Bundestagswahl:Vor den Grünen liegen geschäftige Wochen

Die Partei um Kanzlerkandidatin Baerbock legt im Vergleich zur letzten Bundestagswahl zu. Eine Regierungsbeteiligung ist durchaus denkbar - nur mit wem?

Von Constanze von Bullion, Berlin

Irgendwann fangen sie dann an, sich zu betrinken an der Hoffnung. Es wird gejohlt nach Kräften und gejubelt. Die Grünen haben nach dem wohl unfallreichsten Wahlkampf ihrer Geschichte ihr historisch bestes Ergebnis erreicht. Zum Regieren jedenfalls dürfte es reichen für die Partei, mit wem auch immer. "Wir haben einen Auftrag für die Zukunft", ruft Annalena Baerbock in den Saal.

Sonntagabend in der Berliner Columbia-Halle, in der ehemaligen Sporthalle der US-Armee am Tempelhofer Flugfeld haben ein paar Hundert Parteigänger der Grünen seit kurz vor 18 Uhr auf eine Leinwand gestarrt. Viele junge Leute sind da, aber auch Gründerfiguren der frühen Jahre. Sie wollen feiern hier, den Aufbruch, eigentlich. Aber bis zuletzt wagt kaum jemand zu hoffen, so scheint es. Als dann die ersten Hochrechnungen kommen und Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock auf die Bühne tritt, da wird der Jubel so laut, als habe die Partei nicht diesen überaus schwierigen Wahlkampf hinter sich.

Gut 14 Prozent am mittleren Abend, Platz 3 bei der Bundestagswahl steht da bereits fest für die Grünen. Wegen der Briefwähler allerdings wird sich das Ergebnis noch verändern. Als sicher kann gelten, dass sie kräftig zugelegt haben. 2017 kam die Partei nur auf 8,9 Prozent. Dass sie stärkste Kraft werden wollte und die nächste Bundesregierung anführen - es geht fast unter im ersten Trubel. Befeuert wird der Frohsinn auch von der Aussicht, im Land Berlin stärkste Kraft zu werden. Das allerdings wird im Lauf des Abends immer ungewisser. Und auch die grünen Prozentpunkte im Bund drohen zu bröckeln.

Je länger der Abend dauert, desto größer wird aber auch die Hoffnung der Grünen, dass die SPD im Bund vor der Union liegen könnte. Bliebe es dabei, dann würden auch die Chancen der Grünen steigen, in einer SPD-geführten Ampel-Regierung zu regieren mit der FDP. Aber auch für eine Jamaika-Regierung mit Union und FDP dürfte es reichen. Ob ein rot-grün-rotes Bündnis möglich wird, ist wegen des knappen Abschneidens der Linkspartei zunächst unklar.

"Das beste Ergebnis, das wir je hatten"

Über Wochen haben die Grünen zu hören gekriegt, sie hätten eine historische Chance verspielt. Annalena Baerbock, die viel Glaubwürdigkeit verspielt hatte nach Fehlern im Wahlkampf, galt schon als große Verliererin. Und jetzt? Strahlt sie auf der Bühne in der Columbia-Halle. "Man spürt, das Land braucht eine Erneuerung", ruft sie. Dann wird es still im Saal. "Wir wollten mehr. Das haben wir nicht erreicht", sagt Baerbock. Das habe auch an ihren Fehlern gelegen. Weil das Publikum aber keinen Appetit auf Selbstkritik hat und weil Robert Habeck ans Mikrofon geht, wird sich einfach immer weiter gefreut im Saal. "Du hast es gestanden - eine Kämpferin, ein Löwenherz", sagt Habeck zu Baerbock. Jetzt kämpft sie ein wenig, mit den Emotionen.

Schon bald aber dürfte sich Ernüchterung einstellen. Vor den Grünen liegen geschäftige Wochen, in denen es auf gute Nerven ankommen dürfte, wie ein Parteistratege sich ausdrückt. Denn erstens würden die Grünen für nahezu jede Regierungskonstellation gebraucht. Zweitens habe sich die Taktik bewährt, so lange am Verhandlungstisch sitzen zu bleiben, bis andere einknicken oder aufgeben. Das habe schon 2017 funktioniert, als die FDP genervt aus den Jamaika-Sondierungen ausstieg, zum Schaden der Liberalen.

Ein "Gewürge" seien die Gespräche mit Union und FDP damals gewesen, sagte Parteichef Robert Habeck kurz vor der Wahl. Es klang nicht, als wünsche er sich eine Wiederholung. Eine Jamaika-Regierung wollen die Grünen diesmal im Verein mit der SPD möglichst verhindern. Beim Klimaschutz, bei Finanzen und Schuldenbremse, aber auch in der Sozialpolitik sind die Differenzen groß.

Ausgeschlossen aber hatten die Grünen eine Regierung unter Führung der Union nie. Immerhin, so gab Habeck einmal zu verstehen, biete ein solches Bündnis die Chance einer Versöhnung unterschiedlicher Milieus in der Mitte der Gesellschaft. Ein Szenario hingegen, bei dem eine links-grüne Regierung von einem rechts-konservativem Block aus Union, FDP und AfD angegriffen werde, könne das Land noch weiter auseinandertreiben.

Ungefähr zwei Jahre ist Habecks Äußerung her, die politische Landschaft ist seither umgepflügt worden. Die SPD hat unerwartet aufgeholt, eine grüne Kanzlerschaft galt schon im Sommer als illusorisch. Auch für ein rot-grünes Bündnis reicht es nicht. Zum strategischen Ziel erklärten Spitzengrüne also ihre drittliebste Lösung: eine Ampel-Regierung unter Olaf Scholz. Er gilt bei den Grünen zwar als stark nachhilfebedürftig beim Klimaschutz. In der Sozialpolitik, bei der Einwanderung und in der internationalen Politik aber gibt es Schnittmengen. Und auch die Chemie zwischen Rot und Grün scheint zu stimmen.

Habeck und Lindner: kein gutes Gespann

Größtes Problem einer Ampel allerdings ist aus Sicht der Grünen die FDP. Robert Habeck und FDP-Chef Christian Lindner scheinen einander in herzlicher Abneigung verbunden. Vor allem in der Frage, wie wirkungsvoller Klimaschutz finanziert wird, ohne Geringverdiener in Not zu bringen, liegen Grüne und Liberale weit auseinander. Um das Thema Geld dürfte bei Ampel-Sondierungen hart gestritten werden.

Für den Fall, dass man nicht bald zu einer Einigung finde und zu einer "gemeinsamen Erzählung", wie die Grünen das gern nennen, wurden bereits Gespräche mit der Linkspartei angekündigt. Die Europapolitikerin Annalena Baerbock ging zwar schon auf Abstand zur europaskeptischen Linken. Auch die Aussicht, bei jedem Auslandseinsatz der Bundeswehr in eine Koalitionskrise zu schlittern, scheint Spitzengrünen wenig verlockend. Als Mittel aber, um die FDP unter Druck zu setzen, sei ein rot-grün-rotes Bündnis allemal von Nutzen, hieß es vor der Wahl. Es werde ernsthaft sondiert mit der Linkspartei - immer vorausgesetzt, dass sie nicht an der Fünf-Prozent scheitere. Ob es so kommt, weiß am Wahlabend lange niemand zu sagen.

Bleibt die für die Grünen unerfreulichste Option: keine Regierungsbeteiligung. Käme es erneut zu einer großen Koalition oder einer aus Union, SPD und FDP, wären sie wieder in der Opposition. Denkbar, aber unwahrscheinlich, hieß es dazu in der Parteizentrale. Gelassenheit ist jetzt oberste Grünen-Pflicht.

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