Bundespräsidenten-Wahl Herr Gauck und sein Fan namens Merkel

"Wortmächtig und worterfahren": Unlängst hielt Kanzlerin Merkel eine geradezu liebevolle Rede auf Joachim Gauck. Jetzt ist er der Präsidentschafskandidat der SPD. Derweil schimpft die FDP auf Wulff.

Von Sarina Pfauth

Zum Geburtstag sagt man nette Dinge. Natürlich. Trotzdem ist es angesichts der aktuellen Diskussion um den richtigen Mann im Schloss Bellevue bemerkenswert, wie Kanzlerin Angela Merkel Joachim Gauck, den Kandidaten der Opposition, lobhudelte.

Genießt hohen Respekt - auch bei Union und FDP: Joachim Gauck, ehemaliger Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR und Bundespräsidentschaft-Kandidat von SPD und Grünen. 

(Foto: ap)

Zu seinem 70. Geburtstag hielt Merkel im Januar eine Laudatio - die im öffentlichen Redearchiv der Kanzlerin zugänglich ist. Sie liest sich wie ein Empfehlungsschreiben für den Herrn Gauck zur Bewerbung auf das Präsidentenamt.

Merkel charakterisiert den gelernten Theologen als einen "herausragenden Redner", "wortmächtig und worterfahren" und eine "spannende Persönlichkeit". Gauck habe sich "in herausragender und auch in unverwechselbarer Weise um unser Land verdient gemacht - als Bürgerrechtler, politischer Aufklärer und Freiheitsdenker, als Versöhner und Einheitsstifter in unserem jetzt gemeinsamen Land sowie als Mahner und Aufarbeiter des SED-Unrechts und damit auch als ein Mann, der immer wieder an historische Verantwortung erinnert. Welche Facette man auch hervorhebt, immer spiegelt sich das Fundnament unserer Gesellschaft wider: Einigkeit in Recht und Freiheit."

"Richtiger Demokratielehrer"

Natürlich, das verschweigt die Kanzlerin in ihrer Geburtstagsrede für Gauck nicht, gibt es große Differenzen zwischen beiden - politisch, weltanschaulich. Doch "trotz aller Verschiedenartigkeit verbindet uns einiges", beteuert Merkel in ihrer Rede - nicht nur die gemeinsame Erfahrung des Erwachsenwerdens in der DDR.

Merkel hat viel zu loben: "Stilsicher und streitfreudig im besten Sinne des Wortes weisen Sie immer wieder darauf hin: Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit, sie muss immer wieder erkämpft und verteidigt werden. ... Dafür stehen Sie mit Ihrer Biografie ganz überzeugend Pate." Gauck sei ein "richtiger Demokratielehrer", er werbe immer wieder "für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit."

Zum Schluß wird es geradezu euphorisch: "Weil wir immer wieder Debatten brauchen, weil wir uns immer wieder miteinander austauschen müssen, ist es so gut, dass wir Sie, Herr Gauck, haben. Denn Sie legen den Finger in die Wunde, wenn Sie eine Wunde sehen, aber Sie können auch Optimist sein und sagen: Es geht voran. Beides brauchen wir. Danke, dass es Sie gibt. Danke, dass Sie weiter da sind."

"Massive Verärgerung"

Am Samstag mehrten sich unterdessen die Unmutsäußerungen über die Ernennung des CDU-Politikers Christian Wulff zum Präsidentschaftskandidaten der schwarz-gelben Koalition. Es gebe "keinen Blankoscheck" für Wulff, sagte der sächsische FDP-Landeschef Holger Zastrow der Welt am Sonntag laut Vorabbericht. Zugleich äußerte er Respekt für den Gegenkandidaten von SPD und Grünen: "Ich persönlich habe große Sympathien für Joachim Gauck."

Skepsis gegenüber Wulff signalisierte auch der Fraktionschef der FDP im Landtag von Sachsen-Anhalt, Veit Wolpert. "Wir werden in der Fraktion darüber zu sprechen haben, ob wir trotz Bedenken mit Herrn Wulff leben können", sagte er der Zeitung und sprach von einer "massiven Verärgerung", dass Parteichef Guido Westerwelle die Landesverbände nicht in die Entscheidung einbezogen habe.

Der Thüringer FDP-Generalsekretär Patrick Kurth kritisierte laut Spiegel, es hätten von Anfang an "nur CDU-Parteisoldaten" zur Auswahl gestanden. "Die Parteiführung muss deutlich machen, welche strategischen Vorteile die Kür Wulffs für uns bringt", zitierte ihn das Magazin am Samstag vorab. Die Generalsekretärin der bayerischen FDP, Miriam Gruß, bemängelte ebenfalls im Spiegel, ihre Partei hätte trotz der Hektik nach dem unerwarteten Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler "als eigenständige Partei sichtbar werden müssen". "Es darf sich nicht der Eindruck festsetzen, dass die FDP zuerst Koalitionspartner und dann erst die liberale Partei ist."

Dampf im Kessel

Der hessische FDP-Landeschef Jörg-Uwe Hahn sagte dem Bericht zufolge in einer vertraulichen Besprechung, es sei "richtig Dampf im Kessel". "Wir müssen uns bald entscheiden, was uns wichtiger ist: die Regierungsbeteiligung oder die Identität der Partei", wurde Hahn zitiert.

Und die ehemalige FDP-Präsidentschaftskandidatin Hildegard Hamm-Brücher bedauerte im Spiegel öffentlich, dass in der schwierigen innenpolitischen Situation nicht nach einem gemeinsamen Kandidaten aller Parteien gesucht wurde.

Auch aus den Reihen der Union hört man Gutes über Gauck: Der CDU-Chef von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier, bezeichnete Gauck als "herausragende Persönlichkeit". Er sei sich aber dennoch sicher, dass die ostdeutschen CDU-Vertreter in der Bundesversammlung geschlossen für Wulff stimmen werden, sagte Caffier dem Sender NDR Info.

Auch der frühere brandenburgische CDU-Vorsitzende Jörg Schönbohm hegt Sympathien für Joachim Gauck: "Ich frage mich, warum es nicht möglich war, sich im bürgerlichen Lager mit der SPD auf Gauck zu einigen", sagte er dem Spiegel.

Diese Frage muss sich die Kanzlerin nun selbst ernsthaft stellen.

Reaktionen auf Wulff-Nominierung

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