Süddeutsche Zeitung

Bundestagswahlkampf im Internet:"Und sonst machen Sie nur ... Selbstdarstellung?"

Lesezeit: 4 min

Die Bundeskanzlerin lässt sich von vier Youtubern interviewen. Dabei zeigt sich, dass es Ähnlichkeiten zwischen beiden Welten gibt. Und Merkel verrät ihr Lieblingsemoji.

Von Antonie Rietzschel

Ischtar Isik ist Vollprofi, wenn es um den richtigen Lidstrich oder das perfekte Kleid für den Abi-Ball ihres Bruders geht. Mit Politik hatte sie bisher kaum Berührung, doch das ändert sich gerade. Nicht nur, weil sie bei der Bundestagswahl zum ersten Mal ihre Stimme abgibt. Ischtar Isik ist eine von vier Youtubern, deren Fragen sich Angela Merkel am Mittwoch im Live-Interview stellte. Es gab viele, die das der Beautyvloggerin nicht zutrauten. Entsprechend hoch ist der Druck, als sich Isik schließlich im ledernen Sessel gegenüber der Kanzlerin platziert.

"Deine Wahl" heißt die einstündige Live-Sendung, bei der sich die Bundeskanzlerin Fragen stellt, die die jeweiligen Youtuber bei ihren Fans eingesammelt haben. Jeder von ihnen führt ein zehnminütiges Einzelinterview mit Merkel. Ein ähnliches Format gab es bereits 2015. Damals besuchte der Gamer Le Floid Angela Merkel im Bundeskanzleramt. Das Gespräch wurde damals aufgezeichnet. Heraus kamen 30 Minuten Small-Talk über Merkels Bauchgefühl.

"Sie arbeiten ja in ihrer Partei mit den größten Machos zusammen"

Als Ischtar Isik loslegt, fürchtet der Zuschauer tatsächlich, es könnte seicht werden. Doch die 21-Jährige will mit Merkel nicht über die Morgenroutine (Wie lange brauchen Sie im Bad?) oder ihren Blazer (blau) reden, sondern über Feminismus. "Sie arbeiten ja in ihrer Partei mit den größten Machos zusammen", stellt Isik fest. Wie sie denn damit umgehe, will Isik von der Kanzlerin wissen. Die hat festgestellt, dass körperliche Unterschiede darüber entscheiden können, wie man wahrgenommen wird. Die tiefe Stimme könne ja durchaus als Instrument der Macht gesehen werden, sagt Merkel.

Sie betone immer, dass diese Unterschiede keine Rolle spielen und jedes Thema ernsthaft angegangen werden solle. Egal ob es sich um die Gewerbesteuer oder vermeintlich weibliche Politikfelder wie Familie oder Bildung handle. Ob es nicht bei der Regierungsbildung eine Frauenquote geben solle, fragt Isik. "Ja, das wäre erstrebenswert", sagt Merkel. Weist aber darauf hin, dass das natürlich nur ginge, wenn die CDU allein in Regierungsverantwortung gelangt. Ischtar Isik schlägt sich gut in dem Interview, schafft es sogar, der Kanzlerin ins Wort zu fallen. Am Ende erwähnt sie, dass es ihr erstes Interview überhaupt war. "Ja, machen Sie denn sonst nur ... Selbstdarstellung?", rutscht es Merkel heraus.

Bei "Deine Wahl" treffen Welten aufeinander. Die der Youtuber, der Vlogger, die Hunderttausende Fans besitzen, dadurch, dass sie so sind wie sie sind. Und die der Politiker, der Diplomatie und Mehrheitsentscheidungen. Ganz unähnlich sind sich diese Welten nicht, denn auch Politiker sind ja immer ein Stück weit Selbstdarsteller. Sogar Angela Merkel, die bei "Deine Wahl" ihre Erfolge abfeiert.

Was man in der Schule lernen muss? "Schreiben, lesen, rechnen"

Den Beginn der Sendung bestreitet Lisa Sophie alias ItsColeslaw, eine junge Frau, von der man die Feminismus-Frage eher erwartet hätte. Die 22-Jährige setzt sich in ihrer Sendung durchaus mit gesellschaftspolitischen Fragen auseinander: Bisexualität, Menstruationsprobleme. Sie ist schonungslos dabei. Und hat sich für das Gespräch mit Merkel ein T-Shirt mit dem Spruch: "I don't get it" angezogen, vielleicht eine Erinnerung daran, immer wieder nachzufragen, wenn sie etwas nicht versteht.

Sie vergisst es trotzdem. Kein Wunder bei der breiten Themenpalette, die sie sich vorgenommen hat: Geringe Bezahlung im Pflegebereich, Unterschiede bei der Bildung, Ehe für alle. Das ist viel für zehn Minuten. Dabei hat Lisa Sophie ein gutes Kernthema, das ihr offensichtlich am Herzen liegt: Dass die Schulbildung an der Realität vorbeigeht und manchmal Vorurteile untermauert. Im Sexualkundeunterricht etwa sei ihr beigebracht worden, sie sei nicht normal, wenn sie Männer und Frauen liebe. Was müsste man denn unbedingt können, wenn man die Schule verlasse, fragt sie Merkel. Es ist klar, dass sie nicht die Grundkompetenzen meint. Doch Angela Merkel entgegnet trocken: "Schreiben, lesen, rechnen". Zu DDR-Zeiten hätte sie noch Werkunterricht gehabt. Praktische Erfahrungen machen, das sei sehr wichtig.

Wenns nichts so gut läuft, dann schickt die Kanzlerin auch mal "die Schnute"

Dank Alex Böhm alias AlexBexi weiß das Land jetzt, welche Smileys die Kanzlerin gerne verschickt: das Smiley-Smiley. Gerne auch mit Herzchen in den Augen. Wenn es mal nicht so gut laufe, dann gebe es auch mal "die Schnute".

Böhm ist versiert bei Technik-Themen, zum Beispiel beim Testen von Smartphones, hat aber auch einen Hang zum Blödsinn, er stellt gerne Musikvideos nach und liefert eine deutsche Übersetzung der Texte dazu. Die Frage nach den Smiley ist als Auflockerung gemeint, das Interview hat er souverän geführt. Böhm fragt direkter als Lisa Sophie. Nicht "was würden Sie Jugendlichen sagen, die ..." sondern "haben Sie das Ziel, bis 2020 eine Million Elektro-Autos auf die Straße zu bringen, aufgegeben?" Dreimal sagt Angela Merkel "nein". Böhm lässt nicht locker, am Ende wendet sich die Diskussion E-Bikes zu. Es gebe kein überzeugendes deutsches Modell, beklagt sich der Interviewer. Merkel wirkt fast empört: "Ich will ja keine Produktwerbung machen, aber es gibt da ein wirklich gutes Modell von einer Firma, die mit B anfängt."

Warum sie gegen die Elektroauto-Quote sei, die SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz anstrebe, fragt Böhm dann noch. "Das habe ich so nicht gesagt", entgegnet Merkel. Sie habe nur dazu angeregt, darüber nachzudenken, was passiert, wenn die Quote nicht erfüllt werden kann. Das ist kein unwahrscheinliches Szenario, Anfang des Jahres waren nur etwa 34 000 E-Autos in Deutschland zugelassen.

Es werde sicherlich viel Kritik geben, das sei normal nach einem solchen Format, resümieren die Youtuber am Ende des Live-Streams. Die Kommentarspalte unter dem Video ist gut gefüllt. Den einen ging es zu wenig um die Legalisierung von Cannabis. Andere sind überzeugt, Merkel sei eine Lügnerin. Zwischendurch schauten mehr als 50 000 Menschen den Live-Stream. Ob es das Format bald auch mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz geben wird? Dazu will die Produktionsfirma noch nichts sagen.

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