Bundestagswahl 2021:"Pflegeberufe sind unterrepräsentiert"

Bundestagsabgeordnete bei einer namentlichen Abstimmung. Ihre Zahl könnte sich nach der Bundestagswahl erheblich verändern.

Es gibt nur wenige Handwerker oder Pflegekräfte im Bundestag, dafür viele Juristen und Ärzte.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Emmi Zeulner ist Pflegerin und im Bundestag, die Abgeordnete Monika Lazar ist Bäckerin. Doch sie sind Ausnahmen: Abgeordnete ohne Studium gibt es sonst kaum. Sollten es mehr sein?

Von Johannes Korsche

Wenig Schlaf, arbeiten am Wochenende, auch mal kleine Brötchen backen: Eigentlich haben die Berufe des Bäckers und des Berufspolitikers viel gemeinsam. Unter den 709 Abgeordneten im Bundestag findet sich trotzdem nur eine Bäckerin: die Leipzigerin Monika Lazar (Grüne). "In meiner Fraktion bin ich die Ausnahme, da es sonst keine Handwerkerin oder Bäckerin gibt", sagt sie. Ähnliches gilt für den gesamten Bundestag. Auf einen Abgeordneten ohne Studium kommen vier mit akademischem Abschluss. In der Bevölkerung ist dieses Verhältnis ziemlich genau umgekehrt. Hat das auch Auswirkungen auf die politischen Entscheidungen?

Politikwissenschaftler Armin Schäfer von der Universität Münster hat sich diese Frage auch gestellt und kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: "Mein Forschungsteam hat festgestellt, dass politische Entscheidungen des Bundestags zulasten von Menschen mit geringerem Einkommen, geringerer Bildung oder Berufsgruppen mit niedrigerer Bezahlung verzerrt sind", sagt er in einem Interview mit der Max-Planck-Gesellschaft. Er führt diese Benachteiligung unter anderem auf die Zusammensetzung des Parlaments zurück. "Wir wissen", sagt er weiter, "dass die politischen Einstellungen der Abgeordneten stärker mit denen von Menschen übereinstimmen, die ihnen ähnlich sind: Menschen mit hoher Bildung und hohem Einkommen."

Gerade bewerben sich mehr als 100 Pfleger für den Bundestag - abwarten, wie viele es schaffen

Oder wie Emmi Zeulner, CSU-Abgeordnete für den Wahlkreis Kulmbach in Oberfranken, sagt: "Natürlich bewerte ich Dinge anders als ein Jurist vom Schreibtisch aus." Zeulner ist examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, die einzige im Bundestag. Es gibt noch eine Altenpflegerin, SPD-Abgeordnete Claudia Moll. Das war es mit Pflegekräften im Bundestag. Die beiden repräsentieren also etwa 1,9 Millionen Menschen, die in der Kranken- und Altenpflege arbeiten. Zum Vergleich: Es gibt hierzulande etwas mehr als 400 000 Ärzte, zehn von ihnen haben ein Bundestagsmandat. "Die Pflegeberufe sind unterrepräsentiert", findet Zeulner.

Abgeordnete ohne Uni-Abschluss brächten aber "mehr Bodenständigkeit und Praxisnähe" in den Berliner Betrieb - auch in ihrer Herangehensweise: "Es kommt mir wie ein Fetisch vor, in Gesetzen möglichst kompliziert zu formulieren." Dabei sollte doch jeder ein Gesetz verstehen können, alleine schon, um sich dran zu halten.

Wer nicht studiert hat, bringe "Bodenständigkeit und Praxisnähe" ins Parlament, sagt Gesundheits- und Krankenpflegerin und Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner (CSU).

Wer nicht studiert hat, bringe "Bodenständigkeit und Praxisnähe" ins Parlament, sagt Gesundheits- und Krankenpflegerin und Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner (CSU).

(Foto: privat)

Warum sind in Ihren Augen so wenige Nicht-Akademiker im Bundestag? "Sich politisch die Hacken abzulaufen, das kostet Zeit", sagt Zeulner. Zeit, die sich zum Beispiel Pflegekräfte in der Regel kaum nehmen. "Viele denken sich: Wer kümmert sich dann um meine Patienten?" Außerdem pflegen mehrheitlich Frauen. Kindererziehung ist in deutschen Haushalten immer noch meistens Frauensache, das kostet eben auch Zeit - die dann für politisches Engagement fehlt. Unter den 6211 Kandidaten für den neuen Bundestag sind neben Zeulner mehr als 100, die in Pflegeberufen arbeiten. Die Branche könnte also nach der Bundestagswahl besser repräsentiert werden, wenn einige es zum Mandat schaffen.

Damit nicht mehr so überproportional viele Akademiker im Bundestag Gesetze schreiben, müssten die Parteien etwas verändern, findet Politikwissenschaftler Schäfer. "Die Parteien müssen genauer darauf achten, wen sie ermutigen", sagt er. Mit Blick auf Frauen oder Migranten passiere das schon mehr als früher. Was Bildung und Einkommen betrifft, noch nicht genug: "Parteien sollten nicht ausschließlich diejenigen zur Kandidatur ermuntern, die einen Universitätsabschluss haben."

Einen Beruf gelernt zu haben, bevor es in den Bundestag geht, bringt übrigens noch einen anderen Vorteil - für das Danach. Bäckerin Monika Lazar tritt nach 16 Jahren im Bundestag nicht noch einmal an. "Politik ist eine Tätigkeit auf Zeit und ein Wechsel wichtig", sagt sie. Und jetzt? "Was ich danach beruflich machen werde, weiß ich noch nicht. Aber ich habe ja einen ordentlichen Beruf gelernt und Bäcker werden immer gebraucht."

© SZ/chrk
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