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Bundestagswahl:Finale mit angespannten Nerven

Wahlkampf CSU/CDU; Kandidaten Bundestagswahl Merkel München

Auch wenn insgesamt mehr als 8000 Menschen gekommen sind, gehört werden hauptsächlich die paar Hundert Störer der AfD.

(Foto: picture alliance / Sven Hoppe/dp)

Pfiffe gegen die Kanzlerin, ein nimmermüder Schulz und der Selfie-König Lindner. Eindrücke vom Münchner Marienplatz, wo vor der Bundestagswahl alle auftraten.

Bis zum Schluss sind die Spitzenkandidaten kreuz und quer durch die Republik gereist. Vom TV-Studio auf den Marktplatz, von der Fabrik zur Podiumsdiskussion. Vor der Bundestagswahl ist völlig offen, wer auf dem dritten Platz landet: Die AfD gibt sich siegessicher, alle anderen warnen vor den Rechtspopulisten. Während sich die Kanzlerin auf die vierte Amtszeit vorbereitet, muss die SPD ein Debakel verhindern. Merkel, Schulz, der Linke Bartsch, der Grüne Özdemir und Lindner von der FDP: An einem Ort traten zuletzt alle auf: auf dem Marienplatz in München. Die SZ war stets dabei vor dem Rathaus - und beschreibt die Stimmung kurz vor der Stimmabgabe.

Angela Merkel, 22. September, 19 Uhr

Deutschland, ein Land der Wut, ein Land des Hasses? Wer an diesem Freitagabend beim Union-Wahlkampffinale am Münchner Marienplatz steht, muss unweigerlich denken, dass Angela Merkel hart abgestraft wird bei dieser Bundestagswahl. So laut sind die Buhruhe ihrer Gegner, die Trillerpfeifen, so groß deren Transparente. Auch wenn insgesamt mehr als 8000 Menschen gekommen sind, gehört werden hauptsächlich die paar Hundert Störer der AfD.

Die Kanzlerin bleibt zwar ruhig, aber sie hält ihre Rede mit deutlich angespanntem Gesicht, die Stimme wirkt angeschlagen, sie stockt immer wieder. "Dass wir so unterschiedlich sind in Deutschland und uns trotzdem verstehen, das macht uns stark", sagt sie von ihrer Bühne ins Menschenmeer. Lüge, Lüge, Lüge, schallt es zurück. "Das, was 2015 war, das darf sich nicht wiederholen." Lüge, Lüge, Lüge. "Wir haben nicht ausreichend aufgepasst." Höhnisches Gelächter.

Bayern hat die Flüchtlingskrise bekanntlich besonders zu spüren bekommen, Hunderttausende Menschen passierten hier die deutsche Grenze. Merkel hebt das würdigend hervor, aber der Applaus bleibt auch von ihren Parteianhängern verhalten. Umso lauter ist deren Zustimmung, als die Kanzlerin verspricht, dass "Bayern eine starke Stimme in Berlin haben muss". Alle auf der Bühne wissen: Die CSU muss wieder nah an die 50 Prozent kommen, damit die Union ein gutes Ergebnis erzielen kann.

Nach 15 Minuten reicht es aber auch Merkel. "An die, die da so schön schreien: Mit Pfeifen und mit Brüllen wird man die Zukunft Deutschlands nicht gestalten." Und sie legt nach: "Danke an alle Polizisten, die heute für unsere Sicherheit sorgen." Erlösendes Geklatsche. Der Applaus ist kurz lauter als der Zorn. Leila Al-Serori

Einlaufmusik: "I Can't Get No Satisfaction" von den Rolling Stones.

Bester Kandidaten-Spruch: "Jeder ist stolz auf seine Wurzel. Ich komme aus dem Norden, und wir wissen dort genau, warum die Vorpommern anders sind als die Mecklenburger." Merkel über die Unterschiede in Deutschland, die das Land stärker machen.

Peinlichster Moment: Als CSU-Innenminister Joachim Herrmann anfängt um die Erzkonservativen mit "Flüchtlinge, die vergewaltigen"-Warnungen zu buhlen. Da hört er sich fast schon an wie die Störer, die er eigentlich übertönen möchte.

Rahmenprogramm: Neben der AfD hat auch Greenpeace mobilisiert. Der Protest gegen den Diesel-Skandal fiel aber deutlich leiser aus.

Reaktionen drumherum: Kopfschütteln über die Krawalle der AfDler. Ach ja, die Antifa war auch da, komplett umstellt von Polizisten.

Martin Schulz, 14. September, 18 Uhr

Und plötzlich ist es mit dem Sommer vorbei. Am Marienplatz hat es zehn Grad, ein eisiger Wind weht - und dann setzt der Regen ein. Wintereinbruch. Schulz' Sommer ist da ohnehin schon seit Monaten vorbei. Mit plötzlichen Wetterumschwüngen kennt sich der SPD-Kanzlerkandidat aus. So gut hatte alles begonnen, als er im Januar zum Merkel-Herausforderer bestimmt wurde. Schulz bescherte der SPD tausende Parteieintritte und viel Euphorie. Und dann war auf einmal alles vorbei und keiner weiß so genau, warum.

September 14 2017 New York City New York United States of America Just ten days before the Ge

Hielt am Marienplatz eine gute Rede: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Auch Schulz' Auftritt in München bringt einen der Antwort nicht näher. Denn der ist gut. Die Stimmung: hoffnungsvoll bis Arbeiterpartei-pathetisch. Kurz verfällt man dem Eindruck, dass sich die Umfragen vielleicht irren. Doch München ist eben auch das gallische SPD-Dorf im von der CSU besetzten Bayern. Eine Insel der Hoffnung für manche. Mehr auch nicht.

Schulz konzentriert sich auf sein Kernthema Gerechtigkeit. Man möchte meinen, dass er damit in einer reichen Stadt wie München nicht so punkten kann. Doch Schulz legt gleich mit dem München-Problem schlechthin los: zu hohe Mieten. Auch das Thema Arbeit ist gut gewählt in der BMW-Stadt: "Hier stehen zwei Leute nebeneinander am Fließband. Der eine kriegt Tariflohn, der andere ist Leiharbeiter!", sagt der frühere Präsident des EU-Parlaments. Das Publikum grölt für das kalte Wetter recht ordentlich.

Schulz gibt sich wie immer als Mann des Volkes, der die Probleme der einfachen Bürger versteht. Das kaufen die Münchner dem Ex-Alkoholiker und Sohn einer Alleinerziehenden auch ab. Ein grauhaariger Alt-Achtundsechziger schreit, wie um einen Wahlsieg Schulz' herauf zu beschwören: "Er muss! Er muss! Er muss!" Passender wäre: Er müsste eigentlich. Denn in den Umfragen geht es für die SPD weiter nur in eine Richtung: nach unten. Deniz Aykanat

Einlaufmusik: "Viva la Vida" von Coldplay

Bester Kandidaten-Spruch: "Angie, hör die Glocken!", ruft Schulz, als das Läuten des Alten Peter, der ältesten Kirche Münchens, ihn zu übertönen droht.

Peinlichster Moment: "Wählt Martin Schmidt!" Münchens SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter kündigt Schulz exzellent an - und versaut dann alles.

Rahmenprogramm: Die Band "Jam-Tonic" spielt Charts-Hits in jeder Unterbrechung. Also dauert im Regen alles noch länger.

Reaktionen drumherum: keine Demonstranten, wenige Polizisten, eher wohlwollendes Desinteresse. Verwirrt sind nur einige Touristen mit Selfie-Sticks, die nicht verstehen, warum man vor ihren Fotomotiven eine blöde Bühne aufgestellt hat.