Bundesregierung Endlich angekommen

Der Niedersachse Hubertus Heil bei einem Besuch in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung.

(Foto: Rehina Schmeken)

In der Rolle des Arbeitsministers hat Hubertus Heil seinen Platz in der SPD gefunden. Doch zwischen dem Niedersachsen und Parteichefin Nahles könnte es bald kriseln.

Von Henrike Roßbach, Berlin

Hubertus Heil steht mit hellblauer Krawatte am Rednerpult unter der Reichstagskuppel, vor sich das Manuskript, das er nur sporadisch braucht. Es sind Heil-Wochen im Bundestag: Sozialer Arbeitsmarkt, Rente, Brückenteilzeit, Weiterbildungsoffensive - alles seins. "Wir haben an diesem Rednerpult schon des öfteren über die Lage am Arbeitsmarkt gesprochen", beginnt der Bundesarbeitsminister folgerichtig. Dann dreht er sich um, das Mikrofon ist ihm zu leise. "Herr Präsident", sagt er zu Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann, "ich glaube, ich brauche ein bisschen mehr ... Saft." Gelächter, Geplänkel. "Darf ich noch mal anfangen?"

Noch mal anfangen, das passt zu Heil. Der Niedersachse sitzt seit 20 Jahren im Parlament, er hatte nie einen anderen Beruf. Sein Lebenslauf: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Mit 16 bei den Jusos, mit 25 im Bundestag, mit 33, das Studium noch nicht abgeschlossen, jüngster SPD-Generalsekretär aller Zeiten. Mit 36 Fraktionsvize, mit 44 zum zweiten Mal Generalsekretär - und nun, mit 45, Minister.

Die jetzige Position kam aber keineswegs so zwangsläufig, wie es klingt.

Im Juni 2017, es ist Wahlkampf, springt Heil als Generalsekretär ein. Die Kampagne des Kanzlerkandidaten Martin Schulz trägt da schon Züge eines Himmelfahrtskommandos. Wenige Monate später liegt tatsächlich alles in Scherben. Die SPD bereitet sich auf die Opposition vor; Schulz will, dass Heil wenigstens Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion wird. Doch Heils alter Freund Carsten Schneider grätscht dazwischen. Noch mal anfangen dürfen? Für Heil in weiter Ferne.

Heil ist ein Methusalem der Politik. Das war nicht immer gut für ihn

Doch die Postenvergabe in Koalitionsverhandlungen funktioniert wie das Brettspiel "Das verrückte Labyrinth". Hier wird geschoben, da gezogen, dort verrückt - und plötzlich ist der Weg frei für einen, der hoffnungslos eingemauert war. In diesem Fall für Hubertus Heil. Der Niedersachse weiß, was für ein Glück er hatte. Und vermutlich gibt es niemanden im Kabinett, der es mehr genießt, Minister zu sein.

Ende September steht er in der Lehrwerkstatt von Volkswagen in Wolfsburg. Vor einem Elektroauto mit geöffneter Motorhaube muss er sehr ausdauernd für die Fotografen posieren. Jemand hat ihm dafür ein technisches Gerät in die Hand gedrückt, zum Abschalten des Stroms. Zwei Auszubildende in VW-Latzhosen erklären ihm, was er da in den Händen hält. Sie sagen ihre Namen und dass sie im vierten Lehrjahr seien. "Hallo", sagte Heil, "ich bin Hubertus Heil. Ich bin seit sechs Monaten in meinem Job."

Das ist charmant, aber natürlich gelogen, denn Heil ist ja schon so lange dabei. Als Generalsekretär ging er der Kanzlerin schon in den Koalitionsausschüssen ihrer ersten schwarz-roten Regierung auf den Keks. Heil ist ein 45-jähriger Methusalem der Politik, und genau das war oft sein Problem. Etwa, als er das erste Mal Generalsekretär war. Mit und wegen Matthias Platzeck war er damals ins Willy-Brandt-Haus gegangen; er kannte ihn aus seiner Zeit in Potsdam, bis heute verehrt er ihn. Doch Platzeck gab den SPD-Vorsitz nach wenigen Monaten aus gesundheitlichen Gründen wieder auf, und der junge Heil, den sie "Hubi" nennen in der SPD, fand sich zunächst mit einem glücklosen Kurt Beck wieder und dann mit einem Franz Müntefering, der ihn kaltstellte.

Seine sachpolitische Agenda meint er ernst. Seine Taktik: fleißiges Bienchen

Er war seiner Zeit voraus und nicht am rechten Platz. Damit das niemand merkte, gab er sich vorzeitig gealtert, arrivierter als er war und ihm gut tat. Vielleicht ist es ein Relikt aus jener Zeit, dass er sich heute selbst dann eine Krawatte umbindet, wenn er in seiner Heimatstadt Peine vor Schülern der Gesamtschule auftritt und Fragen beantwortet. Auf die Frage "Pizza oder Pasta?"sagt Heil: "Leider beides."

Nach seinem Abgang als Generalsekretär jedenfalls war Heil immer noch jung. Politisch aber hatte er schon so viel hinter sich, dass die Pöstchen in der Fraktion nicht mehr passten für ihn. Nur dass er diesmal hinter sich selbst zurückgefallen war; ein Zeitreisender, verirrt in der eigenen Biografie. Erst jetzt als Minister scheint er sich mit seinem Jetzt-Zeit-Ich synchronisiert zu haben.

Geboren ist Heil im niedersächsischen Hildesheim, in Peine ging er aufs Gymnasium. Noch heute, wo er mit Frau und zwei kleinen Kindern in Berlin lebt, empfindet er Niedersachsen als seine Heimat. Die Leute, die Erinnerungen, das Gefühl von Zugehörigkeit, "das ist mein Boden, auch wenn es blöd klingt". Er spricht mit einer für Nicht-Niedersachsen vollkommen unbegreiflichen Begeisterung über Heide und Harz, Grünkohl und Braunkohl, Heinrich den Löwen und die Bibliothek in Wolfenbüttel. Es ist aber noch etwas anderes, was Heil in seiner Heimat ganz bei sich sein lässt. "Hier wissen wir noch, wie es geht", sagt er, hier sei die SPD noch eine mehrheitsfähige Partei. Seinen Wahlkreis Peine/Gifhorn hat er seit 1998 stets gewonnen. Und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil ist mit seinem Erfolg 2017 der bislang letzte Sozialdemokrat, der eine Wahl gewonnen hat.

Es kann ziemlich lustig sein mit Heil. Er ist schlagfertig, selbstbewusst genug für Selbstironie und besteht quasi vollständig aus Anekdoten. Öder wird es, wenn die Mikrofone an sind. Er klingt immer, als spreche er frei, selbst wenn er sich ans Manuskript hält. Doch man hört die Jahre in der Politik, die geschliffenen Formulierungen, erprobten Witze, das betulich Staatstragende: "Das Gesetz ermöglicht Teilhabe am gesellschaftlichen Leben." "Weil es um Menschen geht." "Arbeit ist mehr als Broterwerb." "Das Kernversprechen unseres Sozialstaates verlässlich erneuern."

Anderswo ist ihm das im Weg. Neulich bei der Bahn: Ein Treffen mit Azubis, Hände schütteln, "Hubertus Heil, grüße Sie", dann nehmen alle Platz. "Ein Stuhlkreis, das erinnert an die Kabinettssitzung", sagt Heil, aber der Witz zündet nicht bei den Jugendlichen, von denen einige Flüchtlinge aus Syrien und Ägypten sind. "Und was machen Sie, wenn ich fragen darf?", fragt er jeden einzelnen. Überhaupt fragt er viel, ist höflich interessiert. Doch die Stimmung bleibt hölzern, Heil wirkt wie ein Besucher von einem anderen Stern.

Dabei ist er eigentlich nicht abgehoben. Kinderarmut, Alleinerziehende, unterhaltssäumige Väter, sozialer Abstieg? Heil hat einen Vater, der abhaute, als er und sein Bruder klein waren. Die Jungen zogen mit der Mutter vom Häuschen im Grünen ("Mehr Kühe als Menschen") in die Hochhaussiedlung ("Das war schon rough"). Die Mutter rieb sich auf, aber seine Kindheit war trotzdem glücklich, sagt Heil. Natürlich ist es eine sozialdemokratische Masche, eine solche Herkunft hin und wieder zu erwähnen, um das Gefälle zu "den Menschen" zu nivellieren. Es bei Heil auf diese Absicht zu reduzieren, wäre aber unfair. Auch wenn der Gestus des Berufspolitikers längst Teil seines Naturells ist, glaubt man ihm, dass er mehr will als nur Minister sein. Er gehört zu denen im Kabinett, die ihre sachpolitische Agenda ernst meinen. Wie Familienministerin Franziska Giffey (SPD) oder durchaus auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). "Wir müssen sichtbar Dinge in den Griff bekommen", sagt Heil. "Die Politik muss es besser machen." Er selbst setzt auf die Taktik fleißiges Bienchen. Weiterbildung, Rente, Brückenteilzeit, Hilfe für Langzeitarbeitslose, Denkfabrik zur Zukunft der Arbeit, Pakete gegen Kinderarmut: Häkchen dran, weiter geht's.

Noch aber verfängt das nicht. Neulich in der Gesamtschule in Peine, Ex-Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen war gerade zum Staatssekretär befördert worden, erklärte Heil den Schülern seinen Beruf: "Man hat die große Gelegenheit, Dinge für Menschen zu tun." Was aber nerve, sei das furchtbare äußere Bild der Regierung. Es macht ihn irre, dass er immer wieder gestört wird beim "Dinge für Menschen tun". Und dann noch der Zustand seiner Partei. Verzweiflung sei nicht seine Kategorie, sagt Heil. Doch einen, der August Bebel als Hintergrundbild auf dem Sperrbildschirm seines Handys hat, schmerzen Niederlagen wie im Bund oder in Bayern. Er sieht seine Partei als Modernisiererin des Landes. Warum die anderen nicht?

Seine nächste Herausforderung allerdings könnte die eigene Parteivorsitzende werden, die auch seine Vorgängerin im Arbeitsministerium ist. Andrea Nahles brachte kürzlich mal wieder die Rückabwicklung der Agenda 2010 ins Spiel. Vielen in der SPD mag das Tränen der Rührung in die Augen treiben. Heil nicht; er hat die Reformen stets verteidigt. Geht das gut? Ein bei sich angekommener Minister, eine Parteichefin mit dem Rücken zur Wand und zwischen ihnen ein sozialdemokratisches Trauma? Am Donnerstag verbreitete Heil im Bundestag lieber erst mal eitel Sonnenschein. Man möge ihm noch "einen Blick auf meine Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles" gewähren, denn die habe schon in der letzten Legislaturperiode "wie eine Löwin" für die nun verabschiedete Brückenteilzeit gekämpft. "Ich hatte eine gute Vorbereitung", sagte er in ihre Richtung. Und die "liebe Andrea" nickte dazu.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlicherweise geschrieben, dass Stephan Weil im Jahr 2013 der letzte Sozialdemokrat gewesen sei, der eine Wahl gewonnen hatte. Korrekt ist, dass Weil 2017 als Sieger aus der vorgezogenen Niedersachsen-Wahl hervorgegangen ist.