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Tag der Deutschen Einheit:Ein Land sucht sich selbst

Pirna (links) und Freiburg (rechts) - gleich schön und doch völlig unterschiedlich.

(Foto: imago stock&people)

27 Jahre nach der Einheit ist Deutschland gespalten. In Sachsen stimmte fast jeder Dritte für die AfD, rund um Freiburg wählten 21 Prozent die Grünen. Unterwegs in zwei Regionen, in denen viele Menschen ratlos sind.

Von Matthias Kolb, Freiburg, und Antonie Rietzschel, Pirna

Die gotische Kirche, das liebevoll restaurierte mittelalterliche Zentrum. Herausgeputzt. Bundesrepublikanische Idylle. Dahinter schiebt sich der Schlossberg ins Bild, von oben ein wunderbarer Blick auf den Fluss, ins Tal hinein, dahinter ein anderes Land. Die Berge nur wenige Kilometer entfernt, wunderbare Natur. Von Einheimischen und Touristen gleichermaßen geliebt. Die Bevölkerungszahl steigt. Die Mieten leider auch.

Das ist Freiburg. Das ist das Münster. Der Schwarzwald. Das Dreisamtal, Frankreich.

Und: Das ist Pirna. Das ist die Marienkirche. Die Sächsische Schweiz. Das Elbtal, Tschechien.

In Freiburg erhielten die Grünen bei der Bundestagswahl 21,2 Prozent der Zweitstimmen, das ist Rekord. In Pirna kam die AfD auf 34 Prozent. In keinem Wahlkreis holte die Partei bessere Ergebnisse. Warum trennt diese Städte so viel mehr als 700 Kilometer? Zwei Ortsbesuche.

Pirna: Ein Lokalpolitiker setzt auf die AfD

Die Ursachenforschung, warum die AfD gerade in Ostdeutschland so erfolgreich ist, begann noch am Wahlabend. Vom wütenden ostdeutschen Mann ist die Rede, von den Abgehängten und Frustrierten. Tim Lochner ist anders. Er hat ein ruhiges und überlegtes Gemüt. Der Tischlermeister gehört in Pirna zum Mittelstand und wohnt nicht im Plattenbau, sondern auf einem Dreiseitenhof. Es ist das Haus seiner Eltern, er hat es eigenhändig restauriert.

Lochner sitzt im Stadtrat, zuletzt hat er den Bau eines neuen Hortgebäudes unterstützt. Die vorige Wahl zum Oberbürgermeister konnte der 47-Jährige im Januar zwar nicht gewinnen, doch er erreichte aus dem Stand 32 Prozent. Acht Jahre lang war er CDU-Mitglied, war Mitglied im Stadtvorstand. Im Herbst 2016 trat er aus. Bei der Bundestagswahl gab er der AfD beide Stimmen. Aus Protest:

Lochner liebt Pirna. Für ihn kann die Stadt mit ihren 38 000 Einwohnern kaum noch schöner werden. Doch die Schönheit sieht er bedroht. Das Wort "Islamisierung" spricht er nicht aus, lieber erzählt er Anekdoten. Die Tochter einer Bekannten gehe beispielsweise in Berlin auf eine Schule, auf der es angeblich kaum noch deutsche Kinder gebe. Eines Tages habe sie zuhause erzählt, sie dürfe keinen kurzen Rock mehr anziehen.

In Sachsen gibt es nur wenige Migranten, ihr Anteil beträgt 3,9 Prozent. "Gesamtgesellschaftlich mag die Zahl stimmen, aber wenn man das auf einzelne Lebensbereiche herunter rechnet, sieht das anders aus", argumentiert Lochner. Im Kindergarten oder Sportverein zum Beispiel. Lochner war lange Präsident eines Fußballclubs und rechnet vor: "Sie haben plötzlich 180 junge Männer. Wenn sich zehn Prozent entscheiden, Fußball zu spielen, dann sind die gleich eine eigene Mannschaft - da brauchen Sie doch eine Obergrenze." Er ist dagegen, dass Flüchtlinge vom Mitgliedsbeitrag für die Sportvereine befreit werden.

Für Lochners Idealvorstellung von Deutschland müsste man die Zeit zwanzig Jahre zurückdrehen. In den Neunzigern habe er am Ende des Monats noch Geld übrig gehabt, sagt er. Keine Eurokrise, keine Flüchtlingskrise. Keine Diskussionen über Gender, ob es jetzt "Studierende" oder "Studenten" heißt. Jeder solle doch sagen dürfen, was er will. So sieht er das.

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Hat schon Maler Canaletto inspiriert - das Pirnaer Rathaus.

(Foto: Sandra Sperling)

Lochners Lieblingsort in Pirna sind die Gassen, die zum Markt führen. Sie sind so angeordnet, dass der Betrachter immer nur einen Teil des Rathauses sieht. Erst wenn er auf dem Platz steht, fügt sich das Gebäude, das schon den Maler Canaletto inspirierte, als Ganzes zusammen. "Eine architektonische Meisterleistung", schwärmt Lochner. Müsse man gesehen haben. Spontan lädt er ganz Freiburg zu einem unpolitischen Spaziergang ein. Die Rolle des Stadtführers würde er übernehmen.

Freiburg: Die Grünen sind angekommen, zufrieden und etwas ratlos

Von Pirna am östlichen Rand Deutschlands nach Freiburg im Südwesten. Dort, im Wahlkreis 281, haben die Grünen bei der Bundestagswahl mehr Zweitstimmen erhalten als irgendwo sonst: 21,2 Prozent. Als grüne Hochburg gilt die Uni-Stadt mit ihren 222 000 Einwohnern spätestens seit 2002, als mit Dieter Salomon erstmals ein Vertreter der Ökopartei zum Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt gewählt wurde.

Sehnsuchtsort ist für viele der Stadtteil Vauban, der 1998 auf dem Gelände einer ehemaligen französischen Kaserne entstand. Autos werden hier nur geduldet: Sie dürfen entlang der Vauban-Allee fahren, die Nebenstraßen mit den Niedrigenergiehäusern sind tabu. Kurz sind die Wege in diesem Öko-Utopia, fast alle sind zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs. Der "Quartiersladen" wird als Kooperative geführt, und Aushänge werben für das Reparaturcafé oder suchen nach "Fahrrad (gern mit Kindersitz) für Flüchtlingsfamilie". Hier wünscht man sich für Deutschland eine offene Willkommenskultur, viele Bewohner sind in Helferkreisen aktiv, nur die "Refugees Welcome"-Sticker sind annähernd so oft zu sehen wie die "FCK AFD"-Sticker. Wer nachhaltig leben will, Ruhe und Weltoffenheit schätzt, für den ist Vauban ein Idyll.

Ella Müller kommt gerne hierher, auch wenn sie anderswo wohnt - wegen der Preise (eine Drei-Zimmer-Maisonette-Wohnung kostet 960 Euro Kaltmiete). Die 31-Jährige sitzt auf der Terrasse des Kulturhauses "Süden" und nennt Zahlen, die ihr als Kreischefin der Grünen sehr gefallen: 40,6 Prozent bekam die Partei in Vauban, es folgte die Linke mit 23,3 Prozent. CDU und AfD erhielten im "Stadtteil der Superlative" nur 8,6 bzw. 2,4 Prozent. Trotzdem beschäftigt Müller vor allem eins: der bundesweite Erfolg der AfD.

Ein Mord erschütterte Freiburg

"Es ist eine Zäsur, dass eine rechtsnationale Partei im Bundestag sitzt", sagt Müller. Bei der Ankündigung von Alexander Gauland, er wolle "die Regierung und Merkel jagen" sei es ihr "kalt den Rücken" hinunter gelaufen, berichtet die Historikerin. Seit dem Herbst 2016 waren die Freiburger Grünen besorgt, dass die AfD das Debattenklima verändern würde. Damals erschütterte der Tod von Maria L. die Idylle: Die Medizinstudentin war von ihrem Fahrrad gerissen, vergewaltigt und getötet worden. Der mutmaßliche Täter stammt aus Afghanistan und kam über Griechenland nach Freiburg, der Mordprozess läuft gerade.

Der Fall habe viele Frauen erschüttert, sagt Müller. "So etwas darf nicht sein, Frauen müssen sich sicher fühlen, das ist uns Grünen auch aus Gründen der Emanzipation wichtig." Dass der Mord und das Flüchtlingsthema im Freiburger Wahlkampf keine große Rolle spielten, lag ihrer Ansicht nach an der guten Reaktion des OB sowie an konkreten Maßnahmen: mehr Polizeipräsenz zum Beispiel. Und mehr Videoüberwachung. Sie sagt: "Man kann es auch so sehen: Die AfD konnte nicht Fuß fassen, obwohl das eingetreten ist, was alle befürchtet haben." Wegen der Rechtspopulisten sei der Umgang unter den anderen Parteien fairer und sachorientierter geworden: "Wir haben gesehen, dass uns die demokratische Grundüberzeugung eint."

"Emanzipation, mehr Rechte für Homosexuelle, bessere Bezahlung für Frauen - das ist nicht umkehrbar", sagt Ella Müller.

(Foto: Privat)

Eine Botschaft an die AfD-Wähler? Das fällt Ella Müller schwer. Sie könne den Frust der Bürger verstehen, wenn auf dem Land Krankenhäuser schließen: "Der Staat darf sich nicht so zurückziehen." Sie habe jedoch das Gefühl, dass soziale Fragen nicht die Hauptanliegen vieler AfD-Anhänger sind: Gerade den Männern gehe es vor allem um Protest. Müller ist skeptisch, dass mehr Gespräche viel bewirken können: "All die Entwicklungen, die viele dieser Männer verärgern und durch die sie sich abgehängt fühlen, sind Dinge, von denen ich und viele andere profitieren. Emanzipation, mehr Rechte für Homosexuelle, bessere Bezahlung für Frauen - das ist nicht umkehrbar."

Ein CDU-Landrat befürchtet Schlimmes für Sachsen

In Pirna sieht das Michael Geisler ganz anderes. Nun gelte es, mehr mit den Bürgern zu reden, nicht nur auf Bürgerversammlungen, sondern auch im kleinen Kreis. "Die Ochsentour machen", so nennt das der Landrat im Landkreis Sächsische Schweiz - Osterzgebirge. Seinen Posten als Chef des CDU-Kreisverbands hat der 57-Jährige nach der Wahl hingeschmissen.

Geisler ist Pessimist, das ist seine Lebensphilosophie. Er geht vom Schlechtesten aus, nur dann kann er positiv überrascht werden. Ihm war klar, dass es für seine Partei knapp werden würde bei der Bundestagswahl. Aber dass über Nacht politische Gesetzmäßigkeiten in Sachsen außer Kraft gesetzt werden, damit hat selbst er nicht gerechnet. Seit der Wende waren die Christdemokraten hier stärkste Kraft. Unter ihrer Führung entwickelte sich Sachsen zu einem der wirtschaftsstärksten Bundesländer in Deutschland. Jetzt ist die AfD stärkste Kraft - und das obwohl der sächsische CDU-Landesverband bereits als rechts gilt. Hier, im Wahlkreis 158, holte Frauke Petry das Direktmandat und entthronte damit Klaus Brähmig, der 27 Jahre für die CDU im Bundestag saß. Was sagt eigentlich Ministerpräsident Stanislaw Tillich über das Desaster-Ergebnis? Er fordert einen Kurswechsel in der CDU und spricht in Interviews von seinem Wunsch, dass Deutschland Deutschland bleiben möge.

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Ratlos - Michael Geisler.

(Foto: Sandra Sperling)

Mit Blick auf seine Partei schwankt Landrat Geisler schon länger zwischen völligem Fatalismus und Zuversicht. "Ich habe ja auch schon mehrmals überlegt, die CDU zu verlassen", sagt er. Als Landrat habe er sich beim Zuzug von Flüchtlingen von der Bundesregierung allein gelassen gefühlt. Damals musste er sich in Bürgerversammlungen anbrüllen lassen. Seine Partei beschreibt der Landrat als "zuweilen arrogant". Besonders regt er sich über die Jungen auf, die zu sehr an die eigene Karriere denken und die Basisarbeit vernachlässigen.

Im Sommer 2019 wird in Sachsen ein neuer Landtag gewählt und Geisler glaubt, dass die AfD dann stärkste Kraft werden wird: Sogar die absolute Mehrheit könne die Rechtsaußenpartei schaffen. "Wenn wir uns jetzt nicht am Riemen reißen und neue Wege bestreiten." Zum Beispiel wieder die Ochsentour machen. Wichtig sei, wieder in die ländlichen Regionen zu gehen, die Ortsverbände zu aktivieren. "Es geht jetzt um alles, es geht um die Existenz der sächsischen CDU", sagt Geisler. Und schränkt ein: Zwei Jahre seien dann doch ziemlich kurz für so einen Umbruch. Vielleicht kann die CDU den Pessimisten Geisler noch positiv überraschen. Oder die AfD zerlegt sich selbst. So zumindest die Hoffnung von Michael Geisler.

Freiburg: Die Uni-Stadt ist jung, erfolgreich und ziemlich links

Um die Zukunft der eigenen Partei sorgt sich David Vaulont nicht. Der Jurist sitzt für die Grünen im Freiburger Gemeinderat und geht davon aus, dass Oberbürgermeister Salomon 2019 wiedergewählt wird. Auf kommunaler Ebene gibt es keinen Koalitionsvertrag, weshalb alle Parteien - auch die CDU - Kompromisse suchen. Die Badische Zeitung klagt mitunter über diesen "Konsens als Prinzip" und wünscht sich schon mal mehr Streit in der Sache, doch Vaulont findet, dass die Stadt mit Pragmatismus gut fährt. Er führt die hohe Unterstützung für die Grünen auch darauf zurück, wie gut vieles funktioniere.

Der 29-jährige Freiburger hat die Stadt nie verlassen. Die größte Herausforderung für Freiburg scheint der Umgang mit der eigenen Attraktivität. "Wir sind die jüngste deutsche Großstadt mit einem Altersschnitt von 39,8 Jahren", berichtet Vaulont. Die Universität zieht viele an und im Breisgau werden mehr Kinder geboren als dass Ältere sterben. Die Folgen? Ständig steigende Mieten und viele Debatten über Neubauten, Verdichtung und ein modernes Mobilitätskonzept.

David Vaulont ist stolz darauf, dass Freiburg anders und fortschrittlicher ist als viele Gegenden der Republik.

(Foto: Matthias Kolb)

Der Erfolg der AfD beschäftigt auch Vaulont. Es störe ihn nicht wirklich, wenn jemand Worte wie "linksgrün versifft" verwendet - das zeige leider nur, dass derjenige an einem ernsthaften Gespräch nicht interessiert sei. Vaulont glaubt weiter an Dialog und betont, dass er natürlich mit einem AfDler ein Bier trinken würde. Deren Beweggründe seien sehr unterschiedlich, vermutet der 29-Jährige. Er verweist auf eine Studie: "Die AfD-Wähler blicken am pessimistischsten in die Zukunft, 67 Prozent machen sich Sorgen". Gleichzeitig hat YouGov ermittelt, dass die Grünen-Wähler die größten Optimisten sind und auch deutlich zufriedener mit ihrem Lebensstandard als der Durchschnitt.

David Vaulont ist stolz darauf, dass Freiburg anders und fortschrittlicher ist als viele Gegenden der Republik. Er sagt: "Wir leben hier schon in einer Blase. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, in 45 Minuten ist man in den Bergen auf der Skipiste, und Frankreich ist nah. Manchmal sind wir weit weg von dem, was anderswo in Deutschland passiert."

Demonstranten rufen "Ganz Freiburg hasst die AfD"

Wie sehr gerade junge Freiburger die Rechtspopulisten ablehnen, zeigen nicht nur die vielen Anti-AfD-Sticker und Graffiti. Nach der Wahl rufen die Feministische Linke und die Antifaschistische Linke zur "Mahnwache für Solidarität und gegen Ausgrenzung" auf und etwa 1000 Leute kommen zum Platz vor der Alten Synagoge. Sie halten sich an den Händen und Redner rufen zum Schutz auf von all jenen, die von der "menschenverachtenden" Politik der AfD "eingeschüchtert, ausgegrenzt und diskriminiert" werden. Geflüchtete, Homosexuelle, Arbeitslose, Farbige, Muslime, Behinderte, Juden, Transsexuelle - mit allen erklären sie sich solidarisch.

Klarer Protest in Freiburg.

(Foto: Matthias Kolb)

Die anschließende Demo durch die Innenstadt verläuft friedlich, mit den üblichen "Siamo tutti antifascisti"-Rufen. Sollte ein AfD-Wähler die Demonstranten gesehen haben, wie sie "Freiheit entsteht durch kämpfende Bewegung, für mehr Staatszerlegung!" skandieren, dann wird er sich in seinen Vorurteilen bestätigt fühlen. Der häufigste Spruch an diesem Abend: "Ganz Freiburg hasst die AfD!"

Eine Flüchtlingshelferin in Sachsen hat Angst

Imke Günther in Pirna würde sich eher Sätze wünschen, die zeigen, dass die Politik die AfD-Wähler durchaus ernst nimmt. Nach dem Motto: "Wir haben Fehler gemacht. Wir haben euch gehört und versuchen an Lösungen zu arbeiten." Wünschen würde sie sich auch ein Statement, dass Menschen wie ihr Sicherheit gibt. Doch es kommt: nichts.

Günther engagiert sich seit Jahren in der Flüchtlingshilfe. Sie hat für einen jungen Afghanen die Vormundschaft übernommen. Die 52-Jährige fühlte sich stark, weil sie über ihre Arbeit immer wieder auf Gleichgesinnte traf. Außerdem ist sie eine unverbesserliche Optimistin. Doch am Tag nach der Wahl fühlte sie sich, als hätte jemand auf sie eingeprügelt. Sie versuchte tief durchzuatmen, doch die Tränen kamen trotzdem, als sie die Sächsische Zeitung aufschlug.

Da standen die Wahlergebnisse, schwarz auf weiß. Und auf der nächsten Seite fand sich ein Artikel über eine Frau, die als "Botschafterin der Wärme" ausgezeichnet wurde, die für eine offene und bunte Gesellschaft eintritt und damit das Feindbild der AfD verkörpert. Diese Frau war Imke Günther. Als sie dort ihr eigenes Foto sah, bekam sie Angst.

Diese Angst ist berechtigt. In der Sächsischen Schweiz ist die Zahl rechtsextremer Übergriffe schon lange hoch. Das Ergebnis der AfD könnte die Lage verschlimmern. "Ich gehe jetzt wacher durch die Stadt, schaue, ob die Leute mich anders wahrnehmen, anders auf mich reagieren", sagt Günther. Doch einschüchtern lassen will sie sich nicht: "Das hier ist auch meine Stadt - und die werde ich nicht kampflos herausgeben."

Grundsätzlich gehe es den AfD-Wählern darum, auf den Tisch zu hauen, vermutet Günther. "Die wollen sich stark fühlen. Dabei können sie das auch erreichen, wenn sie sich einfach engagieren." Aber nach ihrer Vorstellung wollen sich AfD-Wähler lieber in ihre heimische Nische zurückziehen, in der es schön gemütlich ist und die Welt ausgesperrt bleibt. Günther will genau das Gegenteil. Doch sie hat schwierige Gegner: Dummheit und Sturheit seien gefährlicher als alles andere.

Müsste man sich nicht gerade deswegen stärker mit der Gegenseite austauschen? Imke Günther hält davon nicht viel. Sie glaubt, dass viele AfDler auf plumpe Parolen hereingefallen sind und diese einfach wiederholen. Günther hört sie überall: Beim Bäcker, im Kaffee, auf der Straße. Soll sie mit jedem eine Diskussion anfangen? Nein, sie wünscht sich, dass die Politiker einen Rahmen finden, in denen konzentrierte Gespräche möglich sind.

Gerade möchte sie aber lieber Gleichgesinnte treffen, um wieder ihre alte Stärke zurück zu erlangen. Gerne auch mit Engagierten aus Helferkreisen, etwa in Freiburger Stadtteilen wie Vauban. Über eine Einladung würde sie sich freuen, auch weil sie eine Botschaft hat: "Es gibt hier auch Lichtblicke." Mit Klischees und Verallgemeinerungen komme man nicht weiter.

Freiburg: Wieso die AfD in manchen Stadtteilen Erfolg hatte

"Die muss man hier mit der Lupe suchen", meint ein Mann vor dem "Quartiersladen" in Vauban über die AfD-Wähler. Keiner spricht es direkt aus, aber zu spüren ist es doch: Die neue Partei wird als Bedrohung für den eigenen, alternativeren Lebensentwurf angesehen. In anderen Stadtteilen ist die AfD erfolgreich: In Landwasser, wo es statt Niedrigenergiehäusern Plattenbauten gibt, erhielt sie 17 Prozent. "Um die Menschen in den ärmeren Gegenden kümmert sich die Politik zu selten", sagt Detlef Huber.

Der Unternehmensberater lebt selbst in Landwasser, der stellvertretende Kreissprecher der AfD ist bestens gelaunt: "Wir haben unser Ergebnis im Wahlkreis auf 7,9 Prozent verdoppelt." Huber sitzt vor dem Hotel "Rappen" gegenüber des berühmten Münsters und schwärmt: "Trotz allem will ich hier nicht weg". Mit "allem" meint Huber die linke Einstellung vieler Mitbürger, die er überzogen findet. Ein Parteifreund spricht vom linken "Wolkenkuckucksheim", in dem gerade die Studenten leben würden. Als AfDler sei man stets der "böse Bube" und der Spielverderber, weil die heile Welt hinterfragt werde.

Andreas Schumacher (links) und Detlef Huber hoffen auf weniger "Zitatekonfetti".

(Foto: Matthias Kolb)

Huber, 46, ist 2013 nach der Bundestagswahl in die AfD eingetreten, weil die CDU keine wirtschaftsliberale Politik mehr vertrete und konservative Meinungen unterdrücke. Der promovierte Jurist freut sich auf die künftigen Diskussionen im Bundestag: "Frau Merkel wird jetzt die Debatte aufgezwungen, sie hat das Land in den Tiefschlaf versetzt." Wenn die Freiburger Antifa vor den AfD-Ständen protestiere, dann störe ihn das nicht, sagt Huber: "Die sollen ruhig demonstrieren, aber bei Gewalt hört es auf."

Andreas Schumacher nickt. Der 26-Jährige leitet den Kreisverband und hat sich längst daran gewöhnt, dass AfD-Plakate gezielt abgerissen werden. Also setze man parallel auf Flyer und Facebook. Schumacher studiert Germanistik in Freiburg und wird an der Uni für sein Engagement oft angefeindet. Er wurde katholisch erzogen und ihm gefällt, dass die AfD die traditionelle Familie verteidigt. Den Gauland-Satz "Wir werden sie jagen" empfinden beide als legitime Zuspitzung - und die Aufregung darüber als übertriebene "politische Korrektheit".

Dass der Kreisverband Freiburg in einer Mitteilung in der typischen AfD-Sprache als "linksversifft" bezeichnet, verteidigt Schumacher. Die Nachricht richte sich an die Anhänger, da sei ein solches "Schmankerl" schon erlaubt, findet er. Und außerdem: "Wenn wir als 'Nazi' beschimpft werden, dann halte ich 'linksversifft' für völlig okay." Ihr nächstes Ziel: Nach der Kommunalwahl im Frühjahr 2019 soll die AfD in den Freiburger Gemeinderat einziehen. "Alle Ebenen durchdringen" und so den Diskurs verändern, darauf setzt Detlef Huber.

Oft spürbar: Hoffnung auf eine Zeit der Einigkeit

Andreas Schumacher, Detlef Huber, Tim Lochner, Ella Müller, Imke Günther, David Vaulont und Michael Geisler - sieben Menschen, die alle im gleichen Land leben, in Städten, die vieles gemeinsam haben und doch scheinbar in verschiedenen Welten liegen. 27 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland tief gespalten, in Ost und West, in links und rechts, in Optimisten und Pessimisten. Überall spürt man Ratlosigkeit: über Schubladendenken, über die Wut und Sprache der Anderen und vor allem darüber, wie es weitergehen soll.

Die Erwartungen an die künftige Bundesregierung könnten nicht unterschiedlicher sein. Die Grüne Ella Müller sieht einer möglichen Jamaika-Koalition positiv entgegen. Sie hofft, dass sich dort - wie in Schleswig-Holstein - Dynamik, Heimatverbundenheit, Modernisierung und Klimaschutz verbinden lassen. Flüchtlingshelferin Imke Günther aus Pirna fürchtet dagegen, dass sich die nächste Regierung festfährt - weil das Jamaika-Bündnis selbst zu viele Widersprüche in sich trage. Detlef Huber wünscht sich, dass die Medien mit dem "Zitatekonfetti" aufhören und endlich umfassender über die Vorschläge der AfD auch jenseits der Flüchtlingspolitik berichten. Und was ist mit Tim Lochner, der ebenfalls AfD gewählt hat? Er erwartet nichts von der neuen Regierung, weil er das Vertrauen in die großen Volksparteien verloren hat.

"Aber zusammen sind wir alles, was wir brauchen!" - diesen Spruch hat jemand mit schwungvoller Hand auf ein leeres Schaufenster in Pirna geschrieben. Er wirkt wie ein hilfloser Appell, der die Hoffnung in sich trägt, dass es irgendwann wieder eine Zeit der Einigkeit geben kann, nicht nur für Pirna oder Sachsen. Sondern für die gesamte Bundesrepublik.

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