Berliner Politik:Die Nüchternen und die Lockeren

Lesezeit: 3 min

Berliner Politik: Immer locker bleiben: Volker Wissing, Annalena Baerboch, Christian Lindner und Robert Habeck und ihr inzwischen weltberühmtes Selfie.

Immer locker bleiben: Volker Wissing, Annalena Baerboch, Christian Lindner und Robert Habeck und ihr inzwischen weltberühmtes Selfie.

(Foto: Volker Wissing/FDP/instagram/dpa)

Anna Sauerbrey hat versucht herauszufinden, wie Politiker der Generation X - Baerbock, Lindner, Klingbeil - ihre Arbeit und ihr Amt verstehen und was sie von früheren Politikertypen unterscheidet.

Von Gianna Niewel

Im Jahr 1965 wurde in Frankfurt das Urteil im ersten Auschwitz-Prozess verkündet, es war das bis dahin wichtigste Verfahren gegen NS-Verbrecher in Deutschland. Im Jahr 1980 kamen in der Karlsruher Stadthalle 1004 Delegierte zusammen, um eine neue Partei zu gründen, sie nannten sie "Die Grünen".

Dazwischen liegen 15 Jahre, vier Bundeskanzler, eine Mondlandung. Oder auch: eine Welt.

Die Zeit-Journalistin Anna Sauerbrey spricht nicht von einer Welt, sondern von einer Generation, denn zwischen 1965 und 1980 wurden die Menschen geboren, die heute zwischen Anfang 40 und Mitte 50 sind und zur Generation X zählen. Diese Generation hat nach der vergangenen Bundestagswahl wichtige Ämter übernommen - und damit Macht. Da sind Außenministerin Annalena Baerbock, 41 Jahre alt, Finanzminister Christian Lindner, 43 Jahre alt, der SPD-Bundesvorsitzende Lars Klingbeil, 44 Jahre alt. Was verbindet sie? Wie machen sie Politik? Und wenn sie anders Politik machen sollten als die Boomer-Generation - was bedeutet das dann für den Berliner Betrieb? "Machtwechsel - Wie eine neue Politikergeneration das Land verändert" nähert sich diesen Fragen an.

Eine Generation mit einem "Mangel an Dramen"

Im Buch beschreibt Sauerbrey eine Generation, die aufgewachsen ist in Frieden und Wohlstand, in einem "Mangel an Dramen". Politisch ist sie geprägt von einem Parteiensystem, das sich immer stärker wandelt, weil die Wählerinnen und Wähler ihr Kreuz nicht mehr verlässlich bei SPD oder CDU machen. Und auch persönlich haben sie erlebt, wie Stabilitäten erschüttert werden, etwa 2016 bei der Wahl von Donald Trump oder dem Brexit. Diese Veränderungen haben ihre Biografien nur indirekt geprägt. Sie spricht deshalb von "Beobachtungspolitikern".

Daraus ergibt sich ein anderes Verständnis von Politik - und der eigenen Rolle darin. In ihren 16 Jahren als Kanzlerin gönnte sich Angela Merkel kaum Zeiten, in denen sie privat war. Mal ein paar Tage Sommerurlaub in Tirol, mal ein Abend bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth, ansonsten waren Person und Amt identisch. Die Generation X, so Sauerbrey, hat einen nüchternen Zugang. Und der zeigte sich gleich am Anfang, bei den Koalitionsverhandlungen.

Braucht es wirklich Nachtsitzungen bei Koalitionsgesprächen?

Während nach der Bundestagswahl 2017 CDU, CSU, Grüne und FDP bis vier Uhr morgens sondierten, machten es die Ampelparteien 2021 anders. "Ob man nun von acht bis achtzehn Uhr oder von sechzehn Uhr bis zwei Uhr morgens verhandelt - es sind so oder so zehn Stunden", sagt Annalena Baerbock im Buch. Sie spricht von einer "Schein-Machtdemonstration".

Und noch etwas verbindet die Generation X: Das Wissen darum, dass sich die Grenzen zwischen den Parteien auflösen. Dass Koalitionspartner nicht für immer Koalitionspartner sein müssen, wie das vielleicht früher bei CDU und FDP und SPD und Grünen gewesen ist. Im vergangenen Herbst etwa verhandelten Grüne und FDP miteinander - das Bild von Christian Lindner, Volker Wissing, Annalena Baerbock und Robert Habeck ging viral - und erst dann kam die SPD dazu. Daraus ergibt sich ein anderer Umgang, denn weil klar ist, dass die Politikerinnen und Politiker schon nach der nächsten Wahl in einer anderen Koalition Mehrheiten finden müssen, gehen sie weniger hart miteinander um. Manche sind sogar über die Parteigrenze hinweg befreundet, wie Christian Lindner und Jens Spahn.

Ist eine Generation mehr als ein Konstrukt?

Nun ist "Machtwechsel" mehr als eine Aneinanderreihung von Analysen. Auf 300 Seiten beschäftigt sich die Autorin mit dem Generationenbegriff und dessen Grenzen: Wie realistisch ist es, dass alle Menschen, die zwischen 1965 und 1980 geboren wurden, die Welt ähnlich sehen? Ist eine Generation damit nicht immer auch ein Konstrukt? Vor allem aber trifft sie Vertreterinnen und Vertreter der Generation X, und da liegen Stärke und Schwäche des Buches gleichermaßen.

Mit Christian Lindner, Annalena Baerbock, Lars Klingbeil porträtiert sie Menschen, die gerade oft porträtiert werden. Das Video von 1997, in dem der junge Christian Lindner eine Krawatte mit Kuhflecken trägt und Probleme "dornige Chancen" nennt? Geht immer wieder bei Twitter viral. Die Geschichte von Lars Klingbeil, der 2001 ein Praktikum bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in New York machte, als die Flugzeuge ins World Trade Center krachten? Hat er sogar schon der Rotenburger Kreiszeitung erzählt.

Auch jüngere Politiker treten auf

Stärker ist das Buch dort, wo sie Politikerinnen und Politiker trifft, über die nur wenig bekannt ist. Max Lucks etwa, 25 Jahre alt, der im vergangenen Herbst zum ersten Mal in den Bundestag gewählt wurde. Der Grünen-Politiker Lucks gehört nicht zur Generation der Millennials, aber indem Sauerbrey auch auf sie eingeht, die Nachfolger, schafft sie eine Abgrenzung zwischen den Generationen.

Berliner Politik: Anna Sauerbrey: Machtwechsel. Wie eine neue Politikergeneration das Land verändert. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2022. 320 Seiten, 22 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Anna Sauerbrey: Machtwechsel. Wie eine neue Politikergeneration das Land verändert. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2022. 320 Seiten, 22 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Und noch etwas kommt hinzu: Anna Sauerbrey hat "Machtwechsel" vor allem vor der Bundestagswahl 2021 recherchiert. Corona spielt kaum eine Rolle, der Krieg in der Ukraine hat noch nicht begonnen. Gerade das aber wären Veränderungen, die mehr sind als "Erschütterungen der Stabilität". Es sind Ereignisse, die unterschiedliche Generationen auf unterschiedliche Weise prägen, allen voran die Generation X, die von ihr Porträtierten, die Menschen, die gerade daran arbeiten, das Land zu verändern. Aber das könnte auch Material für ein weiteres Buch sein.

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