Bundespräsident Wulff in der Türkei Ansätze guten Willens

Bundespräsident Christian Wulff zeigt in der Türkei Einfühlungsvermögen - ein Schritt zu besseren Beziehungen.

Ein Kommentar von Kai Strittmatter

Eine deutsch-türkische Woche der Harmonie - wann hat es das zum letzten Mal gegeben? Die Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei ist schon lange verkorkst, beherrscht von Misstrauen, Furcht und der Neigung, im Zweifel dem anderen immer das schlimmere Motiv zu unterstellen. Deutsche wie Türken sind erstaunlich blind für die Realitäten des anderen, Zerrbilder sind die Folge.

Bundespräsident Wulff und sein türkischer Kollege Abdullah Gül harmonierten prächtig.

(Foto: REUTERS)

In Deutschland verstellt die Zuwanderungsdebatte den Blick auf die Türkei, Teile der Öffentlichkeit projizieren ihr Bild des im Gestern verharrenden Ostanatoliertums aus den Ghettos deutscher Städte auf die Türkei von heute. Die Kluft zur Wirklichkeit wird von Jahr zu Jahr größer. Die Türken ihrerseits haben nicht viel mehr Ahnung von Deutschland, was verblüffend ist: Immerhin ist Deutschland der wichtigste Handelspartner der Türkei. Deutschland ist eine der Führungsmächte in der EU, deren Mitgliedschaft die Türkei sich ersehnt. Und vor allem leben drei Millionen türkischstämmige Menschen bei uns. Die Verachtung der städtischen Eliten in der Türkei für ihre ausgewanderten Landsleute, die einst die Ärmsten des Landes waren, die traditionelle Frankophilie und Amerika-Faszination dieser Elite mögen ein Grund für das Desinteresse sein, ganz erklären können sie es nicht. Wenn in den vergangenen Jahren überhaupt über Deutschland berichtet wurde, dann oft, wenn wieder die alten Bilder von den türkenfeindlichen Deutschen oder Verschwörungstheorien zu bedienen waren.

Diesmal war das anders. Sicher, Christian Wulff ist kein Barack Obama, die Titelseiten hat er nicht beherrscht. Aber so gute Presse hatten die Deutschen schon lange nicht mehr. "Das lächelnde Gesicht Deutschlands" nannten ihn die Zeitungen. Dabei hat er ihnen nicht nach dem Mund geredet. Sein Einsatz für die Christen, seine Mahnung, ein Volk müsse zu den Verbrechen seiner Vergangenheit stehen - was jeder Türke als Hinweis auf den Völkermord an den Armeniern verstand -, all das hätte bei manch anderem ein beleidigtes Aufheulen zur Folge gehabt. Aber erstens sinkt mit wachsendem Selbstbewusstsein der Türken auch ihre Empfindlichkeit. Und zweitens verstanden sie: Da zeigte einer Empathie für den Fremden, da kam einer mit dem Willen, erst einmal hinzuschauen, bevor er große Urteile fällte. So manchem fehlten in Wulffs Reden die großen Impulse für das deutsch-türkische Verhältnis, aber in Zeiten, da rundherum alle Öl ins Feuer gießen, muss man ja froh sein, wenn einer sich Mühe gibt, die Glut auszutreten.

Wulff und sein türkischer Kollege Abdullah Gül harmonierten prächtig - fehlt nur noch die Eintracht zwischen den beiden Ländern. Die Einflüsterer des Misstrauens haben es noch immer leicht. Zudem sind da noch Kanzlerin Angela Merkel und Premier Tayyip Erdogan, ein Paar, das sich lange nicht so gern hat wie die zwei Präsidenten. So unterschiedliche Charaktere Merkel und Erdogan sind, so sehr haben beide gezeigt, dass sie auch im bilateralen Verhältnis billigen Populismus nicht scheuen. Bei Angela Merkel ist das neu, es ist ein Wandel, den die Türken aufmerksam verfolgen. "Großes Vertrauen in die deutsche Politik" habe er gespürt, sagte Wulff - leider ist das ein frommer Wunsch, mehr nicht.

Was bleibt nach dieser Woche, ist die tröstliche Entdeckung, dass es sie gibt, die Ansätze guten Willens auf beiden Seiten. Die Einsicht, dass die Türkei Deutschland die Hand reichen könnte bei seinem Ringen um eine bessere Integration der Immigranten, wenn bloß in Berlin jemand die Hand ergriffe. Und schließlich die Erkenntnis, dass solche Besuche nicht reichen, dass vielmehr Projekte wie die geplante Deutsch-Türkische Universität oder die Künstlerakademie in Tarabya schon vor Jahren hätten gestartet werden müssen: Projekte mit nachhaltiger Ausstrahlung in beide Gesellschaften. Deutsche und Türken müssen erst einmal die Augen öffnen füreinander.