Die Linke:Wacklige fünf Prozent

Janine Wissler und Dietmar Bartsch waren die Spitzenkandidaten der Partei Die Linke. Für sie gab es am Wahlabend wenig Grund zu feiern.

Janine Wissler und Dietmar Bartsch waren die Spitzenkandidaten der Linken. Weder im Karl-Liebknecht-Haus (Foto) noch bei der Wahlparty im Festsaal Kreuzberg kam Feierstimmung auf.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Die Linke stürzt ab und muss bangen, ob sie wieder in Fraktionsstärke in den Bundestag kommt. Das schlechte Ergebnis wird mit alten Fehlern erklärt.

Von Jens Schneider, Berlin

Im Festsaal Kreuzberg steht die Parteivorsitzende Susanne Hennig-Wellsow und schlägt den Anhängern der Linken vor der Bühne vor, irgendwann an diesem Abend trotzdem ein Bier zusammen zu trinken. Trotzdem, wenn es vielleicht gerade noch mal gut gegangen ist. Wenn vielleicht der für die Partei schlimmste Fall nicht eingetreten sein sollte. Bis dahin kann es freilich noch einige Stunden dauern, die von argen Schmerzen geprägt sind. Die Parteichefin spricht von einem "Schlag in die Magengrube, der richtig weh tut".

Um die fünf Prozent liegen sie zu diesem Zeitpunkt in den ersten Hochrechnungen, eine Zitterpartie beginnt. Klar ist schon, dies ist eine empfindliche Niederlage. Hennig-Wellsow spricht von Fehlern der Vergangenheit, die sie einfach nicht mehr machen dürften bei der Linken. Schon vor der ersten Prognose hatte Jörg Schindler, der Bundesgeschäftsführer, die Stimmung gedämpft: "Wir werden lange an den Bildschirmen sitzen", kündigte er den Gästen an. Sie würden bangen müssen, ob die Linke wieder in Fraktionsstärke in den Bundestag komme. Es könnte am Ende darauf ankommen, ob sie mindestens drei Direktmandate holt, um wieder dabei zu sein. Am späten Sonntagabend sah es dann so aus, als könnte wenigstens das klappen: Im Berliner Wahlkreis Treptow-Köpenick lag Gregor Gysi weit vorn, in Berlin-Lichtenberg führte Gesine Lötzsch und in Leipzig Sören Pellmann.

Die Linke dachte, sie sei eine feste Größe im Parteiensystem

Es wird viel geflucht, und einige verbergen auch nicht ihren Schrecken. Dass es so schlimm kommen würde, damit hätten auch die führenden Linken nicht gerechnet. So einen Abend hatten sie in der Partei eigentlich nicht mehr für möglich gehalten. Die Linke hoffte nach der Bundestagswahl vor vier Jahren, sicher angekommen zu sein, als feste Größe im deutschen Parteiensystem. Das Ergebnis von 9,2 Prozent war 2017 respektabel, die Partei holte fünf Direktmandate. Sie stellt den Ministerpräsidenten in Thüringen, regiert in der Bundeshauptstadt mit, auch in Bremen.

Aber gerade aus den Ländern kamen für die Linke zuletzt schon sehr verstörende Signale, vor allem aus dem Osten, wo sie als PDS seit dem Ende der DDR jahrelang eine solide Basis hatte und über die Jahre sogar immer noch stärker geworden war als Stimme jener Ostdeutschen, die von den Umbrüchen seit der Wiedervereinigung enttäuscht waren. Doch in den letzten Jahren wurde dieses Fundament brüchig. Viele Protestwähler suchten sich mit der AfD ein anderes Ventil für ihren Unmut. Und die Linke litt daran, dass der Partei zunehmend die Veteranen fehlten, die für sie in den Wohnvierteln plakatierten und Handzettel verteilten. Die alten Genossen sind in die Jahre gekommen, die Basis wird alt und stirbt weg.

Die Basis bröckelt, das hat sich schon bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gezeigt

Die Erosion spiegelt sich in Mitgliederzahlen wider, und in Wahlergebnissen: Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Sommer kamen sie gerade noch auf elf Prozent, vor zehn Jahren hatte die Linke dort mehr als doppelt so viel erreicht. Ähnlich sah es zuletzt in anderen ostdeutschen Ländern aus, diese Stimmen braucht die Partei für ein gutes Bundesergebnis angesichts der Schwäche vor allem im Süden und Südwesten.

Und es gab über Monate einen Wahlkampf, in dem die Linke kaum auftauchte. Gewiss, sie hatten es vermieden, die internen Rivalitäten zwischen den oft feindseligen Lagern in der Öffentlichkeit auszubreiten. Die beiden neuen Vorsitzenden Susanne Hennig-Wellsow und Janine Wissler konnten ohne Streit im Frühjahr gewählt werden, wie auch Wissler und Bundestagsfraktionschef Dietmar Bartsch als Spitzenkandidaten. Das neue Buch von Sahra Wagenknecht sorgte im für ein wenig Unruhe, aber die Versuche, die Spitzenkandidatin der Linken in Nordrhein-Westfalen auszubooten, sie scheiterten.

Im Wahlkampf war das Interesse am Parteiprogramm der Linken gering

Nur fehlte auch die Aufmerksamkeit für die politischen Ideen. Die Linke erschien irrelevant, wie auch ihr Wunsch künftig mitzuregieren, bis im Spätsommer diese Option durch die Umfragen vielleicht möglich erschien. Seither versuchten Wissler und Bartsch das Interesse zu nutzen und die Partei ins Spiel zu bringen als Teil einer rot-grün-roten Regierung, der die SPD und die Grünen zu einer sozialeren Politik zwingen könnte. Und das bürgerliche Lager freute sich, vor dem Linksbündnis warnen zu können.

Davon sind sie nun weit entfernt, "unser Platz im deutschen Bundestag wird die Opposition sein", sagt Spitzenkandidat Dietmar Bartsch im Festsaal Kreuzberg. Gegen zwanzig Uhr kommt der Veteran Gregor Gysi auf die Bühne. Er nennt das Ergebnis desaströs. Auch er muss lange auf einen erneuten Erfolg in seinem Wahlkreis in Berlin hoffen.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Die SPD-Politiker Lars Klingbeil, Norbert Walter-Borjans, Olaf Scholz, Saskia Esken und Rolf Mützenich

SZ PlusBundestagswahl
:Wie links ist die SPD um Scholz?

Er hat Chancen, der nächste Kanzler zu werden. Dabei wollte die Partei ihn 2019 nicht mal als Vorsitzenden haben. Wie viel Scholz steckt also wirklich in der SPD - und wer möchte noch mitreden? Ein Blick in die zweite Reihe.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB