Holocaust-Forscher:Auszeichnung auf Eis gelegt

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BOSNIA-SREBRENICA-WARCRIMES-GENOCIDE-COMMEMORATION

Zwei bosnische Frauen trauern nahe Srebrenica im Juli 2010.

(Foto: DIMITAR DILKOFF/AFP)

Deutschland wollte dem Holocaust-Forscher Gideon Greif das Bundesverdienstkreuz verleihen. Doch nun gibt es Streit um dessen Forschungen in Bosnien - und die deutsche Diplomatie steckt in einer schwierigen Lage.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Für das Bundespräsidialamt und das deutsche Außenministerium muss es fast wie ein Routineakt gewirkt haben: Der israelische Historiker Gideon Greif sollte wegen seiner Verdienste um die Holocaust-Forschung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt werden. Ein schöner Festakt war eingeplant in der Residenz der deutschen Botschafterin Susanne Wasum-Rainer in Herzlija bei Tel Aviv. Doch dann brach plötzlich ein Sturm der Entrüstung los. Der Grund: Gideon Greif gilt in Bosnien-Herzegowina als Leugner des Völkermords von Srebrenica. Die deutsche Diplomatie ist damit in eine heikle Zwickmühle geraten. Die Ordensverleihung wurde erst einmal auf Eis gelegt.

Die Verdienste des 70 Jahre alten Historikers Greif um die Holocaust-Forschung sind unbestritten. Er hat mehrere vielbeachtete Werke verfasst, war überdies fast 25 Jahre lang auch für die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem tätig. Doch vor zwei Jahren ließ er sich auf einen seltsam anmutenden Auftrag ein.

In der bosnischen Repubika Srpska wurde er zum Vorsitzenden einer "Unabhängigen Internationalen Kommission zur Erforschung des Leidens der Völker in der Region Srebrenica" ernannt. Die Auftraggeber in Banja Luka rund um den Nationalisten Milorad Dodik sind seit Langem schon darum bemüht, die serbischen Verbrechen in Srebrenica kleinzureden, wo im Juli 1995 rund 8000 bosnische Muslime ermordet worden waren. Dies ist Teil einer revisionistischen Politik, die auf Abspaltung der Serbenrepublik von Bosnien zielt.

Greif, der jegliche äußere Einflussnahme abstreitet, lieferte in diesem Sommer das gewünschte Ergebnis. 1200 Seiten dick ist das Oeuvre. "Wir korrigieren damit die Vorurteile gegen das serbische Volk", sagte er am Tag der Präsentation in einem Fernsehinterview mit dem bosnisch-serbischen Staatssender RTRS. "Zwei Hauptergebnisse" stellte er dabei vor. Punkt eins: "Ich bin jüdisch, ich weiß was Genozid bedeutet", sagt er, "und dies war kein Genozid, in keinem Fall."

Punkt zwei: "Wir haben die Zahl der Opfer korrigiert. Sie übersteigt nicht die Zahl von 3714." Sehr schnell kam er dann auch zu den serbischen Opfern. Tausende hätte es rund um Srebrenica in den Kriegsjahren 1992-95 gegeben. "Wenn man überhaupt von einem Genozid spricht, dann gegen das serbische Volk", bilanzierte er.

Proteste von Opferverbänden in Bosnien

Greifs Sichtweise steht konträr zu den Urteilen des UN-Jugoslawien-Tribunals, das die bosnischen Serbenführer Ratko Mladić und Radovan Karadžić nach jahrelangen Prozessen wegen Völkermords in Srebrenica zu lebenslanger Haft verurteilte. Sie steht auch im krassen Gegensatz zur deutschen Position, wie sie Bundespräsident Steinmeier im Sommer 2020 zum 25. Jahrestags des Massakers zusammengefasst hat: "Es war Völkermord".

Kritik hat Greif von mehreren Seiten geerntet. Menachem Z. Rosensaft vom Jüdischen Weltkongress warf ihm "schamlose Manipulation" vor. Er habe sich zum "nützlichen Idioten" machen lassen. Opferverbände in Bosnien protestierten scharf, als die deutschen Ordenspläne bekannt wurden. Und nun hat sich in der israelischen Zeitung Haaretz auch noch die bosnische Außenministerin Bisera Turković zu Wort gemeldet mit der Warnung, dass eine deutsche Ordensverleihung an einen Leugner des Srebrenica-Genozids zur "Destabilisierung des gesamten westlichen Balkans" beitragen könnte.

In Berlin herrscht nun erst einmal Ratlosigkeit. Das Bundespräsidialamt kündigte eine "nochmalige Überprüfung" an. Bis zum Abschluss eines solchen Vorgang könne man sich "grundsätzlich nicht dazu äußern", hieß es im Außenministerium. Gideon Greif wollte sich auf SZ-Anfrage nicht äußern, zeigt sich aber unbeirrt. Der Tageszeitung Haaretz teilt er mit, er gehe davon aus, den deutschen Orden zu bekommen. Alles andere wäre ein "Angriff auf das Holocaust-Gedenken".

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