Rettungsmission:37 Flüge, 5347 gerettete Menschen

Konflikt in Afghanistan - Taschkent

"Buchstäblich bis zur letzten Minute alles gegeben": Bundeswehrsoldaten helfen bei der Ankunft in Taschkent.

(Foto: Marc Tessensohn/dpa)

Die Bundeswehr ist froh, dass die Rettungsmission aus Kabul geklappt hat. Und die Verteidigungsministerin bemüht sich, aus ihren Fehlern beim Abzug Ende Juni zu lernen.

Von Mike Szymanski, Wunstorf

Dieses Mal ist Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer ihren Soldaten sogar entgegengereist. Bis nach Taschkent in Usbekistan, dort, wo die Bundeswehr ihr Drehkreuz für die Luftbrücke nach Afghanistan eingerichtet hatte. Die CDU-Politikerin wollte möglichst schnell bei den Letzten sein, die am Donnerstag den Kabuler Flughafen verlassen haben, als dort die Bomben explodierten. Die Ministerin hatte gesagt, sie hoffe, dass ihre Leute heil und gesund aus Kabul rauskommen. So kam es, aber es war knapp. In Taschkent sagte sie den Soldaten: "Ihr herausragender Einsatz macht uns stolz." Die letzte Etappe, zurück nach Deutschland, legte sie am Freitag zusammen mit der Truppe im Flieger zurück.

Nicht noch einmal sollte ihr so ein Fehler unterlaufen wie am 30. Juni. Damals war von den führenden Bundespolitikern niemand dabei, als auf dem Fliegerhorst im niedersächsischen Wunstorf die letzten 264 Soldaten aus dem Afghanistan-Einsatz gelandet waren. Nach fast 20 Jahren, so dachte man, endete damit der mit 59 gefallenen Soldaten verlustreichste und kraftraubendste Einsatz der Bundeswehr. Kramp-Karrenbauer war da gerade in den USA, auch andere Politiker hatten Termine.

Meistens herrschte während dieser zwei Jahrzehnte ein Zustand, den der frühere Bundespräsident Horst Köhler schon 2005 als "freundliches Desinteresse" der Deutschen an ihrer Bundeswehr beschrieben hatte. An diesem Juni-Tag bekamen die Soldaten mit voller Wucht zu spüren, was Köhler meinte. Da ahnte wohl auch noch niemand, dass die Mission eben noch nicht ganz beendet war.

Wunstorf, zwei Monate später. Tagsüber gehen Regenschauer über den Fliegerhorst nieder. Die Wolken hängen tief. Entlang der Straße zum Fliegerhorst werden am Nachmittag die Angehörigen zu den Parkplätzen geleitet. Am Abend sollen die Maschinen landen.

Wohl selten bekommt die Politik die Gelegenheit, einen Fehler so schnell zu korrigieren. Aber die Umstände könnten bedrückender kaum sein. Die Taliban hatten das Land nach Abzug der internationalen Truppe in atemberaubender Geschwindigkeit wieder unter ihre Kontrolle gebracht und die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt.

Seit dem 16. August hat die Bundeswehr mit A400M-Transportflugzeugen eine Luftbrücke nach Kabul aufgebaut. 37 Flüge hat die Bundeswehr seither unternommen und dabei 5347 Menschen aus Kabul herausgeholt - Deutsche, Afghanen, Bürger anderer Staaten. Es ging auch darum, so viele afghanische Helfer wie möglich noch zu retten, die für deutsche Institutionen gearbeitet hatten und nun um ihr Leben fürchteten. Die Regierung und das Parlament hatten die Bundeswehr mit Flugzeugen, Hubschraubern und 600 Männern und Frauen in einen Kampfeinsatz geschickt, der an diesem Freitag endete.

Vor fünf Jahren hätte die Bundeswehr das nicht geschafft

Alle sind jetzt da: die Ministerin, Generalinspekteur Eberhard Zorn, der ranghöchste Soldat, Eva Högl, die Wehrbeauftragte des Bundestages, und Parlamentarier, die im Juni vom Ministerium nicht früh genug informiert worden waren, um es rechtzeitig nach Wunstorf zu schaffen. Högl, schon in Taschkent mit dabei, sagte, die Soldaten hätten "buchstäblich bis zur letzten Minute alles gegeben".

Man könnte auch sagen: Die Bundeswehr, die so oft Hohn und Spott über sich ergehen lassen musste, hat funktioniert. Es ist in gewisser Weise sogar das Jahr der Bundeswehr: erst die Amtshilfe in der Corona-Krise, als Tausende Soldatinnen und Soldaten im Pflegeheim Brote geschmiert haben und in Gesundheitsämtern bei der Kontaktnachverfolgung halfen. Dann die Hilfe nach der Flut im Westen und Süden Deutschlands, mit Räumpanzern und Behelfsbrücken. Nun die Rettungsflüge aus Afghanistan.

Noch vor fünf Jahren hätte die Bundeswehr eine solch leistungsstarke Luftbrücke nicht zustande gebracht, schlicht weil es ihr an einsatzfähigen modernen A400M-Maschinen gefehlt hätte. Das Kommando Spezialkräfte (KSK), lange eher gefürchtet wegen rechtsextremistischer Vorkommnisse, hatte in mindestens vier Operationen in Afghanistan zeigen können, warum Deutschland diesen Spezialkräfte-Verband vorhält.

Kramp-Karrenbauer hatte längst geplant, zusammen mit Wissenschaftlern und Politikern den Afghanistan-Einsatz zu bewerten. Die Taliban hatten die Pläne mit ihrem Vormarsch auf Kabul aber dann schnell zunichtegemacht. Am kommenden Dienstag sollte der Afghanistan-Einsatz vor dem Reichstag mit einem Großen Zapfenstreich sein Ende finden. Auch diesen Termin hatte Kramp-Karrenbauer abgesagt, weil die Lage ihn nicht zuließ. Das höchste militärische Zeremoniell der deutschen Streitkräfte soll nun im Oktober nachgeholt werden.

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