Jörg KukiesEin Vielflieger auf Abruf

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Seine Tage als Volldampfminister sind gezählt: Jörg Kukies, Chef des Finanzressorts.
Seine Tage als Volldampfminister sind gezählt: Jörg Kukies, Chef des Finanzressorts. RALF HIRSCHBERGER/AFP

Jörg Kukies ist nur übergangsweise Bundesfinanzminister, doch er arbeitet und reist seit Monaten wie ein Besessener. Seine Amtszeit könnte bald ein kurioses Ende nehmen.

Von Claus Hulverscheidt, Berlin

Wenn man sich in eine beliebige Fußgängerzone des Landes stellen und die vorbeiflanierenden Menschen fragen würde, wie der Name des amtierenden Bundesfinanzministers lautet, wäre die Trefferquote aller Voraussicht nach beschämend niedrig. Das ist auch deshalb traurig und vielleicht sogar ein kleines bisschen gemein, weil Jörg Kukies seit seinem Amtsantritt am 7. November vergangenen Jahres ein Arbeitstempo an den Tag legt, wie man es selbst im geschäftigen Detlev-Rohwedder-Haus an der Berliner Wilhelmstraße nicht gewohnt ist.

Kukies reist, trifft und empfängt, er studiert, konferiert und konzipiert, als wäre er ein aufstrebender Jungstar mit hochtrabenden Plänen und nicht der Lückenfüller zwischen einem Herrn Lindner und einem neuen Minister aus den Reihen der künftigen schwarz-roten Koalition, der irgendwann in den nächsten Wochen die Geschäfte übernehmen soll.

Rio, Kapstadt, Brüssel, Warschau, Davos – und viele Orte mehr

Die Umtriebigkeit des früheren Staatssekretärs, Kanzlerberaters und Investmentbankers sticht so sehr ins Auge, dass die CDU/CSU-Bundestagsfraktion vor Wochen sogar eine offizielle Anfrage an die rot-grüne Minderheitsregierung richtete: Was es denn mit all den Reisen und Aktivitäten des Ministers auf sich habe, wen genau er alles treffe und was er dabei so bespreche. Die Liste, die das Ministerium als Antwort verschickte, ist tatsächlich beeindruckend: In nur zweieinhalb Monaten flog Kukies demnach nicht nur zu diversen Gipfeln und Finanzministertagungen nach Rio, Kapstadt, Brüssel und Warschau. Er reiste auch nach Saudi-Arabien, Katar, in die Vereinigten Arabischen Emirate und zum Weltwirtschaftsforum ins schweizerische Davos.

Auch im Inland war er unterwegs, er besuchte den Zoll am Frankfurter Flughafen, die Europäische Zentralbank und die Bundesbank, traf die Chefs mehrerer großer Bundesbehörden und ließ sich durch die Ausstellung „70 Jahre Luxemburger Abkommen“ im Landtag von Rheinland-Pfalz in Mainz führen. Reisekosten für den letztgenannten Termin im Übrigen – auch das geht aus der Auflistung des Finanzministeriums hervor: 40,37 Euro.

Zuletzt räumten sogar die Spitzen der neuen US-Regierung in ihren Terminkalendern ein Stündchen für den Übergangsminister aus dem fernen Berlin frei. Dass das alles andere als selbstverständlich ist, musste jüngst beim Kurzbesuch von Vizepräsident J. D. Vance in Deutschland kein Geringerer als Olaf Scholz am eigenen Leib spüren. Vance empfing zwar den mutmaßlich nächsten Kanzler Friedrich Merz zum Tête-à-Tête, ließ Amtsinhaber Scholz aber abblitzen. Motto: nicht mehr wichtig.

Empfänge für den Vielflieger in Washington

Kukies hingegen traf vergangene Woche in Washington sowohl seinen Amtskollegen Scott Bessent als auch Donald Trumps Handelsbeauftragten Jamieson Greer, was in Zeiten, da der US-Präsident der halben Welt mit der Verhängung hoher Importzölle droht, nicht ganz unwichtig ist. Auch die Chefs von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank, Kristalina Georgiewa und Ajay Banga, empfingen den Berliner Vielflieger.

Nun allerdings will es Kukies ganz offensichtlich auf die Spitze treiben: Wie ein Blick in seinen Terminkalender offenbart, plant der Minister, am 23. April erneut für drei Tage nach Washington zu reisen, um an der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank teilzunehmen – just an jenem 23. April also, an dem sich Friedrich Merz vom Bundestag gerne zum neuen Regierungschef wählen lassen würde. Käme es so, würden an dem Tag auch die neuen Minister ernannt und vereidigt. Nicht ausgeschlossen also, dass Kukies am Morgen des 23. als Minister im Bundeswehr-Jet in die USA reiste und zwei Tage später als Privatmann Linie zurückfliegen müsste. Die Luftwaffe nämlich darf eine Reisegesellschaft aus lauter Normalo-Zeitgenossen nicht befördern.

Es könnte Kukies allerdings zugutekommen, dass der Merz’sche Zeitplan womöglich nicht aufgehen wird und die Kanzlerwahl wegen der stockenden Koalitionsgespräche auf Ende April oder Anfang Mai verschoben werden muss. Auch im Finanzministerium beschwichtigt man bereits, dass der Ressortchef wohl nicht fliegen werde, bestünde die Gefahr, dass er während der Reise aus dem Amt gekickt wird. Bleibt nur die Frage, ob das auch der Volldampf-Minister selbst rechtzeitig mitbekommt.

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