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Bundestagswahlkampf:Schwarz fordert Rot in Marzahn heraus

Wohnungen in Berlin

Blick über den Berliner Stadtteil Marzahn. Hier tritt Mario Czaja (CDU) zur Bundestagswahl als Direktkandidat an - gegen Petra Pau von der Linken.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Ausgerechnet im Berliner Osten will ein CDU-Mann der Linken Petra Pau das Mandat abjagen - eins der spannendsten Duelle in diesem Wahlkampf. Das Schicksal der Linken im Bund könnte sich hier entscheiden.

Von Jan Heidtmann, Berlin

Sollte die Zahl der Gegner tatsächlich etwas über den Charakter eines Menschen aussagen, dann ist Mario Czaja ein ehrenwerter Mann. Da ist einmal die Initiative "Deutsche Wohnen & Co. enteignen", sie hält Czaja Falschaussage vor und fordert eine Unterlassungserklärung. Da ist der Landesvorstand der Berliner CDU, der dem Politiker Czaja keinen Listenplatz für die Bundestagswahl zugesteht. Und da ist der Vorsitzende der Hauptstadt-CDU. "Kai Wegner ist aus meiner Sicht dichter an den Positionen von Hans-Georg Maaßen als an denen unseres Bundesvorsitzenden Armin Laschet", wetterte Czaja vor ein paar Tagen. Viel Feind, viel Ehr. Dabei könnte Czaja Unterstützung gut gebrauchen.

Czaja, 45, tritt zum ersten Mal bei der Bundestagswahl als Direktkandidat der CDU in Berlin Marzahn-Hellersdorf an. Der Bezirk ist seit Jahren fest in der Hand von Petra Pau, Linke und Vizepräsidentin des Bundestags. Czajas Vorgängerin Monika Grütters war gleich viermal klar an dem Wahlkreis im Osten Berlins gescheitert. Czaja ficht das nicht an: "Es gibt eine greifbare Chance, den Bezirk für den Bundestag direkt zu gewinnen."

Mario Czaja (CDU) ist im dörflichen Marzahn aufgewachsen.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Sein Wahlkreisbüro liegt in einem ungewöhnlichen Teil von Marzahn-Hellersdorf, viele Ein- und Zweifamilienhäuser, es wirkt fast dörflich. Er ist hier aufgewachsen, hat als Junge erlebt, wie in nächster Nähe das Land mit Beton zugegossen wurde. "Ich konnte die Plattenbauten in Hellersdorf hinter den Rieselfeldern wachsen sehen", sagt Czaja. Heute sei es der "überraschendste Bezirk in Berlin".

Tatsächlich ist Marzahn-Hellersdorf, 15 Kilometer östlich des Berliner Hauptbahnhofs gelegen, längst nicht mehr so randständig, wie es einst war, verachtet geradezu: eine bedrückende Siedlung von Arbeiterschließfächern, Armenhaus der Stadt, Hochburg der Linken. Wo einem dann aber doch die Rechten mit dem Baseballschläger gute Nacht sagen.

"Made in Marzahn" - das Viertel wird selbstbewusst

Doch je teurer die Innenstadt wurde, desto mehr Menschen zogen weiter in den Osten, darunter viele junge Leute und Familien. Der Architekt David Chipperfield will hier Hochhäuser bauen, Unternehmen siedeln sich an. "Made in Marzahn" heißt eines der Wirtschaftsförderprogramme selbstbewusst. Politisch findet hier in diesem Jahr einer der spannendsten Kämpfe um ein Bundestagsmandat statt.

Das liegt einmal an den beiden wichtigsten Kontrahenten. Petra Pau hat fünf Mal hintereinander bei Bundestagswahlen das Direktmandat gewonnen, eine pragmatische, unorthodoxe Linke, die durch ihr vehementes Eintreten gegen die Rechten bekannt wurde und ein bisschen auch durch ihre roten Haare. Mario Czaja, "politisches Wunderkind", holte als Direktkandidat für das Berliner Abgeordnetenhaus mehrfach die besten Ergebnisse für die CDU. Und das im Osten.

SPD und Grüne spielen in Marzahn-Hellersdorf beim Kampf um das Direktmandat keine Rolle, die große Unbekannte ist die AfD. Bei der Berlin-Wahl 2016 war sie in keinem anderen Bezirk so erfolgreich, bei der vergangenen Bundestagswahl holte die AfD-Direktkandidatin gut 20 Prozent. Corona und die teils auch erratische Pandemiebekämpfung verschaffen der Partei zurzeit weiteren Zulauf.

Das Wahlkreisbüro der Linken Petra Pau liegt im Plattenbauviertel.

(Foto: dpa)

Petra Paus Wahlkreisbüro liegt am Alice-Salomon-Platz, die Gegenwelt zu der von Mario Czaja, hier türmen sich die Plattenbauten auf. Trotz Corona bietet sie weiterhin ihre Bürgersprechstunde an, online, aber auch im Büro mit Plexiglasscheibe dazwischen. Viele Menschen seien ja "digital überhaupt nicht, auch nicht übers Fernsehen oder den Rundfunk" zu erreichen, sagt sie. Kürzlich habe sie ein Gehörloser im Büro besucht. "Der muss ja ein Gesicht sehen, um kommunizieren zu können."

Doch "wie sich der Wahlkampf in diesem Jahr wirklich anfühlt, das kann ich Ihnen noch nicht sagen", meint Pau. Diese Woche jedenfalls gehört den Tomaten. Wie in jedem Jahr verteilt Pau Hunderte der Pflanzen im Bezirk, überall dort, wo sie mit ausreichend Abstand auf Menschen treffen kann. "Daraus entwickelt sich immer eine ganze Reihe von Gesprächen", sagt sie. Beim Übergeben der Tomaten, beim Einpflanzen und wieder bei der Ernte. Während es den Leuten dann viel um Corona oder die überschwemmte Straße und den fehlenden Gulli geht, thematisiert Pau auch die großen Fragen: soziale Gerechtigkeit, Bürgerrechte, der Kampf gegen rechts.

Diesmal geht es um mehr als Mandate

Czaja wiederum tritt als Kümmerer an; einer, der sich um eine neue Ampel im Ortsteil Kaulsdorf genauso bemüht wie um die Ansiedlung großer Unternehmen. Er zeigt auf die Bildergalerie in seinem Büro, Mario Czaja und die Bürger. "Für die Menschen ist ja kein Wahlkampf, für die Menschen gibt es die alltäglichen Sorgen", sagt er.

Der junge Czaja hat einmal in der Marketingabteilung eines großen Unternehmens gearbeitet, später war er Senator für Gesundheit und Soziales. 2015, als viele Geflüchtete nach Berlin kamen, machte er dabei keine wirklich gute Figur. Über Monate gelang es nicht, die Hilfe vernünftig zu organisieren. In seinem Wahlkreis für das Berliner Abgeordnetenhaus schadete Czaja das nicht, 2016 gewann er das Direktmandat mit fast 48 Prozent. Seine Partei, die CDU, kam gerade einmal auf knapp 32 Prozent.

Diesmal geht es jedoch um mehr als Mandate, Czaja und Pau kämpfen um ihre politische Zukunft. Czaja, weil in der Berliner CDU die ehemalige Zonengrenze noch immer recht klar definiert ist: Bei der Verteilung der Listenplätze für die Bundestagswahl fiel nicht nur Czaja durch, von den zehn Kandidatinnen und Kandidaten stammt nur eine aus einem reinen Ostberliner Bezirk. "Die CDU zieht sich auf die alten Insulaner-Positionen zurück und lässt den Osten weitgehend außen vor", sagt Czaja und versucht, dem doch noch etwas abzugewinnen: "Kein Parteienzwang, keine faulen Kompromisse", er müsse jetzt nur noch auf die Interessen seines Bezirks achten.

Petra Paus Schicksal wiederum könnte sogar über die Bundestagsfraktion der Linken entscheiden. Die vier Direktmandate in der Hauptstadt seien ein "Stück weit die Lebensversicherung der Partei", sagte kürzlich die Berliner Linken-Chefin Katina Schubert. Denn sollte die Linke bei der Bundestagswahl an der Fünfprozenthürde scheitern, könnte sie trotzdem entsprechend ihres Zweitstimmenergebnisses in den Bundestag einziehen. Dafür wären aber mindestens drei Direktmandate notwendig. Eines davon soll aus Marzahn-Hellersdorf kommen.

Rot und Schwarz kooperierten jahrelang

Doch selbst in ihrem Stammbezirk verliert die Partei stetig. Vor allem ältere Wähler fühlen sich durch die neue, eher innerstädtisch geprägte Linken-Generation nicht wirklich angesprochen. Zum Beispiel, wenn auf Flugblättern nicht mehr von Arbeitern, sondern von "Arbeiter*innen" die Rede ist. Oder aber, wenn die Solidarität mit Geflüchteten gefordert wird, die Probleme mit dem Flüchtlingsheim an der Ecke aber nicht thematisiert werden.

Czaja und Pau sind seit Jahren Kontrahenten. Ihr Wettstreit um Marzahn-Hellersdorf folgt trotzdem einer Kultur, die so gar nicht zu den groben Bauten drumherum passen will. "Wir sind aus guten Gründen in unterschiedlichen Parteien", sagt Pau. "Aber für Showkämpfe bin ich nicht zu haben." Beide haben in den vergangenen Jahren immer wieder mit der jeweils anderen Partei zusammengearbeitet, falls das nötig war - auch wenn sie sich damit bei ihren Parteifreunden unbeliebt gemacht haben. Sie hätten hier nie eine ",Haudrauf-Politik betrieben, hier gab es auch keine Rote-Socken-Kampagne", sagt Czaja. Petra Pau vertrete "anständig die Lebensbiografien etlicher Menschen in dem Bezirk".

Vier Monate vor der Bundestagswahl zeigen sich aber auch die Grenzen des Entgegenkommens. Seit einigen Wochen behauptet Czaja, dass die von der Linken unterstützte Initiative "Deutsche Wohnen & Co. enteignen" auch Genossenschaften vergesellschaften wolle. In dem Gesetzesvorschlag der Initiative steht dies zwar nicht, Czaja weigert sich dennoch beharrlich, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben.

"Mario Czaja ist mit handfesten Lügen unterwegs", sagt Petra Pau. "Das enttäuscht mich." Die Linke will nun eine Gegenaktion starten, schließlich geht es auch um eine Menge Stimmen: Fast ein Viertel aller Wohnungen in Marzahn-Hellersdorf gehört Genossenschaften.

© SZ/skle
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