Ampel-Koalition:Ein neuer Kanzler, ein neues Team

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Koalitionsverhandlungen

Voraussichtlich in zwei Wochen wird der Bundestag Olaf Scholz, 63, zum neunten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland wählen.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Im Großen und Ganzen steht die Regierung von Olaf Scholz. Wer sind die Männer und Frauen, die nun ein Ministeramt übernehmen sollen?

Von Stefan Braun, Daniel Brössler, Constanze von Bullion, Peter Burghardt, Paul-Anton Krüger und Robert Roßmann, Berlin

Olaf Scholz, 63 Jahre alt, verheiratet, Sozialdemokrat, wohnhaft in Potsdam, wird voraussichtlich in zwei Wochen zum neunten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt werden, als vierter Sozialdemokrat in diesem Amt. Scholz ist kein Unbekannter, er gehört seit mehr als zwanzig Jahren zum politischen Interieur der Bundesrepublik. Die Bürger kennen ihn als ruhigen Politiker, zuverlässig, loyal und umsichtig sowie fleißig und akribisch. Dass er es geschafft hat, aus vermeintlich aussichtsloser Position mit der SPD die Bundestagswahl 2021 zu gewinnen und ein vermeintlich unmögliches Regierungsbündnis aus SPD, Grünen und FDP zu formen, hat ihm Respekt und Vorschusslorbeeren eingebracht.

Das kann Scholz gut brauchen, denn leichter wird es nicht. Die Unbedingtheit, mit der er seine Chance bei der Bundestagswahl gesucht hat, ist ab sofort beim Regieren gefragt. Die Ampel übernimmt die Geschäfte in einer Pandemie, die Amtsvorgängerin Angela Merkel als schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg eingestuft hat. Scholz startet als Krisenmanager, mitten in der vierten Welle. Und mit zwei Partnern an seiner Seite, die von Opposition erst noch auf Regierungsverantwortung umschalten müssen.

Die übliche Schonfrist von 100 Tagen wird er für sein Regierungsteam nicht bekommen. Scholz, der gerne für sich in Anspruch nimmt, die Dinge früher als andere zu erkennen und vom Ende her zu denken, wird - schneller als ihm lieb sein dürfte - den Beweis dafür liefern müssen: in Form von vorausschauender Corona-Politik. Die täglichen Fallzahlen werden brutal klar zeigen, wie gut der neue Krisenmanager im Kanzleramt führt.

Zuerst aber stehen noch Wahl und Vereidigung an, und spätestens da dürfte auffallen, dass der Sozialdemokrat keine Angela-Merkel-Kopie ist. Er wird beim Amtseid auf religiösen Beistand verzichten und den letzten Halbsatz weglassen: "So wahr mir Gott helfe." Ähneln wird sich dagegen die Rolle der Ehepartner. Die neue First Lady, Britta Ernst, will es so halten wie der bisherige First Husband, Joachim Sauer. Sie will ihren Mann machen lassen und sich weiter um ihren Beruf kümmern - derzeit als Bildungsministerin in Brandenburg.

Wolfgang Schmidt

Der Sozialdemokrat Wolfgang Schmidt, 51 Jahre alt, ist Staatssekretär im Finanzministerium und kann im Kabinett Scholz Kanzleramtsminister werden.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Der engste politische Vertraute von Olaf Scholz außer seiner Frau ist Wolfgang Schmidt. Hamburger und Jurist wie Scholz, begleitet er den werdenden Kanzler seit Jahren, als Berater, Strippenzieher, Verteidiger. Schmidt, 51, war sein Büroleiter in Berlin, später als Staatsrat eine Art Außenminister in Hamburgs Senat und Vorbereiter des G-20-Gipfels, zuletzt Staatssekretär im Bundesfinanzministerium.

Der SPD-Mann gilt als ungeheuer arbeitsam und bestens vernetzt, er twittert viel und schreibt auch mal lange Mails an Journalisten, wenn ihm wie im Fall Cum-Ex die Berichterstattung missfällt. Vor kurzem gab es Ärger wegen seines Tweets mit dem Gerichtsbeschluss zur Durchsuchung des Finanzministeriums. Jetzt hat er seinem Chef und als mutmaßlicher Kanzleramtsminister auch sich selbst den Weg ins Kanzleramt geebnet.

Ampel-Koalition: Robert Habeck, 52 Jahre alt und Co-Chef der Grünen, wird in einem Superministerium für Klimaschutz und wirtschaftliche Transformation verantwortlich sein.

Robert Habeck, 52 Jahre alt und Co-Chef der Grünen, wird in einem Superministerium für Klimaschutz und wirtschaftliche Transformation verantwortlich sein.

(Foto: Andreas Gebert/AFP)

Mister Klima freilich soll in Deutschland ein anderer werden. Robert Habeck, Grünenvorsitzender und zu Beginn des Wahlkampfs noch als unglücklicher Verlierer im Gespann mit Annalena Baerbock betrachtet, geht aus den Ampel-Verhandlungen mit einem Superministerium für Klimaschutz und wirtschaftliche Transformation hervor. Ob das Thema Klima ans Wirtschaftsministerium angedockt werden würde, war bis zuletzt offen geblieben. Als sicher aber galt seit Wochen, dass Habeck sich im grünen Führungsduo nun wieder an Ex-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock vorbeigearbeitet hat.

Der einstige Kinderbuchautor und Freund des längeren Gedankens, der sich bis 2018 schon in Schleswig-Holstein ein Superministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und Natur gebastelt hatte, wollte eigentlich Finanzminister werden, zumindest hatte Habeck das frühzeitig kommuniziert. Denn die Sorge der Grünen war groß, dass es für effektiven Klimaschutz und Zukunftsinvestitionen zwar reichlich warme Worte, im Ernstfall aber zu wenig Geld gibt.

Nun hat Habeck FDP-Chef Christian Lindner die Staatskasse überlassen. Ob und wie sehr er das bedauert, blieb zunächst sein Geheimnis. Bewähren muss sich jetzt aber vor allem Habecks Umgarnungsstrategie, mit der er die Liberalen zu Beginn der Ampel-Gespräche in ein Netz von Zuspruch und Wohlwollen einspann. Zuletzt wirkte der Grünen-Chef nicht immer glücklich über das, was die Grünen als Gegenleistung von FDP und SPD angeboten bekamen. Aber vielleicht gehört ein etwas gerupfter Auftritt bei einem wie Robert Habeck einfach zum Image dazu.

Coalition Talks Continue Between SPD, Greens and FDP

Die Co-Vorsitzende der Grünen, Annalena Baerbock, ist 40 Jahre alt und soll von Heiko Maas das Außenministerium übernehmen.

(Foto: Maja Hitij/Getty)

Nicht schlecht endet das Ringen um eine neue Regierung für Annalena Baerbock, trotz all der Pannen, die ihr im Wahlkampf passiert sind. Die ehemalige Kanzlerkandidatin der Grünen, die Mitte Dezember 41 Jahre alt wird, soll neue deutsche Außenministerin werden. Sie wird die erste Frau in einem Amt sein, zu dem zuvorderst zweierlei gehört: sehr viele Flugkilometer und sehr selbstbewusste Diplomaten. Dass sie ausgerechnet beim Thema Völkerrecht und eigener Lebenslauf gelinde gesagt unglücklich agiert hat, wird ihr gleich zu Beginn ein paar besonders gute und kluge Auftritte abverlangen. Sonst könnte es in diesem Haus schnell offene oder verdeckte Widerstände gegen sie geben.

Aufregend, interessant, voller Themen - das wird dieses Amt mit Sicherheit sein. Früher galt als es Garant dafür, dass man schnell beste persönliche Umfragewerte ergattern konnte. Viele Auftritte plus viele diplomatische Worte ergibt ein hohes Ansehen beim Publikum - das war die immer wieder bestätigte Rechnung. Für die neue Chefdiplomatin aber könnte sich das ändern. Die Welt ist kompliziert und kontrovers geworden, ohne dass ein deutscher Außenminister darauf bislang größeren Einfluss hätte nehmen können. Ihr Vorgänger Heiko Maas war überall ein bisschen, reiste phasenweise unendlich viel und konnte doch kein Profil entwickeln.

Baerbock hat sich anderes vorgenommen. Mit ihr sollen Menschenrechte eine größere Rolle spielen. Russland-kritischer, China-kritischer - das klingt wie ein großes Versprechen, kann aber schnell mit den Realitäten des Amtes kollidieren. Man braucht Profil - und muss doch auch mit sehr schwierigen Zeitgenossen im Gespräch bleiben. Sind Drähte erst mal gekappt, dann kann man sehr schnell mit leeren Händen dastehen.

Wirtschaftsgipfel 2021

Christian Lindner, 42, führt seit 2013 die FDP und erhält das gewünschte Amt des Bundesministers für Finanzen.

(Foto: Friedrich Bungert)

Sein Platz in der Parteigeschichte ist FDP-Chef Christian Lindner dreifach sicher. 2017 führte er seine Partei nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition zurück in den Bundestag. Nach der Bundestagswahl 2021 ebnete er den Weg für die erste Ampel-Koalition im Bund und nun wird er der erste von der FDP gestellte Finanzminister seit 1966. Während der Koalitionsverhandlungen war klar gewesen, dass Lindner auf das Amt kaum verzichten würde. Zum einen hatte er ungewöhnlich früh, schon Monate vor der Bundestagswahl, sein Interesse daran bekundet. Zum anderen haben Lindner und seine Leute eine Lehre von 2009 verinnerlicht. Damals hatte Guido Westerwelle auf das Finanzministerium verzichtet, um in liberaler Tradition Außenminister zu werden. Damit überließ er der CDU und Wolfgang Schäuble den zweitmächtigsten Posten im Kabinett. Ein Fehler, der aus Sicht Lindners wesentlich beitrug zum Scheitern der FDP in der schwarz-gelben Koalition.

Als Finanzminister muss sich der 42-Jährige nun das erste Mal an der Spitze einer großen Behörde bewähren. In seiner politischen Laufbahn war er schon Stadtrat im heimischen Wermelskirchen, Kreisvorsitzender, Landes- und Bundestagsabgeordneter, Generalsekretär und schließlich Parteivorsitzender. Ein Regierungsamt bekleidete er noch nie. Seine eigenen Leute hat er schon vor zu hohen Erwartungen gewarnt. "Ein Finanzminister Lindner wäre kein Finanzminister der FDP, sondern der Bundesrepublik Deutschland", sagte er beim SZ-Wirtschaftsgipfel.

Ampel-Koalition: Hubertus Heil in seinem Ministerium.

Hubertus Heil in seinem Ministerium.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Hubertus Heil gehört zu den Glückspilzen der Sozialdemokraten. Dass er sich am Ende der langwierigen Koalitionsverhandlungen von Union und SPD nach der Bundestagswahl 2017 plötzlich als Minister wiederfand, dürfte auch für ihn selbst eine Überraschung gewesen sein. Schließlich war er arg zerrupft aus dem missglückten Schulz-Wahlkampf hervorgegangen, den er als Generalsekretär in der Endphase aus nächster Nähe mit erlitten hatte. Dieses Mal aber war alles anders; kaum ein Kandidat galt im Falle eines Wahlsieges von Scholz als so fest gesetzt für das neue Kabinett wie der niedersächsische Sozialdemokrat.

Heil, Jahrgang 1972, hat als Arbeitsminister in der großen Koalition deutlich mehr aus dem Koalitionsvertrag herausgeholt, als für die SPD eigentlich drin war - etwa bei der Mütterrente, die sich die Union mal deutlich anders vorgestellt hatte. Weil Heil früh durchblicken ließ, dass er sein Amt gerne behalten würde, gab es für die SPD also keinen Grund, ihn zu ersetzen. Für seine 49 Jahre hat der verheiratete Vater von zwei Kindern eine ziemlich intensive politische Karriere hinter sich. Mit 33 war er das erste Mal Generalsekretär, mit 36 Fraktionsvize, mit 45 Minister, im Bundestag sitzt er seit 1998. Kein Wunder, dass er heute über einen ansehnlichen Fundus an heiteren Anekdoten aus dem politischen Betrieb verfügt, die er bei Gelegenheit gerne zum Besten gibt. Seine Großprojekte dieser Legislaturperiode dürften der Mindestlohn und das Bürgergeld werden, das Hartz-IV ablösen soll.

Kriminalistische Auswertung zur Partnerschaftsgewalt

Die Sozialdemokratin Christine Lambrecht, 56, war für zwei Ressorts zuständig: Justiz und Familie. Nun gilt sie als Anwärterin für das Innenministerium, aber sicher ist das noch nicht.

(Foto: Michael Kappeler/DPA)

Eine gewisse Überraschung für die Sozialdemokraten war und ist auch Christine Lambrecht. Eigentlich hatte sie schon ihren Ausstieg aus der Politik verkündet. Im September des vergangenen Jahres teilte sie mit, nicht mehr für den Bundestag kandidieren zu wollen. Sie sei immer davon überzeugt gewesen, "dass Politik als Beruf nur auf Zeit ausgeübt werden sollte", schrieb sie damals. Die Umfragewerte der SPD waren so schlecht, dass Lambrecht davon ausgehen musste, der nächsten Regierung schon deshalb nicht mehr anzugehören, weil die Sozialdemokraten in die Opposition müssen. Das kam bekanntermaßen anders.

Jetzt würde die 56-Jährige ihre Zeit in der Berufspolitik doch gerne verlängern. In ihrem Landesverband Hessen sind über den Meinungswandel nicht alle erfreut - im Wahlkampf war Lambrecht nicht sonderlich engagiert. Ihre Chancen, Ministerin zu werden, sind trotzdem gut. Olaf Scholz schätzt Lambrecht. Außerdem verfügt sie über breite Expertise. Lambrecht war bereits stellvertretende Vorsitzende und Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Fraktion. Sie war parlamentarische Staatssekretärin im Finanzministerium - unter Scholz. 2019 wurde sie Justizministerin, seit dem Rücktritt von Franziska Giffey übernahm sie auch noch den Job der Familienministerin.

Marco Buschmann

Marco Buschmann, 44, derzeit noch parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion, soll im neuen Kabinett das Justizministerium übernehmen.

(Foto: Jonas Güttler/DPA)

Marco Buschmann, 44, promovierter Jurist, gehört zu den engsten Vertrauten von FDP-Chef Christian Lindner und zu den wenigen im politischen Betrieb, die der künftige Finanzminister als Freund betrachtet. Als Lindner 2013 nach dem Ausscheiden der Liberalen aus dem Bundestag als nordrhein-westfälischer Landes- und Fraktionschef nach dem FDP-Vorsitz griff, folgte ihm sein Generalsekretär als Bundesgeschäftsführer nach Berlin, statt die geplante Karriere als Anwalt in einer US-Kanzlei einzuschlagen. Als die Liberalen 2017 wieder in den Bundestag einzogen, machte Lindner ihn zum Parlamentarischen Geschäftsführer der Fraktion.

Buschmann hat in all den Jahren seinem Chef den Rücken freigehalten. Wo Lindner für die strategische Vision zuständig war, kümmerte sich Buschmann um die Umsetzung. Zusammen haben sie die Partei erneuert und zurück in die Regierung geführt. Er hat sich vor allem mit rechtspolitischen Themen profiliert. 2016 wurde er von der Universität Köln mit einer Arbeit zum Eigentumsrecht in der EU mit summa cum laude promoviert - im Justizministerium dürfte ihm das den Start erleichtern.

Bettina Stark-Watzinger

Bettina Stark-Watzinger, 53, hat als Wissenschaftsmanagerin gearbeitet. Die FDP-Bundestagsabgeordnete wird nun das Ministerium für Bildung und Forschung leiten.

(Foto: dpa)

Bettina Stark-Watzinger ist außerhalb der FDP keine Berühmtheit, in der Partei wird die 53-jährige allerdings schon länger für ein Ministeramt gehandelt. Der Aufstieg der Hessin begann direkt nach der Wahl in den Bundestag 2017. Damals übernahm sie als Parlamentsneuling den Vorsitz im Finanzausschuss und wurde später Parlamentarische Geschäftsführerin sowie Landesvorsitzende in Hessen.

In der Fraktion, in der sie als zielstrebig und kompetent anerkannt wird, vertrat Stark-Watzinger stets den marktliberalen Markenkern. Im Wahlkampf rieb sie sich vor allem an SPD wie Grünen, denen sie Umverteilungspläne vorwarf. Vor ihrem Leben in der Politik machte sie als Wissenschaftsmanagerin Karriere und war zuletzt Geschäftsführerin eines Forschungsinstitutes in Frankfurt am Main. Neben der Finanz- ist die Bildungspolitik ihr Thema - der sie sich nun als Ministerin widmen wird.

Ampel-Koalition: Volker Wissing, 51, bisher Generalsekretär der FDP, wird Chef im Verkehrsministerium - und als solcher auch für Digitales zuständig sein.

Volker Wissing, 51, bisher Generalsekretär der FDP, wird Chef im Verkehrsministerium - und als solcher auch für Digitales zuständig sein.

(Foto: Tobias Schwarz/AFP)

Volker Wissing, 51, Jurist, gilt als einer der zentralen Architekten der Ampel-Koalition. FDP-Chef Christian Lindner holte den Wirtschaftsminister der rot-grün-gelben Landesregierung und FDP-Vorsitzenden in Rheinland-Pfalz im September 2020 als Generalsekretär nach Berlin - er löste Linda Teuteberg ab, von der sich Lindner nicht ausreichend unterstützt sah. Wissing hatte die Partei 2016 zurück in den Mainzer Landtag geführt. Aus seiner Zeit im Kabinett von SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer ist Wissing mit den Sozialdemokraten und Grünen gut verdrahtet und mit deren Gefühlslage vertraut. Nachdem es für Lindners Wunschkonstellation, ein Jamaika-Bündnis, keine Mehrheit gab, konnte Wissing die Brücke schlagen und den Lagerwechsel der Liberalen maßgeblich mit aushandeln.

Er übernimmt in Berlin nun das prestigeträchtige Verkehrsressort. Für die Liberalen aber noch wichtiger ist seine Zuständigkeit und Koordinierungsrolle innerhalb der Bundesregierung für Digitalthemen und den Ausbau der digitalen Infrastruktur.

Cem Özdemir

Cem Özdemir, 55, war bereits Co-Vorsitzender der Grünen. Jetzt wird der Realo Agrarminister und damit erster Bundesminister mit türkischem Migrationshintergrund.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Eine gar nicht so kleine Überraschung im neuen Kabinett ist der Name Cem Özdemir. Mit dem Schwaben hatten viele in der Partei gar nicht mehr gerechnet. Obwohl guter Wahlkämpfer und wiedergewählter Abgeordneter mit dem besten Erststimmen-Ergebnis aller Grünen in Deutschland, galt und gilt der frühere Parteichef und Spitzenkandidat bis heute als rotes Tuch für die Linken in der Partei. Kernvorwurf: er sei zu eigensinnig. Im Vergleich zu seiner früheren Co-Vorsitzenden an der Parteispitze, Simone Peter, stimmte das zwar selten bis nie; als Gefühl eingebrannt hatte es sich bei vielen des linken Flügels trotzdem. Auch deshalb musste er nach den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen gehen, während die Co-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt bleiben durfte, was sie war: Fraktionschefin.

Nun wird Özdemir doch noch Minister - und wird sich damit einen großen Traum erfüllen. Dass es darum bis zuletzt heftige interne Rangeleien gab, wird ihn schmerzen, aber nicht umwerfen. Spannender und interessanter wird sein, ob er auch auf dem Themengebiet Landwirtschaft reüssiert, das bis zuletzt nicht zu seiner Expertise gehörte. Für viele Menschen mit ausländischen Wurzeln aber wird er zugleich der Beweis sein, dass man es schaffen kann. Wenn man nur Geduld hat und zäh ist. Letzteres hat er zuletzt eindeutig bewiesen.

Landesparteitag Bündnis 90/Die Grünen - Sachsen-Anhalt

Steffi Lemke, 53, war einst Mitbegründerin der Grünen in der DDR, später viele Jahre Bundesgeschäftsführerin. Sie soll nun das Umweltministerium übernehmen.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Um Steffi Lemke, 53, war es zuletzt etwas ruhiger geworden. Im Bundestag befasste sich die Grüne mit dem Naturschutz: Moore, Meere, Wälder. Nicht unbedingt ein Thema für die erste Reihe ist das, aber aus der hatte sich Lemke 2013 auch bewusst zurückgezogen. Damals endete der Wahlkampf in einer großen Enttäuschung für die Grünen. Lemke war zu dem Zeitpunkt schon fast elf Jahre lang Bundesgeschäftsführerin ihrer Partei, und das durchaus erfolgreich. Dennoch kandidierte sie 2013 nicht für die Nachfolge von Claudia Roth an der Grünen-Spitze. Die Dessauerin Lemke, die 1989 zu den Mitbegründerinnen der Grünen Partei in der DDR gehörte, zog die Arbeit als Fachpolitikerin vor. In ihrem neuen Amt könnte ihr das zugute kommen - und auch der Umstand, dass sie als künftige Umweltministerin Ahnung von Landwirtschaft hat: Lemke ist diplomierte Agrarökonomin.

Anne Spiegel

Anne Spiegel wird wohl vom Amt der Umweltministerin in Rheinland-Pfalz für die Grünen ins Bundeskabinett wechseln.

(Foto: Andreas Arnold/dpa)

Anne Spiegel hat in Rheinland-Pfalz Regierungserfahrung gesammelt: Von 2016 bis 2021 war sie Familienministerin, ab Januar 2021 zudem Umweltministerin. Seit der Landtagswahl im März dieses Jahres leitet sie das Ministerium für Klimaschutz und Umwelt. Anne Spiegel, Jahrgang 1980, studierte Politik, Philosophie, Psychologie und ist seit ihrer Jugend bei den Grünen. Bei der vergangenen Landtagswahl verhandelten sie und ihre Partei in den Koalitionsvertrag, dass das Land bis 2040 klimaneutral werden soll, außerdem soll der Strom im Land schon von 2030 an komplett aus erneuerbaren Energien kommen. Wobei Spiegel nicht nur über Verhandlungsgeschick verfügt, sondern auch über eine nun nicht ganz unwichtige Erfahrung: In Mainz regiert sie seit Jahren in einer Ampel-Koalition. Das kann in Notfällen ein großes Plus sein.

Auf Bundesebene kennt sie bisher kaum jemand, entsprechend kalt könnte der Sprung ins neue Abenteuer für sie werden. Zumal die Verteilung der letzten drei Ämter zum Finale hin noch einmal heftig umstritten gewesen ist. Vor allem die Mitfavoriten Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter dürfte das noch längere Zeit schmerzen.

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