Bundestagswahl:Es ist extrem knapp - und vieles scheint möglich

Armin Laschet hat doch noch fast gleichgezogen, ein Verlierer bleibt er im Vergleich zu Olaf Scholz trotzdem. Die Grünen könnten sich freuen und leiden dennoch - und der Joker heißt Christian Lindner. Die Blitzanalyse zur Bundestagswahl.

Von Stefan Braun, Berlin

Der Wahlabend bestätigt, was das Land in diesem Wahlkampf über Wochen erlebt hat: dass nichts sicher ist und alles nochmal anders werden kann. Die - noch - vorläufigen Zahlen treiben das sogar auf die Spitze. Ausgerechnet der, der zwischendurch völlig am Boden zu liegen schien, kann im allerletzten Finish den Rückstand auf die SPD noch etwas verkleinern.

Ein Erfolg aber ist das mitnichten. Im Gegenteil steht das Land am Ende der Ära Merkel da, wo die Kanzlerin einst anfing: in einer Situation, die man als politisches Patt bezeichnen muss. Damals kamen Union und SPD auf gut 35 Prozent - am Ende entschieden ein paar tausend Stimmen darüber, wer anschließend Kanzlerin in einer großen Koalition wurde. Jetzt liegt die SPD knapp vorne und sowohl die Sozialdemokraten als auch die Union erheben Anspruch auf das Kanzleramt.

Wie es endet, ist am Abend des Wahltags noch unsicher. Entsprechend wenig lässt sich jetzt schon sicher sagen. Das gilt auch für die entscheidende Frage, was aus all dem erwachsen wird. Auch das kann noch niemand sagen. Nur eines scheint jetzt schon sicher zu sein: Für alle Parteien, die als Koalitionspartnerinnen in Frage kommen, wird die Zeit von jetzt an noch anstrengender und schwieriger, als es der Wahlkampf schon war. Nach der Wahl ist vor der Sondierung: Auf Union und SPD, auf Grüne und FDP kommt jetzt eine aufregende Zeit zu. Im Einzelnen heißt das:

Union: Nah dran am Allerschlimmsten

Was für ein Ende der Ära Merkel. Am Ende ihrer 16 Jahre steht die Union ziemlich zerzaust da. Ein Ergebnis irgendwie in der Mitte der zwanziger - noch vor gar nicht langer Zeit schienen CDU und CSU immun zu sein gegen einen solchen Absturz. Ja, sagte man sich in den Reihen der Christdemokraten, die SPD leidet in den neuen Zeiten. Aber uns wird das nicht passieren. Nun ist sie nah dran am Allerschlimmsten: der Gefahr nämlich, die Rolle als Volkspartei zu verlieren.

Von allen Träumen, derlei nur bei anderen zu erleben, müssen sie sich in der Union verabschieden. Der 26. September 2021 ist eine weitere Zäsur in ihrer Geschichte: Noch nie war die Union so schlecht wie diesmal.

Entsprechend dürfte es ihr Kanzlerkandidat schwer haben, aus einer solchen Situation heraus selbst noch eine Koalition zu bilden. Ausgeschlossen ist nichts - und bei Armin Laschet erst Recht nicht. Aber der Ergebnisbalken im Vergleich zu 2017 zeigt steil nach unten, während er bei den Sozialdemokraten deutlich nach oben weist. Schon diese Botschaft entfaltet eine Kraft, die Laschet innerhalb wie außerhalb der Union sehr weh tun dürfte. Es ist mehr als nur ein kleiner Fingerzeig dafür, wer in diesem Augenblick wahrscheinlich die besseren Chancen haben dürfte, eine neue Koalition zu bilden. Es sind wohl die Sozialdemokraten.

Das bedeutet, kurz gesagt: Der Union und der CDU stehen schon intern höchst komplizierte und sehr schwere Zeiten bevor. Und das dürfte noch viel komplizierter werden, wenn sie tatsächlich in Sondierungen mit Grünen und FDP eintreten. Die Forderungen und Erwartungen, die da auf sie warten, könnte Laschet vielleicht akzeptieren, aber viele seiner Mitstreiter würden daran schwer knabbern.

SPD: Aufstieg aus Ruinen, aber noch nicht gewonnen

Natürlich ist das Bild bei der SPD erst einmal ein ganz anderes. Was für eine Rückkehr ist das, und zwar auf die ganz große Bühne. Monatelang lagen sie bei 15, 16 Prozent - und nichts schien daran noch einmal was ändern zu können. Dann kamen Annalena Baerbock und Armin Laschet mit halsbrecherischen Fehlern - und plötzlich scheint für die SPD nahezu alles möglich. Sie sind stärkste Kraft. Gut zehn Prozent plus binnen weniger Wochen - das ist ein Erfolg, und den werden die Sozialdemokraten gebührend feiern.

Am Morgen danach allerdings kommen die Fragen. Und sie sind gewichtig. Wird jede und jeder in der SPD-Spitze akzeptieren, dass dieser Erfolg Olaf Scholz sehr viel Macht gibt? Oder werden Kevin Kühnert, Saskia Esken und viele jüngere Abgeordnete, die plötzlich mit im Parlament sind, im großen Erfolg der SPD einen Sieg ihrer deutlich entschiedeneren und linkeren Positionen lesen? Für Scholz und für alle Sondierungen sind das entscheidende Fragen. Nur wenn er entsprechende Handlungsspielräume hat, kann er, der sich in dieses fast schon aussichtslose Rennen warf, die Verhandlungen mit der notwendigen Autorität führen.

Das mag zunächst ein bisschen technisch klingen. Aber es wird sehr bald sehr konkret werden. Insbesondere dann, wenn die SPD mit der FDP sprechen wird. Anders nämlich wird es mit einer Koalition und mit dem Kanzleramt mit großer Wahrscheinlichkeit nichts werden. Deren Parteichef Christian Lindner aber wird manches große Ziel der Linken kaum mitmachen. Wer also führt? Wer entscheidet? Das werden die Sozialdemokraten in ihrem Siegestaumel schnell klären müssen.

Grüne: Gutes Ergebnis, mit Schmerz belastet

So kann das laufen: erst hoch geführt, dann hart gelandet - und jetzt bei einem Ergebnis, das früher sehr gut gewesen wäre, jetzt aber viele enttäuschen dürfte. Noch nie ist die Partei so nah dran gewesen; und noch nie hat sie es mit zwei Gegnern zu tun gehabt, die bei einer guten Kampagne zu schlagen gewesen wären. Doch hätte, wäre, wenn - am Ende ist der große Erfolg ausgeblieben.

In internen Zirkeln ist in den letzten Tagen manches zu hören gewesen. Vor allem gab es immer wieder Spekulationen und Analysen zur Frage, wann das Ergebnis super, wann okay und wann eine Katastrophe sein würde. Die Korridore: über zwanzig Prozent, mindestens 14 bis 15 Prozent - und darunter. So gesehen kann man wohl von einem gerade noch akzeptablen Ergebnis sprechen, aber sehr knapp an der Abbruchkante.

Und so werden die nächsten Stunden und Tage auch bei den Grünen außerordentlich spannend. Vorneweg nämlich wird die Partei klären müssen, wer sie an der Spitze in die Sondierungen und möglichen Koalitionsverhandlungen führen wird. Die meisten in der weiteren Führung hoffen nach wie vor auf ein Tandem der beiden Co-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck; nur wenige aber haben schon jetzt ein sicheres Gefühl dafür, ob die beiden wirklich noch einmal so zusammenfinden wie vor dem Wahlkampf.

Verletzungen hat es hüben wie drüben gegeben. Dabei ahnen mittlerweile aber viele, dass sie von jetzt an den koalitionserfahrenen und im Wahlkampf weniger verwundeten Habeck besonders dringend brauchen werden. Sieht Baerbock das genauso? Hat sie die Kraft, jetzt wieder Seite an Seite zu kämpfen? Und kann er trotz ihrer Pannen beim Team-Gedanken bleiben? Fragen sind das, die noch nicht beantwortet sind, aber längst auf dem Tisch liegen.

FDP: Siegerin mit Trümpfen in der Hand

Es sah nicht immer danach aus, zwischendurch musste sich der FDP-Chef sogar ein bisschen fürchten. Aber mit diesem Wahlergebnis hat Christian Lindner einen großen Erfolg erzielt. Und er hat eine ganze Menge Trümpfe in der Hand. Der wichtigste von allen: Wer immer einigermaßen vernünftig und mit der Mitte regieren will, wird ihn brauchen. Mit anderen Worten: Der Wahlsieger wird ihn anrufen müssen.

Hinzu kommen zwei weitere Vorteile. Das ist die Erfahrung. Anders als 2013 hat Lindner nun eine ganze Menge guter Leute an seiner Seite, die vier Jahre Bundestag mitbringen. Das macht es ihm, der immer noch unbestritten die Nummer eins ist, doch etwas leichter. Er kann in den Sondierungen hier mal was testen lassen und da mal was ausprobieren. Er hat ein paar Mitstreiter, die Kontakte haben und beim Ringen um Bündnisse Brücken bauen und Gefahren abwehren können. Der Innenpolitiker Konstantin Kuhle gehört genauso dazu wie der Sozialexperte Johannes Vogel oder der Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff.

Außerdem hat er sich dieses Mal im Wahlkampf erkennbar gemacht, das gilt vor allem für die Haushalt-, Finanz- und Steuerpolitik. Und wenn einer so gebraucht wird wie er, dann kann derjenige auch ziemlich viel verlangen. Ohne Sondierungen vorhersagen zu können, lässt sich erahnen: Bestimmte Steuererhöhungen oder Schuldenaufnahmen wird es mit Lindner kaum geben.

Linke: Zu schwach, um Gewicht zu entfalten.

Viel spricht dafür, dass sich die Führung der Linkspartei dieses Mal viel versprochen hat. Das Ergebnis aber ist ernüchternd. Dank drei Direktmandaten im Bundestag, aber nicht einmal die Fünf-Prozent-Hürde geschafft, dazu jenseits aller Chancen auf eine rot-grün-rote Lösung. Das ist eine krachende Niederlage.

AfD: Nicht mehr auf dem Weg nach oben

Die Führungsmitglieder der AfD verbuchen auch dieses Ergebnis als Erfolg. Dabei wird am Abend dieses Wahltages erkennbar, dass die AfD derzeit keinen Weg nach oben beschreitet, sondern bergab läuft. Nicht sehr schnell, aber doch stetig, wenn sich die ersten Hochrechnungen bestätigen sollten.

Nicht unwahrscheinlich ist, dass sie am meisten Stimmen an die Freien Wähler verloren hat. Diese haben laut ersten Zahlen bis zu drei Prozent der Stimmen auf sich vereinigt. Die Folge: In der AfD dürfte der Führungsstreit alsbald fortgesetzt werden. Wer ist schuld? Und wer muss jetzt stärker werden in der Partei - diese schlachten sind nicht zu Ende, sie werden jetzt noch einmal an Schärfe gewinnen.

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