Steinmeier im Bürgergespräch Reden über den Riss, der durch Sachsen geht

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach in Chemnitz mit Bürgerinnen und Bürgern.

(Foto: dpa)
  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Chemnitz besucht, um mit Bürgern über die politischen Auseinandersetzungen und rechten Übergriffe in den vergangenen Monaten zu sprechen.
  • Am Tisch saß unter anderem ein Gastwirt, der von maskierten Männern überfallen worden war, die "Heil Hitler" riefen. An dem Gespräch mit dem Bundespräsidenten nahmen außerdem auch Kritiker der Migrationspolitik teil.
Von Ulrike Nimz, Chemnitz

Man hat Menschen schon gemütlicher beisammensitzen sehen als hier im kühlen Licht des Staatlichen Museums für Archäologie in Chemnitz. Mitten im Raum haben sie eine Kaffeetafel aufgebaut, Rosengestecke, Teller mit Törtchen. Minutenlang versinkt alles im Blitzlichtgewitter, dann werden die Journalisten weggeschickt. Man will ungestört sein.

13 Chemnitzer sind eingeladen worden, um sich mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) an einen Tisch zu setzen. Gut neun Wochen nach dem tödlichen Messerangriff auf einen 35-jährigen Deutschen, nach fremdenfeindlichen Übergriffen und Großdemonstrationen will Steinmeier mit Bürgern über ihre Eindrücke sprechen, über den Riss, der seit jenen Tagen durch die Stadt geht.

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Unter ihnen ist auch Masoud Hashemi, Besitzer des persischen Restaurants "Safran". Vor vier Wochen stürmten Männer mit Motorradhelmen auf den Wirt zu, schlugen ihn, brüllten "Heil Hitler". Eine Woche lag Hashemi im Krankenhaus. Jetzt sitzt er an der Seite des deutschen Staatsoberhauptes. "Ich bin nicht gekommen, um über die Chemnitzer zu reden, sondern mit ihnen", sagt Steinmeier. Man habe bewusst Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zusammengebracht, auch Menschen, die ein "Zuviel an Zuwanderung" befürchten würden. "Alles muss auf den Tisch. Aber vorher müssen alle an einen Tisch", sagt Steinmeier. "Wir wollen streiten, aber einander in die Augen schauen."

Es ist der erste Besuch des Bundespräsidenten in Chemnitz, aber nicht der erste in Sachsen. Bereits Mitte Oktober reiste Steinmeier in die Oberlausitz, nach Görlitz, Großhennersdorf, Ostritz. In der kleinen Grenzstadt an der Neiße findet an diesem Wochenende zum zweiten Mal das Neonazi-Festival "Schild und Schwert" statt. Und wie schon im April will ein bürgerliches Bündnis dagegenhalten und Sorge tragen, dass die Heimat nicht in Verruf gerät.

Besuch mit Schülern in einer Rassismus-Ausstellung

Steinmeier spricht von "intensiven Sachsentagen" und tatsächlich nimmt der Bundespräsident sich auch an diesem Donnerstag viel Zeit, um sich ein Bild vom Freistaat zu machen. Bevor er sich im Chemnitzer Rathaus ins Goldene Buch der Stadt einträgt, im "Ratskeller" mit Gastronomen und Einzelhändlern zu Mittag isst, hat er am Morgen schon das Dresdner Hygienemuseum besucht. Begleitet von Schülern eines katholischen Gymnasiums aus Zwickau ließ sich der Bundespräsident durch eine viel gelobte Ausstellung zum Thema Rassismus führen. In den Vitrinen Federschmuck und Astrid Lindgrens "Pipi im Taka-Tuka-Land", im Mittelpunkt die Frage: Wie aktuell ist das Thema heute? Eine Schülerin spricht den Bundespräsident auf das "Wir sind mehr"-Konzert in Chemnitz an, für das Steinmeier seinerzeit eine Empfehlung ausgesprochen hatte, wofür er hart kritisiert worden war. Sie sei dort gewesen, sagt die junge Frau, protestiere auch in Zwickau regelmäßig gegen Neonazis. "Aber wir sind in der Unterzahl." In Chemnitz stehen die Gäste der Kaffeetafel nach gut zwei Stunden wieder vor Kameras. Respektvoll sei das Gespräch gewesen, ein Anfang. "Es ist wichtig, den normalen Leuten zuzuhören", sagt einer Ärztin, die auch an den fremdenfeindlichen Demos von "Pro Chemnitz" teilgenommen hat. Masoud Hashemi möchte jetzt lieber nach Hause, als Interviews zu geben. Er hat noch immer Schmerzen.

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