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Wettbewerb ums Kanzleramt:Ein erfahrener Außenseiter und eine Favoritin, die fragt: "Was ist Erfahrung?"

Annalena Baerbock und Olaf Scholz

Olaf Scholz, Kanzlerkandidat der SPD und Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin für die Grünen, beim Politiktalk von RBB und Süddeutscher Zeitung.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Grünen-Chefin Baerbock und Finanzminister Scholz von der SPD treten gegeneinander bei der Bundestagswahl an. Im "Polittalk" des RBB-Inforadios und der SZ liefern sie sich ein erstes Streitgespräch.

Von Jens Schneider

Wer ist hier der Außenseiter? Und wer muss sich verteidigen? Der "Politiktalk" der beiden Kanzlerkandidaten an diesem Montagabend in Berlin ist noch keine zehn Minuten alt, Annalena Baerbock und Olaf Scholz wollen auf Einladung des RBB-Inforadios und der Süddeutschen Zeitung über ihre Pläne für das Land streiten. Da räumt der SPD-Politiker Scholz eine Sache ab, die seit Tagen für Unruhe um die Grünen-Chefin gesorgt hat. Viel wurde schnell geschrieben, vor allem im Netz. Es gab Aufregung um Baerbocks Studienabschluss als Völkerrechtlerin. Ein Geraune schwoll an, das auch nicht nachlassen wollte, nachdem klar war, dass alles seine Ordnung hat mit ihrem Master von der London School of Economics and Political Science (LSE). "Was da in den letzten Tagen an Vorwürfen gegen Annalena Baerbock im Netz zu lesen war, finde ich völlig unmöglich", sagt Scholz dazu. "Das gehört sich nicht."

Er hat keinerlei Verständnis für die Anwürfe gegen seine Konkurrentin. Viele dieser Texte hätten nie geschrieben werden können, so befindet Scholz, wenn nur mal nachgefragt worden wäre. "Das finde ich unmöglich", sagt er, und wiederholt noch einmal: "Das gehört sich nicht." Er spricht das aus mit der Autorität eines erfahrenen und auch angesehenen Politikers, der seit vielen Jahren in diesem Land eine tragende Rolle spielt. Und damit steckt man schon mittendrin in der bizarren Konstellation nicht nur dieses Abends in Berlin, sondern des Bundestagswahlkampfs, in dem die Verhältnisse auf komplizierte Art verzwickt sind.

Als Favoritin aufs Kanzleramt geht, mit einem deutlichen Vorsprung in den Umfragen, Grünen-Chefin Annalena Baerbock in den Wettbewerb. Eine Oppositionspolitikerin aus einer aktuell noch sehr kleinen Bundestagsfraktion, der ständig vorgerechnet wird, dass sie wenig Erfahrung habe, und die zudem jünger als die Konkurrenz ist. Deutlich jünger auch als Christdemokrat Armin Laschet, der veritable Chancen hat, immerhin ist er Regierungschef im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Klarer Außenseiter aber ist, da sind die Umfragen eindeutig, der Mann mit der größten Erfahrung: Bundesfinanzminister Scholz, der auch mal Hamburgs Erster Bürgermeister und Bundesarbeitsminister war.

Im Grunde gilt dieser Mann aus dem Zentrum der Regierung als derjenige, der keine Chance hat, diese aber nutzen will. Ausgerechnet Baerbock und Scholz werden sich bis zum Wahltag in Potsdam auch noch einen Wettstreit um das Direktmandat für den Bundestag liefern. So ist ihr Aufeinandertreffen an diesem Abend in Berlin der erste Testlauf in einer eigentümlichen Versuchsanordnung. Wie nehmen sie dieses Spiel an: Wird Scholz angreifen? Oder tut er einfach, als wäre er gar nicht der Außenseiter - er doch nicht? Und was macht Baerbock mit all dem?

Olaf Scholz weiß nur zu gut, dass sein großes Selbstbewusstsein mindestens so legendär ist wie seine anerkannten politischen Verdienste. Also versucht er an diesem Abend, all die Stationen seiner Laufbahn, die seine Erfahrung bezeugen, mit einem Gestus größtmöglicher Beiläufigkeit aufzuzählen. Es fällt aber doch auf. Zu wichtig ist ihm, seine Erfolge aufzuzählen, etwa das Modell der Kurzarbeit in der Finanzkrise 2008/2009, "eine Erfindung, die ich gemacht habe, die in Deutschland Arbeitsplätze gerettet hat und jetzt in der ganzen Welt kopiert wird".

Baerbock setzt auf Lebenserfahrung

Erfahrung? Baerbock hält dagegen: "Was ist Erfahrung?" Sie spricht davon, dass es in diesen Zeiten wichtig sei, Lebenserfahrung mitzubringen. Etwa zu wissen, wie es sei, ein Jahr lang mit Kindern zu Hause zu verbringen, das ist ihr Beispiel. Und noch was, nun zählt sie auf, "heißt Politik nicht nur Regierungserfahrung". In der Demokratie würden Gesetze im Parlament beschlossen, und sie sei jetzt acht Jahre im Deutschen Bundestag. Sie erzählt von ihrer Rolle beim Organspendegesetz, das ein Team aus mehreren Fraktionen entwickelte. Es gehe jetzt überhaupt darum, im Team zu denken. "Jetzt ist so einer dieser historischen Momente, wo wir sagen: Jetzt schlagen wir ein neues Kapitel auf, mit einer neuen Art von Politik."

Wäre Scholz, so wird er gefragt, da gern noch mal jung? Er schüttelt den Kopf: "Ich möchte keine Erfahrung missen." Es gehe ja schon um etwas, wo Weltpolitik, wo europäische Politik und Politik für Deutschland zusammengebracht werden müssten, "und man das auch hinkriegen muss". Wer die Regierung führen wolle, dürfe keine Scheu haben, "Leadership" zu übernehmen: "Wir brauchen ganz viel starke politische Führung."

Das ist also sein Grundton für die kommenden Monate, auf den Baerbock mit einer eigenen Dauerschleife antwortet: Man müsse jetzt alles neu denken, sagt sie oft, ohne direkt Lösungen damit zu verbinden. Beim Blick auf die Corona-Pandemie beklagen beide, dass einiges schiefgelaufen sei. Scholz spricht davon, dass ihn nachhaltig traurig macht, wie die Situation in den Altenpflegeeinrichtungen war. Er spricht die Fehler bei der Impfstoffbestellung an. Baerbock sagt, es sei wichtig, dass es einen Wettstreit gebe, was künftig besser zu machen sei. "Jetzt geht es doch darum: Lernen wir aus dem, was falsch gelaufen ist." Es sei ein großer Fehler gewesen, auf Sicht zu fahren - und zu hoffen, dass es nicht so schlimm werde. Schon vor einem Jahr hätte man einen Plan machen sollen, wie es mit den Schulen weitergehe, sagt sie.

Scholz fordert klare Antworten von Baerbock

Scholz unternimmt an diesem Abend viele Versuche, Baerbock auf konkrete Aussagen festzulegen. Besonders deutlich wird das bei der Frage nach der Verteilung der Lasten beim Klimaschutz. Man müsse bei der CO₂-Bepreisung behutsam vorgehen. Die Grünen-Chefin spricht darauf viel von Absichten und ihrer Entschlossenheit. "Ich geh nicht mit bei diesem Zaudern", sagt sie. So ein bisschen versuchen und hoffen, dass es besser werde, das reiche doch nicht. "Wenn wir jetzt diese Klimakrise nicht richtig anpacken, dann werden wir am Ende alles verlieren." Sie deutet viel an, Politik sei ja nicht nur einfach, sagt Baerbock, etwa die Forschungsförderung, und vor allem müsse man auf Ordnungsrecht setzen, denn "das Ordnungsrecht sagt ganz klar, was es in Zukunft noch geben darf, und was es nicht geben darf".

Was aber würde das bedeuten? Scholz hätte auch das gern konkret. "Ich bin dafür, dass man immer ganz genau wird, bei dem was man sagt", merkt er an. Und als Baerbock für ihre Antwort lange ausholt, wirkt dies wie der Auftakt zum letzten Ballwechsel des ersten spannenden Spiels, das bis zum September noch einige Neuauflagen erleben wird.

© SZ/aner
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