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Bundespräsident:Frank-Walter Steinmeier

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

Krisenmanager, der diesmal nur zuschauen kann.

Von Nico Fried

Ein Bundespräsident - und ein geselliger wie Frank-Walter Steinmeier allzumal - ist normalerweise dauernd unter Leuten. Er hält Reden, empfängt Staatsgäste, besichtigt Firmen, soziale Einrichtungen oder Bildungsstätten und stellt sich Diskussionen. Steinmeier hat auch Kaffeetafeln mit Bürgerinnen und Bürgern zu einer ständigen Einrichtung gemacht. All das geht jetzt erst mal nicht mehr. Auch das Staatsoberhaupt muss wegen der Corona-Pandemie Abstand wahren, nicht nur zu seinen Nächsten, sondern zu einem ganzen Volk.

An diesem Samstag hält Steinmeier eine Fernsehansprache, um die Distanz ein wenig zu überwinden. Was sonst nur an Weihnachten Tradition hat, gibt es dieses Jahr auch zu Ostern. Der Bundespräsident hat sich bislang zurückgehalten, hat die große Bühne in der Krise der Kanzlerin und der Bundesregierung überlassen, jenen also, die in dieser Krise die meiste Verantwortung tragen. Er hat sich auf einige Videobotschaften in den sozialen Netzwerken beschränkt. In einer davon sagte er: "Wir sind vielleicht zur Isolation verdammt - aber nicht zur Untätigkeit." Damit wollte er den Menschen Mut machen. Und vielleicht auch sich selbst.

Denn einem wie Steinmeier fällt der Umgang mit der Krise doppelt schwer. Zum einen wegen der Beschränkungen, und das nicht nur, weil sie ihn an der gewohnten Amtsausübung hindern. Steinmeier hat die Demokratie zu seinem wichtigsten Thema gemacht, für das Engagement jedes Einzelnen geworben. Nun muss auch er erleben, wie das politische System einem Härtetest unterzogen wird, die Grundrechte zurückgefahren werden, die Mitwirkung beschränkt ist und - wenn auch in bester Absicht - die Exekutive das Volk kontrollieren lässt, wo es doch umgekehrt sein soll.

Wer Steinmeier dieser Tage begegnet, erlebt aber auch einen 64-Jährigen, der den Krisenmanager in sich zähmen muss. Seit bald 30 Jahren ist er in der Politik, die Studentenzeit nicht mitgezählt. Steinmeier war von 1999 bis 2005 Kanzleramtschef in der rot-grünen Regierung, die sich fortwährend mindestens im koalitionären Krisenzustand befand. Er hat den 11. September 2001 erlebt, als Vizekanzler die Finanzkrise, und er war an der Rettung des Euro sogar als Oppositionsführer noch maßgeblich beteiligt. Kein Wunder, dass er in der Corona-Krise - pardon - mitfiebert. Aber dieses Mal ist er nur Beobachter. Leicht ist das nicht für ihn.

Der Bundespräsident informiert sich, fragt Besucher aus, liest und telefoniert: mit der Filialleiterin im Berliner Supermarkt, der Pflegerin in Bremen, der Teamleiterin im Jobcenter Altenburg, dem Metzger im Sauerland, aber auch mit dem Chef eines Pharmakonzerns, Wissenschaftlern, Wirtschaftsleuten. Viele kennt er schon lange. Wenige Adressbücher dürften so dick sein wie seines.

Und doch bespielt Steinmeier nur die Nebenplätze. Mit dem König Jordaniens, der Präsidentin Äthiopiens und den Staatschefs von Ecuador und Singapur hat er gemeinsam für eine globale Allianz geworben, die irgendwann eine gerechte Verteilung von Medikamenten und Impfstoffen gewährleisten soll. Aufsehen hat er damit nicht erregt. Jüngste Bilder aus der ecuadorianischen Stadt Guayaquil, wo die Infizierten einfach auf der Straße wegsterben, unterstreichen gleichwohl die Dringlichkeit der Initiative.

Steinmeiers Stärken sind konzeptionelles Denken, Beharrlichkeit und die Begabung, auch kleine Fortschritte wertzuschätzen. Das lässt ihn bisweilen schwerblütig erscheinen, doch sind es Fähigkeiten, die jetzt gefragt sind. Nur eben nicht von ihm. Wenn es einen gibt, der sich aus der konkreten Politik herauszuhalten hat, ist es der Bundespräsident. Diese Krise managen jetzt andere. Dem Zuschauer Steinmeier zum Trost dürfte gereichen, dass die Regierung aus Union und SPD hohe Zustimmung erfährt - eine Regierung, die es ohne seinen sanften Zwang 2018 nicht gegeben hätte.

© SZ vom 11.04.2020

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