Bundespräsident und die Kreditaffäre:Krisenmanagement aus dem Orient

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[] Januar 2011: Das Oberlandesgericht Celle kassiert den Burgwedeler Beschluss teilweise - das Magazin erhält allerdings nur wenige Zeilen aus dem Grundbuch. Angaben zum Verkäufer des Hauses und zum Verkaufspreis werden zurückgehalten. Begründung: "Privatsphäre der betroffenen Eigentümer". Der Spiegel beschwert sich nun beim Bundesgerichtshof (BGH).

Wohnhaus der Familie Wulff

Wulffs Haus in Großburgwedel: Das Darlehen, das der Bundespräsident bekam, ist äußerst selten.

(Foto: dpa)

[] August 2011: Der BGH weist das Grundbuchamt Wedel an, dem Magazin Einsicht zu gestatten. Wulff ist inzwischen Bundespräsident.

[] Oktober 2011: Spiegel-Redakteure können das Grundbuch studieren. Nun ist klar: Wulff hat die Immobilie nicht von einem befreundeten Unternehmer gekauft, das Gerücht war falsch. Doch durch das juristische Gefecht um die Grundbucheinsicht ist die Bild-Zeitung auf die Causa aufmerksam geworden. Das Boulevardblatt will nun von Wulff wissen, wer den Kauf finanziert hat.

[] 12. Dezember 2011: Kurz vor Mitternacht sickert durch, was Bild am nächsten Tag berichten wird: Wulff habe sich eine halbe Million Euro von Edith Geerkens geliehen, um den Kauf seines Hauses zu finanzieren. Wulff überrascht der Bericht im Ausland. Er befindet sich mit Ehefrau Bettina auf einer Reise durch die Golfstaaten Die sonnigen Fotomotive der Reise verschwinden bald aus den Medien - Wulff und seine Mitarbeiter müssen im Orient Krisenmanagement leisten.

[] 13. Dezember 2011: Das Bundespräsidialamt bestätigt, dass sich Wulff 500.000 Euro von der Unternehmersgattin geliehen hatte, widerspricht aber dem Vorwurf, er habe die Unwahrheit gesagt: Die Anfrage vom Januar 2010 über mögliche Geschäftsbeziehungen zu Egon Geerkens habe Wulff "korrekt beantwortet", beteuert Sprecher Olaf Glaeseker. "Es bestand eine Vereinbarung mit Frau Edith Geerkens zu einem Darlehen aus ihrem Privatvermögen." Die Opposition im Bundestag fordert von Wulff volle Aufklärung. Doch der Präsident ist noch im arabischen Raum unterwegs. Dafür lässt sich Egon Geerkens von Journalisten befragen und nimmt Wulff in Schutz: Wulffs Darlehen stamme von seiner Frau, beteuert er in der Süddeutschen Zeitung.

[] 14. Dezember 2011: Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel steht hinter ihrem langjährigen Parteifreund Wulff - lässt sie über den Regierungssprecher ausrichten: "Die Bundeskanzlerin hat volles Vertrauen in die Person und in die Amtsführung von Christian Wulff", sagt Steffen Seibert. Die Stellungnahme wird als Wink an Wulff gewertet, selbst aktiv zu werden - und die Sache aus der Welt zu schaffen. Mehr kann die Kanzlerin für ihn gerade nicht tun, sie drücken andere Sorgen. Die Grünen wollen, dass der Ältestenrat des Landtages in Hannover einen möglichen Verstoß gegen das Minister-Gesetz prüft.

[] 15. Dezember 2011: Wulff ist wieder in Berlin. Nun erklärt sich der Präsident schriftlich zu seiner umstrittenen Aussage vor dem Niedersächsischen Landtag - und übt sich in Demut: "Ich erkenne an, dass hier ein falscher Eindruck entstehen konnte. Ich bedauere das." Er habe bei der Beantwortung der parlamentarischen Anfrage keine Veranlassung gesehen, den privaten Darlehensvertrag mit Geerkens Frau zu erwähnen. "Es wäre besser gewesen, wenn ich auf die Anfrage der niedersächsischen Abgeordneten im Landtag über die konkreten Fragen hinaus auch diesen privaten Vertrag mit Frau Geerkens erwähnt hätte, denn in der Sache hatte und habe ich nichts zu verbergen", versichert das Staatsoberhaupt. Wulff will nun Transparenz demonstrieren: Als Privatperson beauftragt er eine Anwaltskanzlei, für Journalisten die Einsicht in Unterlagen seines Kreditvertrags zu organisieren.

[] 16. Dezember 2011: Die Affäre ist für Wulff alles andere als ausgestanden. Spiegel-Journalisten reden drei Mal mit Egon Geerkens für ihre nächste Titelgeschichte. Der Stoff ist so brisant, dass das Magazin ihn schon am Freitag publiziert. Denn Unternehmer Geerkens ist redefreudig. Seine Aussagen legen den Verdacht nahe, dass das Darlehen für Wulff doch nicht von seiner Frau stammt, sondern von ihm: Er selbst habe mit dem Politiker verhandelt und habe auch überlegt, "wie das Geschäft abgewickelt werden könnte", zitiert ihn das Magazin. Es folgen weitere, eindeutige Äußerungen, die die Darstellung Wulffs entscheidend in Frage stellen: Das Darlehen sei über ein Konto seiner Frau gezahlt worden, für das er aber eine Vollmacht habe, erklärt Geerkens weiter. Für den Kredit sei ein anonymer Bundesbankscheck an Wulff übermittelt worden. Die Geheimnistuerei begründet Geerkens so: "Wir sind beide bekannt in Osnabrück. Und ich wollte nicht, dass irgendein Bank-Azubi sieht, dass so viel Geld von mir an Wulff fließt." Eilig lässt der Präsident widersprechen: Wulff bleibe dabei, das Geld kam von Edith Geerkens, insistiert sein Anwalt.

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