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Bundespräsidentschaft:Super-Siggi, Teil 3

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Merkel spricht von einer "Entscheidung der Vernunft". Wem wird sie nutzen? Endlich mal dem SPD-Chef? Doch wieder der Kanzlerin?

(Foto: Markus Schreiber/AP)

Der SPD-Vorsitzende Gabriel ist für Bruchlandungen ebenso zuständig wie für die eine oder andere Sternstunde: Die Kür Frank-Walter Steinmeiers, und was aus ihr folgt.

In Würde zu gewinnen ist schwerer als in Würde zu verlieren. Sigmar Gabriel macht das gut im Moment seines großen Erfolges. Kurz nach elf Uhr ist es am Montag, als er vor die Presse tritt, im Gesicht sein übliches Lächeln gegenüber Journalisten, das stets zwischen Freundlichkeit und Spott changiert. Er spricht leise. Er spricht über alle anderen, nur nicht über sich selbst. Sigmar Gabriel feiert feierlich.

Der SPD-Vorsitzende preist Frank-Walter Steinmeier. Er sei der richtige Mann für Frieden und sozialen Zusammenhalt. Gabriel bedankt sich bei Joachim Gauck für dessen Arbeit. Dann würdigt der Vizekanzler die Verständigung in der großen Koalition. Das Lob ist an CDU und CSU gerichtet, die diese Personalie nun mittragen. Denn das ist ja schon eine große Überraschung, ach was, eine Sensation ist das. Wie er es geschafft habe, Angela Merkel und Horst Seehofer zu überzeugen, wird Gabriel gefragt. "Ich habe gar nichts geschafft, Frank-Walter Steinmeier hat mit seiner Persönlichkeit überzeugt." Er könnte wohl vor Stolz platzen, dieser Sigmar Gabriel, der es allen gezeigt hat, den Miesmachern und Zweiflern, den Skeptikern und Kritikern.

Aber wie schön: Er platzt nicht.

Angela Merkel sagt lange nichts in der Öffentlichkeit. Sie muss sich erst dem CDU-Präsidium erklären, dann dem Parteivorstand. Davor und danach: Termine. Zum Beispiel ein Besuch bei der Jugendfeuerwehr im Wedding.

Den jungen Kollegen Spahn erinnert Merkel ein wenig an die Sache mit der Wahlarithmetik

In der Schaltkonferenz der CDU-Spitze mosert nur einer rum. Jens Spahn verweist darauf, dass sich die Union in der Koalition schon länger nicht entsprechend ihrer prozentualen Größe durchsetze. Und nachdem Bulgarien und Moldawien eben russlandfreundliche Präsidenten gewählt hätten, finde er es kein gutes Signal, mit Steinmeier noch einen hinterherzuschieben, ätzt der Finanzstaatssekretär. Merkel erinnert Spahn, Jahrgang 1980, an die Regierung Helmut Schmidts nach 1976, als die Union mal 48 Prozent gehabt und trotzdem in der Opposition gesessen habe.

Steinmeier zu unterstützen, das sei eine "von der Vernunft geleitete Entscheidung" gewesen, so die Kanzlerin. Vernunft - das ist die Eigenschaft, die ja noch immer einige Deutsche so schätzen an ihrer Kanzlerin. In diesem Fall aber heißt Vernunft vor allem, dass Merkel gerade noch rechtzeitig erkannt hat, wann das Spiel verloren ist. Es wird später Wolfgang Schäuble sein, der dann noch die Schuldfrage thematisiert, aber das dauert noch ein wenig. Sieger Gabriel, Verliererin Merkel. Aber was heißt das in Zeiten wie diesen? Wird es der Kanzlerin schaden, dem SPD-Chef nützen? Gabriel hat schon Joachim Gauck mit erfunden, genützt hat es ihm wenig. Merkel hat schon mal bei einer Präsidentenkür verloren, geschadet hat es ihr nicht.

Und ist angesichts des Mannes, der in Amerika Präsident wird, nicht die Frage, wer in Deutschland Präsident wird, viel bedeutender als die Frage, wie er es wird? Gabriel und - notgedrungen - Merkel üben jetzt die große Gemeinsamkeit bei der Kür des Staatsoberhaupts. Gemeinsam aber ist ihnen vor allem die Ambivalenz, die sie in diesen Tagen umgibt: Merkel, die nach der Wahl von Donald Trump so selbstbewusst aufgetreten ist, westliche Werte verteidigte und einem künftigen US-Präsidenten Bedingungen diktierte, das ist jetzt dieselbe Kanzlerin, die keinen eigenen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten hat. Gabriel wiederum, der Triumphator, stark wie lange nicht mehr in der SPD - aber auch stark genug für eine Kanzlerkandidatur? Ist dieser Sieg über Merkel sein erster oder sein einziger?

Vor genau sieben Jahren übernahm Gabriel den SPD-Vorsitz. Seither hat es viele Wahlsiege in den Ländern gegeben, 2013 eine Niederlage bei der Bundestagswahl, diverse Kurswechsel, viele miese Umfrageergebnisse und Scharmützel mit Generalsekretärinnen oder Juso-Chefinnen. Aber auch genau drei Sternstunden.

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