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Bundespräsidentenwahl:Steinmeier, ein Diplomat für Schloss Bellevue

Er hatte seine besten Zeiten immer im Mittelfeld. Attacke und Verteidigung liegen dem SPD-Mann weniger. Im Amt des Bundespräsidenten wird er sich treu bleiben können.

Sie nannten ihn "Prickel", damals als er in der Jugend-Mannschaft des TuS 08 Brakelsiek spielte. Defensives Mittelfeld, das passt, noch heute. Frank-Walter Steinmeier, auf den sich SPD und Union nun als Bundespräsidenten geeinigt haben, ist eigentlich keiner für ganz vorne. Er musste das erst lernen, als er im Wahlkampf 2009 Kanzlerkandidat der SPD war. Steinmeier hatte in diesem Wahlkampf zwar seine Momente. Er war und blieb durchaus beliebt. Aber er hatte keinen Plan für den Angriff. Keinen Plan für den Kampf. Die SPD verlor die Wahl vor sieben Jahren mit niederschmetternden 23 Prozent.

Die SPD verlor damals nicht unbedingt wegen Steinmeier. Die Agenda-Reformen hatten in einer Art Spätzündung die SPD eingeholt. Und Steinmeier war zwar ein hervorragender und beliebter Außenminister in der Zeit der großen Koalition von 2005 bis 2009. Aber zum Kanzlerkandidaten ist er einfach nicht geboren.

Frank-Walter Steinmeier

Außenminister, Kanzlerkandidat - Bundespräsident

Sein ehemaliger Fußballtrainer vom TuS 08 Brakelsiek beschrieb ihn als zuverlässig, pflichtbewusst und fleißig. Auch diese Attribute gelten bis heute. Steinmeier hat sich mit diesen Tugenden nach oben gearbeitet. Als Sohn eines Tischlers und einer Fabrikarbeiterin kam er im Januar 1956 in Detmold zur Welt. Einfache Verhältnisse, wie es gerne heißt. Er machte dort Abitur, studierte Jura nach dem Wehrdienst. Steinmeier stieg in den niedersächsischen Staatsdienst ein.

Der niedersächsische Ministerpräsident und spätere Kanzler Gerhard Schröder wurde auf ihn aufmerksam. 1993 macht er Steinmeier zu seinem persönlichen Referenten. Drei Jahre später leitete er Schröders Staatskanzlei in Hannover.

Nach dem Wahlsieg 1998 nahm Schröder ihn mit nach Bonn, als Stabschef zuständig für die Geheimdienste. Ein Jahr später beförderte Schröder Steinmeier zum Chef des Bundeskanzleramtes. Ein Job, den er still und effizient erfüllte. Auf seinem Tisch lagen der Atomausstieg, die Sicherheitsgesetze nach den Anschlägen vom 11. September, das neue Staatsbürgerschaftsrecht.

Er gilt als einer der Architekten der Agenda-Reformen. Ein Mammut-Projekt, an dem neben dem grünen Koalitionspartner auch CDU und FDP mit am Verhandlungstisch saßen. Ohne sie hätte es keine Mehrheit im Bundesrat gegeben. Die Agenda-Reformen sind aber auch der Grund, warum die Linke sich schwertun wird, Steinmeier zum Bundespräsidenten zu wählen.

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Bundespräsident

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Die SPD wird voraussichtlich den neuen Bundespräsidenten stellen - und reagiert mit Genugtuung. Und auch Steinmeiers Mutter ist stolz auf ihren Sohn.

Nach der Wahl 2005 stieg Steinmeier als Außenminister in die große Koalition ein. Ein Amt, wie für ihn maßgeschneidert. Er war schon immer eher der, der mit der weißen Fahne in der Hand zum Gegner ging, um Frieden zu stiften. Nach dem Rückzug von Franz Müntefering übernahm er 2007 auch die Rolle als Vizekanzler.

Die Bundestagswahl 2009 war ein Einschnitt. Trotz der Niederlage stellte sich Steinmeier in die erste Reihe und bestand darauf, Fraktionschef zu werden. Oppositionsführer. Er setzte sich durch. In diese Rolle aber ist er nie richtig hineingewachsen. Seine Frau Elke Büdenbender erkrankte in der Zeit. Sie haben eine gemeinsame Tochter. 2010 kündigte Steinmeier an, er wolle kürzertreten. Er spendete seiner Frau eine Niere. Die Geschichte hat viele im Land bewegt. Trotz der OP blieb er bis 2013 Fraktionsvorsitzender.

Er löste dann Guido Westerwelle im Amt des Außenministers ab. Der hatte Amt und Ansehen in nie geahnte Tiefen getrieben. Mitarbeiter beschrieben Steinmeiers Rückkehr so, als würde da einer endlich wieder nach Hause kommen. Die Krisen sind nicht weniger geworden. Steinmeier aber blieb stets der besonnene, der aufgeräumte und informierte Mittler, der er sein Leben lang war.

Laut geworden ist er nie. Nicht mal Mitarbeitern gegenüber. Nur im Wahlkampf 2013 fing er an den Rednerpulten der Republik plötzlich an zu brüllen. Jemand muss ihm gesagt haben, dass das wohl dazu gehört. Es passte nicht zu ihm.

Jetzt wird er wohl Bundespräsident. Es ist die Krönung einer langen politischen Laufbahn. Im neuen Amt kann Steinmeier sich treu bleiben. Einer, der in ruhigen Worten das Richtige sagt. Das Vertrauen in der Bevölkerung hat er. Mehr als 70 Prozent der Befragten einer repräsentativen Umfrage wünschten sich für ihn im Sommer eine wichtigere Rolle. Die bekommt er jetzt. Zweifel, dass er dem nicht gewachsen sein könnte, gibt es nicht.

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Steinmeier zum Bundespräsidenten zu machen, ist eine gute Entscheidung. Er versöhnt, statt zu spalten. Das braucht Deutschland dringend.