Süddeutsche Zeitung

Joachim Gauck vor Bundespräsidentenwahl:Der Widerspenstigen Zähmung

Vor einer Woche war noch die gesamte CDU-Führung gegen ihn. Doch davon war bei seinem Auftritt beim Vorstand der Christdemokraten nun nichts mehr zu spüren. Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck überzeugt in Berlin letzte Zweifler.

Wie viel Unterschied eine Woche doch machen kann. Am vorletzten Sonntag fand sich im CDU-Präsidium noch kein einziges Mitglied, das für Joachim Gauck eintreten wollte. Und jetzt das: Der Vorstand sei "einmütig" für Gauck, sagt Generalsekretär Hermann Gröhe. Man sei sich sicher, dass er "ein sehr guter Bundespräsident wird". Gröhe steht im Forum des Konrad-Adenauer-Hauses und spricht so, als ob die Union nie einen anderen Kandidaten gewollt hätte. Aber was bleibt dem Generalsekretär auch anderes übrig.

Am Montag hat der CDU-Vorstand seinen Doch-noch-Kandidaten Gauck eingeladen. Dabei könnten "Missverständnisse" abgebaut werden, sagte der 72-Jährige vor der Sitzung. Anschließend werde man sich "gegenseitig klarer erkennen". So scheint es dann auch gekommen zu sein. "Gauck hat auch die letzten Zweifler bei uns überzeugt", sagt Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung danach. Und Kristina Schröder erklärt sich sogar für "begeistert". Sie "freue sich jetzt richtig" auf Gauck als Bundespräsidenten.

In der Sitzung hatte Gauck selbst die Vorbehalte gegen ihn angesprochen. Er werde sein Spektrum über das Thema Freiheit hinaus erweitern und künftig breiter wirken, versprach der Kandidat. Auf Fragen nach seinen umstrittenen Äußerungen zur Occupy-Bewegung und zu Thilo Sarrazin sagte Gauck, diese seien verkürzt wiedergegeben worden. Die Erklärung reichte den CDU-Vorständlern offenbar.

Auf große Zustimmung in der CDU-Spitze sei vor allem Gaucks "Wertschätzung des bürgerlichen Engagements" und sein "zentrales Motiv des Zusammenhalts von Freiheit und Verantwortung" gestoßen, sagt Gröhe. Was die Ängste vieler Bürger vor technologischen Entwicklungen angehe, verstehe sich Gauck als "Ermutiger", der mit "übertriebenen Ängsten" rational umgehen könne. Was für Sorgen dieser da genau gemeint habe, will Gröhe nicht sagen.

Teilnehmern der Vorstandssitzung zufolge beklagte der Pfarrer jedoch, dass es in Deutschland auch "Luxusängste" gebe. Dazu hätten beispielsweise die Sorgen vor der Vogelgrippe oder vor Ehec gehört. Auch im sozialen Bereich gebe es Übertreibungen. So hätten Arme heute in Deutschland mehr als eine "Großmutter in den dreißiger Jahren". Gauck wurde von den CDU-Granden mit viel Applaus bedacht. Dass ihn die Union vor zwei Jahren ganz verschmähte und diesmal zu seiner Unterstützung gezwungen werden musste, habe Gauck "sportlich genommen", sagt ein Christdemokrat nach der Sitzung. Und auch der Kandidat selbst scheint zufrieden zu sein. Er sei "überraschend offen" aufgenommen worden, sagt Gauck nach dem Gespräch und zieht zufrieden von dannen - Richtung SPD.

Im Parteivorstand der Bundes-SPD schlug Gauck auch am Montag eine Grundsympathie entgegen; schließlich hatten die Sozialdemokraten ihn schon 2010 unterstützt. Allerdings gab es einige Dinge klarzustellen, die SPD-Politiker zuletzt irritiert hatten. Dazu zählen die Äußerungen zu Sarrazin, aber auch Gaucks Haltung zur Sozialpolitik. Die Sarrazin-Bemerkungen sprach der Kandidat nach Angaben von Teilnehmern selbst an und stellte klar, dass er dessen Einschätzungen über Migranten keineswegs teile. Er habe auch seine frühere Einschätzung erläutert, wonach Sarrazins Einlassungen "mutig" seien. Damit habe er, Gauck, auf die Furcht von Parteien abzielen wollen, umstrittene Themen offen anzusprechen. Mehrere SPD-Vorständler, unter ihnen die deutsch-türkische Vize-Parteichefin Aydan Özoguz, hätten Gauck ermuntert, Integration zu einem zentralen Thema seiner Amtszeit zu machen, hieß es weiter.

Diskutiert wurde auch über die Haltung Gaucks zur Frage gesellschaftlicher Solidarität, die der SPD bekanntermaßen am Herzen liegt. Gauck habe deutlich gemacht, dass zu seinem Verständnis von Freiheit auch das Prinzip Gerechtigkeit gehört, hieß es. Von "Luxusängsten" sprach Gauck bei der SPD nicht, dafür aber von "Chancengleichheit". Ein Teilnehmer zeigte sich sehr erfreut, dass Gauck dieses Wort im Vorstand in den Mund nahm. Ein anderer Teilnehmer sagte, Gauck habe alle Fragen souverän und klar beantwortet. "Als SPD-Vorsitzender käme er wohl nicht in Frage, als Bundespräsident aber ist er eine gute Wahl", fügte er hinzu. Gauck kann nach Einschätzung führender Sozialdemokraten bei der Wahl am 18. März der Bundesversammlung in Berlin mit einer ganz breiten Unterstützung der SPD-Wahlleute rechnen.

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SZ vom 28.02.2012/str
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