Bundespräsident Gauck in den Niederlanden:"Wir feiern mit allen die Befreiung vom nationalsozialistischen Joch"

Als erster Deutscher spricht Bundespräsident Gauck in den Niederlanden zum "Tag der Befreiung", der an das Ende der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs erinnert. Er bedankt sich für das Vertrauen des Nachbarlandes und würdigt die Demokratiebewegungen in Afrika und im Nahen Osten. Die westlichen Länder warnt er davor, ihre Freiheit egoistisch zu interpretieren.

Bundespräsident Joachim Gauck hat am Samstag als erster Deutscher in den Niederlanden zum "Tag der Befreiung" gesprochen. Er erinnerte bei einer Gedenkfeier in der Stadt Breda an mehr als 100.000 niederländische Juden, die von den Nazis ermordet wurden, an "Schandtaten und Verbrechen" wie die Bombardierung von Rotterdam und an Hunderttausende Niederländer, die zum Arbeitseinsatz nach Deutschland deportiert wurden.

Gauck in den Niederlanden

Gauck bei seiner Rede in der Grote Kerk im niederländischen Breda.

(Foto: dpa)

Weil sich die Deutschen "der Last und der Schuld der Geschichte gestellt" hätten, könnten sie heute aber mit allen, die damals ihre Unabhängigkeit und Freiheit wiedererlangten, die "Befreiung vom nationalsozialistischen Joch" feiern. Der Bundespräsident sprach auch als erstes ausländisches Staatsoberhaupt bei den Feiern zum Jahrestag der Befreiung von der deutschen Besatzung 1945.

Die Rede stand unter dem Titel "Befreiung feiern - Verantwortung leben". Gauck gedachte ebenfalls der Widerstandskämpfer. Er habe bei der Vorbereitung auf seine Reise "mit ungläubigem Staunen und großer Bewunderung" von Widerstandsaktionen wie einem Generalstreik in Nordholland im Februar 1941 erfahren, mit dem die Menschen gegen die Verschleppung der ersten 400 Juden ins Konzentrationslager Mauthausen protestierten. Gerade in Zeiten von Krieg und Terror sei Widerstand "ganz und gar nicht selbstverständlich". Das Beispiel zeige aber, dass Menschen "immer eine Wahl" hätten.

Gauck verwies darauf, dass er im Jahr 1940 geboren wurde, "dem Jahr, in dem die Niederlande Opfer der deutschen Großmachtpolitik und des deutschen Rassenwahns wurden". Es sei für einen Deutschen wie ihn daher nicht selbstverständlich, dass er diese Ansprache halten dürfe. Das ihm und Deutschland entgegengebrachte Vertrauen sei "ein Geschenk", sagte der Bundespräsident.

Die Niederlande feiern seit 1995 den "Tag der Befreiung" am 5. Mai. Die Einladung zum Festakt in Breda war ursprünglich an Gaucks Vorgänger Christian Wulff gegangen. Bereits am Tag der Wahl Gaucks am 18. März wurde sie für ihn persönlich erneuert, heißt es aus dem Bundespräsidialamt.

Gauck würdigte in seiner Rede den Kampf für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit in Nordafrika und im Nahen Osten. An die Adresse der westlichen Länder gerichtet warnte er aber auch vor einer egoistischen Interpretation des Freiheitsbegriffs. Viele Menschen in Europa könnten diesen "Geist der Freiheit nur noch begrenzt erfassen". Sie verwechselten ihn mit einem hedonistischen Lebensstil, politischer und ethischer Beliebigkeit. Bei diesem Freiheitsverständnis fehlten Verantwortlichkeit, Verlässlichkeit, Gemeinsinn und Solidarität.

Niederlande fordern Auslieferung eines SS-Mannes

Vor dem Besuch gab es auch Kritik an der Einladung für Gauck zum "Befreiungstag". Dabei geht es unter anderem um die Forderung nach Auslieferung des früheren Waffen-SS-Mannes und mutmaßlichen Kriegsverbrechers Klaas Carel Faber. Er wurde in den Niederlanden zunächst zum Tode und dann zu lebenslanger Haft verurteilt. Die deutsche Justiz verweigert aber die Auslieferung des inzwischen 90-Jährigen.

Gauck wird bei den Feierlichkeiten von Kronprinz Willem-Alexander begleitet. Am Nachmittag trifft er auch mit Ministerpräsident Mark Rutte zusammen, der zum Gedenktag ein "Freiheitsfeuer" entzünden wird. Am Abend werden Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt in Amsterdam von Königin Beatrix empfangen. Am Ufer der Amstel besuchen die beiden Staatsoberhäupter ein Konzert zum Tag der Befreiung.

Zum Abschluss des Tages steht eine gemeinsame Bootsfahrt auf dem Programm. Nach bisher relativ unspektakulären Antrittsbesuchen in Polen sowie in Brüssel und Straßburg galt die Rede Gaucks in Breda schon im Vorfeld als wichtiges Zeichen - für die traditionell guten Beziehungen zu den Niederlanden ebenso wie für Gaucks außenpolitisches Programm.

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