Bundeswehr:Bundeswehr geht in die selbstkritische Offensive

Bundeswehr

Die Bundeswehr ist sichtlich bemüht, den Skandal und seine Missstände wieder loszuwerden.

(Foto: dpa)
  • Gut zwei Wochen nach den Enthüllungen von Pfullendorf hat das Ministerium einen Bericht vorgelegt, in dem die Prüfung der Vorfälle und die Konsequenzen aufgelistet werden.
  • Soldatinnen und Soldaten schildern in drei Fällen Mobbing, herabwürdigende Rituale und Misshandlungen in der betreffenden Kaserne.
  • Das Ministerium strafversetzt als Konsequenz mehrere direkt verantwortliche Soldaten sowie den Kommandeur des Ausbildungszentrums.

Von Stefan Braun, Berlin

Der Skandal hat großes Potenzial, dem Ruf der Bundeswehr massiv zu schaden. Und er könnte das Werben um Nachwuchs noch schwerer machen als bisher. Deshalb sprach Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nach Bekanntwerden der herabwürdigenden Ausbildungs- und Aufnahmerituale in der Kaserne Pfullendorf von widerwärtigen und abstoßenden Vorgängen. Sie tat verbal so ziemlich alles, um den Verdacht des Tolerierens oder Verschweigens sofort auszutreten.

Gut zwei Wochen später hat das Ministerium nun einen Bericht vorgelegt, in dem die Prüfung der Vorfälle und die Konsequenzen aufgelistet werden. In der Stellungnahme, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, werden alle Befürchtungen über inakzeptable Praktiken bestätigt. Es geht sogar über bisher Bekanntes hinaus, weil deutlich wird, dass manche Beschuldigte die Praktiken für angemessen hielten und heute behaupten, sie hätten auch von ihrer Führung dafür keinen Widerspruch geerntet.

Das Ministerium spricht von "gravierenden Defiziten in Führung, Ausbildung, Erziehung und Dienstaufsicht" - und versetzt deshalb nicht nur die direkt verantwortlichen Soldaten, sondern auch den Kommandeur des Ausbildungszentrums. Außerdem wird eine "ministerielle Ansprechstelle Diskriminierung und Gewalt" geschaffen. Das klingt nach einer Telefon-Hotline - und macht deutlich, wie sehr der Generalinspekteur Volker Wieker und das Verteidigungsministerium bemüht sind, den Skandal mit demonstrativer Transparenz wieder loszuwerden.

Dazu will nur eines nicht recht passen: Dass zwei umstrittene Ausbildungsfeldwebel zur Elitetruppe Kommando Spezialkräfte (KSK) nach Calw wechseln. Diese wird stets in höchsten Tönen gelobt - und gilt als Einheit, in die nur die Besten und Untadeligsten Aufnahme erhalten.

Soldatin berichtet vom "Abtasten der unbekleideten Brust"

Ein genauerer Blick auf die drei problematischen Fälle zeigt, dass dem Ministerium der erste Vorfall vom Sommer 2014 noch am wenigsten wichtig erscheint. Damals hatte ein weiblicher Offizier von Mobbing, schlechter Führung, Alkoholmissbrauch und einem miserablen Zustand einer Ausbildungseinheit in Pfullendorf berichtet. Laut Bericht ist man den Vorwürfen schnell nachgegangen, dennoch hätten sie sich nicht "beweisfest" nachweisen lassen. Gleichwohl erklärt das Ministerium, die Vorgänge müssten "selbstkritisch analysiert werden". Es soll kein Millimeter Raum für Verharmlosung offen bleiben.

Deutlich kritischer sieht die Spitze der Bundeswehr die anderen Fälle. Der erste stammt aus dem Sommer 2016. Es geht um einen weiblichen Offizier. Sie meldet zunächst Mobbing, dann herabwürdigende Methoden in der Sanitätsausbildung. Das Mobbing sei Folge ihrer Weigerung, für die Aufnahme ins Ausbilderteam an einer Tanzstange zu tanzen.

Als sie die Sanitätsausbildung schildert, berichtet sie der stellvertretenden Gleichstellungsbeauftragten vom "Abtasten der unbekleideten Brust", dem "Abtasten des unbekleideten Genitalbereichs mit nicht behandschuhter Hand und anschließender Geruchsprobe", einem "Öffnen der Gesäßbacken zur Inspizierung des Afters", dem "Tamponieren des Gesäßes" und dem "Einfordern einer Einverständniserklärung", sich als Anschauungsobjekt zur Verfügung zu stellen.

Junge Soldaten wurden nachts an Stühle gefesselt

Aus Zorn über diese Vorgänge wendet sich am 20. September 2016 die Mutter der Soldatin an den Wehrbeauftragten des Bundestags; gut einen Monat später schreibt die Soldatin selbst an Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Tatsächlich beginnt erst dann die volle Aufarbeitung. Zuvor hatte die Führung des Ausbildungszentrums zwar die Tanzstange entfernen lassen. Umfassende Prüfungen aber begannen erst jetzt. Außerdem betonte Wieker in Gesprächen mit der Soldatin und dem Wehrbeauftragten, dass er sich persönlich kümmern werde.

Ergebnis: Der Inspektionschef der betroffenen Inspektion II, ein Major, wird ebenso versetzt wie sein Unteroffizier. Beide dürfen nicht mehr ausbilden. Außerdem werden drei Ausbildungsfeldwebel versetzt. Einer verbleibt in Pfullendorf; ihm ist das Betreten der Inspektion II aber schriftlich verboten. Die zwei anderen wechseln zur KSK nach Calw. Womöglich verbunden mit der Hoffnung, dass die Eliteeinheit Derartiges nicht zulassen würde.

Ähnlich sind auch die Reaktionen auf den dritten Fall. Hier geht es in mindestens drei Fällen darum, dass junge Soldaten von anderen Mannschaftssoldaten nachts an Stühle gefesselt wurden, einen Sack über den Kopf bekamen und mit kaltem Wasser abgespritzt wurden. In der Folge sind fünf Soldaten entlassen worden. Außerdem wird der Kommandeur des Zentrums seinen Posten zum 1. März räumen.

Am Ende des Berichts heißt es, wenn alle Beteiligten kooperierten, seien "die Probleme in den Griff zu bekommen". Das ist die Hoffnung.

© SZ vom 15.02.2017/dayk
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