das ist jetzt anders, seitdem - und diese Worte kommen auch ihm, dem Soldaten, nicht so einfach über die Lippen - der "Krieg ausgebrochen" ist.

So ist die Lage im neuen Krisengebiet der Bundeswehr, in das Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) am Mittwoch für einen Kurzbesuch aufgebrochen ist. Die Luftwaffe hat 2021 schon Eurofighter-Jets dorthin geschickt. "Air Policing South" heißt diese Mission. Es geht um "den Schutz" der Nato-Außengrenzen. Aber damals herrschte in der Nachbarschaft noch kein Krieg.

Zuletzt bekamen die Einsätze der Bundeswehr an der Ostflanke eher wenig Aufmerksamkeit. Wenn in den vergangenen Jahren die Verteidigungsministerinnen reisten, dann waren Gao und Bamako in Mali Pflichtstationen, Bagdad und Erbil im Irak und bis August 2021 Kabul und Masar-i-Scharif. Der Krieg in Afghanistan ist für die Bundeswehr beendet. Auch andernorts scheint sie eher auf dem Rückzug zu sein, etwa in Mali, wo Erfolge ausbleiben und sich die politischen Rahmenbedingungen ständig verschlechtern.

Das US-Militär hat Soldaten und Material geschickt, die Franzosen verstärken ihre Truppen

Mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine hat sich ohnehin schlagartig der Fokus verändert. Es ist wie ein Muskel an der Ostflanke, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, den die Nato jetzt anspannt. Und die Bundeswehr ist Teil davon. Lambrecht führt bei dem Besuch Gespräche mit ihrem rumänischen Amtskollegen Vasile Dîncu. Er ist froh, die Deutschen als Partner im Land zu haben. Das US-Militär hat Soldaten und Material geschickt, die Franzosen verstärken ihre Truppen. Lambrecht sagt, die Verbündeten sendeten das Signal an Russland, "vorbereitet zu sein und gut aufgestellt". Man werde nicht weichen, "keinen Millimeter".

In Litauen führt die Bundeswehr bereits seit 2017 einen von bislang vier Nato-Gefechtsverbänden an, die an die Ostflanke verlegt worden waren. Weitere "Battlegroups" stehen in Lettland, Estland und Polen. Sie waren eine Reaktion auf die Annexion der Krim durch Russland 2014. Gerade erst hat die Bundeswehr ihr Kontingent in Litauen um 350 weitere Soldatinnen und Soldaten und schwere Artillerie verstärkt. Es sollen noch mehr Soldaten dazukommen. In der Ostsee sind zusätzliche Schiffe unterwegs. In der Slowakei beteiligt sich die Bundeswehr mit Infanterie und Einheiten zur Luftverteidigung am Aufbau einer weiteren "Battlegroup", die später von Deutschland geführt werden könnte.

Deutschland, sagt Verteidigungsminister Dîncu, sei ein Vorbild

Hier, in Constanța, waren es erst drei Eurofighter, ein Kleinstkontingent, das die Luftwaffe im Februar verlegte. Mit Kriegsbeginn in der Ukraine wurden es sechs. Die Italiener führen die Mission an und stellen inzwischen acht Eurofighter. Die rumänische Luftwaffe hilft mit ihrer teils noch veralteten Flotte, wo sie kann. Die Erwartungshaltung der Nato-Ostländer an die Verbündeten ist groß. Was sich in Deutschland in diesen Tagen gerade als ungewohntes Gefühl breitmacht - die Angst vor Krieg -, gehört für die Länder, die sich seit Längerem direkt durch Russland bedroht fühlen, zum Alltag.

Die Ministerin kommt gestärkt, wenn man so will. Am Sonntag hat ihr Parteikollege, Kanzler Olaf Scholz, verkündet, 100 Milliarden Euro zusätzlich in die Bundeswehr investieren zu wollen. Jahrelang hatte Berlin sich geweigert, die Verteidigungsausgaben deutlich in Richtung zwei Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes zu steigern, wie die Nato-Partner vereinbart hatten. Schon 1,5 Prozent galten als ambitioniert. Mit dem Krieg in der Ukraine wandelt sich Deutschland zum Partner, der diese Ziele nun sogar übererfüllen will. Rumänien ist längst bei den geforderten zwei Prozent angelangt und will trotzdem noch mehr investieren. Deutschland, sagt Verteidigungsminister Dîncu, sei ein Vorbild.

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