Bundestagswahl:Der Teamspieler ohne Team

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Wahlkampf CDU - Armin Laschet in Gießen

Der Kandidat Laschet hat einen Gang hochgeschaltet.

(Foto: dpa)

Zwar hat Armin Laschet im Wahlkampf einen Gang hochgeschaltet. Vielen in der Union geht es aber immer noch zu langsam. Ihnen fehlt vor allem eine schlagkräftige Mannschaft.

Von Roman Deininger, Boris Herrmann und Robert Roßmann, Berlin

Für einen Moment hält man verdutzt inne während Armin Laschets Rede auf dem Schützenplatz in Olpe im Sauerland. Kann das sein? Hat er das wirklich gesagt? Ja, hat er: Der Kanzlerkandidat der Union hat Olaf Scholz, dem Konkurrenten von der SPD, einen "Schlafwagen-Wahlkampf" vorgeworfen. Das ist insofern bemerkenswert und ein bisschen dreist, als sich von den drei Bewerbern ums Kanzleramt derzeit vor allem Laschet selbst des Vorwurfs erwehren muss, die Sache allzu schlafmützig anzugehen.

Die Kritik kommt dabei auch aus seiner eigenen Partei, die nun beinahe erleichtert zur Kenntnis nimmt, dass ihr Kanzlerkandidat seine zunächst mit Verweis auf die Flutkatastrophe verschobene "Deutschlandtour" gestartet hat. Offiziell wird der Wahlkampf der Union erst am kommenden Samstag eröffnet, wenn Laschet zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Markus Söder im Berliner Tempodrom auftritt. Aber schon in den vergangenen Tagen hat Laschet einige Veranstaltungen absolviert, zunächst in Sachsen und Brandenburg, dann am Wochenende in Rheinland-Pfalz, Hessen und eben in Olpe, wo ihm die nordrhein-westfälische Junge Union ein Heimspiel bereitete.

"Wir wussten um die Schwächen Laschets. Aber jetzt zeigt er noch nicht einmal die Stärken."

Zweifellos, der Kandidat Laschet hat einen Gang hochgeschaltet. Für den Geschmack vieler in der CDU darf das nur ein Anfang sein. Wenn an diesem Montag der Bundesvorstand zusammenkommt, erwarten die Parteifreunde von ihrem Vorsitzenden jedenfalls dringend weitere Impulse.

Der alte Rivale und aktuelle Mitstreiter Friedrich Merz dankt Laschet in Olpe recht elegant dafür, dass dessen Rede "sehr kämpferisch" ausgefallen sei. Dann fügt er an: "Darüber habe ich mich wirklich sehr gefreut. Etwas leiser gesagt: Das war auch notwendig." Die Bundestagswahl am 26. September, sagt Merz, sei "nicht entschieden", das sei angesichts des Abwärtstrends der Union in den Umfragen "hoffentlich jedem klar". Vergangenen Mittwoch verzeichnete eine Forsa-Erhebung nur noch 23 Prozent für CDU und CSU, 20 für die Grünen und 19 für die SPD. Das Kanzlerrennen ist zu einem offenen Dreikampf geworden.

Wer in diesen Tagen mit Bundesvorstandsmitgliedern der CDU spricht, bekommt deshalb viel Verzweiflung zu hören. "Wir wussten um die Schwächen Laschets", sagt ein Vorstandsmitglied. "Aber jetzt zeigt er noch nicht einmal die Stärken, die er bisher hatte." Laschet hatte den Wettbewerb um die Kanzlerkandidatur gegen Markus Söder auch deshalb gewonnen, weil seine Unterstützer auf seine Teamfähigkeit setzten, die er in Nordrhein-Westfalen bewiesen habe. Doch jetzt gibt es kein Team. Bisher hat Laschet nur Merz in den Vordergrund gerückt. Es gibt keine Mannschaft, geschweige denn eine, in der auch Jüngere, Frauen, Migranten, Ostdeutsche oder Menschen eine Rolle spielen, die in besonderer Weise für Klima- oder Arbeitnehmerschutz stehen.

"Laschet muss schnell begreifen, was wir ihm seit Wochen sagen: Dass jetzt zwingend ein Team kommen muss", sagt einer aus der CDU-Spitze. Wenn Laschet in der Vorstandssitzung an diesem Montag nicht von sich aus in dieser Frage vorangeht, dürfte er sich einiges anhören müssen.

Doch so einfach ist das nicht mit dem Vorangehen. Wenn Laschet ein Wahlkampfteam präsentieren würde, müsste er die amtierenden Bundesministerinnen und Bundesminister der Union desavouieren. Andreas Scheuer und Anja Karliczek dürfte wohl niemand mehr in ein Zukunftsteam berufen wollen. Auch Peter Altmaier und Julia Klöckner sind schon lange keine Zugpferde mehr. Außerdem hat Laschet ein NRW-Männer-Problem. Wenn er ein Schattenkabinett bilden würde, müsste er gleich mehrere Parteigranden verprellen, weil ein solches Kabinett ja nicht nur aus Nordrhein-Westfalen bestehen kann. Laschet müsste also einige Parteigrößen außen vor lassen: zum Beispiel Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus, Generalsekretär Paul Ziemiak, Wirtschaftsflügel-Chef Carsten Linnemann oder den Außenpolitiker Norbert Röttgen und den Chef des Arbeitnehmerflügels, Karl-Josef Laumann.

Die direkt gewählten Abgeordneten könnten ungemütlich werden

Doch wer Kanzler werden will, muss solche Probleme lösen können. "Dann sollte er halt ein Experten-Team berufen, oder eine Mannschaft, die so groß ist, dass klar ist, dass nicht alle Minister werden können", sagt ein CDU-Vorstand, der bisher immer für Laschet war - inzwischen indes regelmäßig am Schneckentempo seines Kanzlerkandidaten verzweifelt.

Am Montagabend nach der Vorstandssitzung will Laschet seine "Deutschlandtour" in Norddeutschland fortsetzen, doch ihm läuft die Zeit davon. Knapp 95 Prozent der Unionsabgeordneten sind direkt gewählt - wenn sie Angst bekommen, ihren Wahlkreis zu verlieren, können sie ziemlich ungemütlich werden. An diesem Montag beginnen die Kommunen damit, die Wahlbenachrichtigungen zu verschicken. Wegen der Pandemie kann es sein, dass zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl mehr Wähler per Brief als an der Urne abstimmen. Von jetzt an ist jeder Tag ein Wahltag.

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