Bundespräsident: Der Tag danach:Meuterei gegen Merkel

Lesezeit: 4 min

In der Union brodelt und gärt es nach dem Wahldesaster in der Bundesversammlung. 44 fehlende Stimmen aus dem Lager der Koalition im ersten Wahlgang haben Kanzlerin Angela Merkel deutlich gezeigt, dass es brennt in der CDU. Dabei ist niemand ernsthaft an Neuwahlen interessiert. Ein Erklärungsversuch

Thorsten Denkler, Berlin

Technischer K. o., so lässt sich wohl umschreiben, was da am gestrigen Mittwoch in der Bundesversammlung passiert ist. Angezählt sind die schwarz-gelbe Regierung und vor allem ihre Vorsteherin Angela Merkel, Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende.

Bundestag

Der Tag nach dem Wahlkrimi in der Bundesversammlung: Bundeskanzlerin Angela Merkel stützt ihre Hand auf das Kinn. Ihre schwarz-gelbe Regierung kommt nicht zur Ruhe.

(Foto: ddp)

Die Fakten: Allein im ersten Wahlgang fehlten 44 Stimmen aus dem Regierungslager für den eigenen Kandidaten Christian Wulff. Auch im zweiten Wahlgang unterbot Wulff die absolute Mehrheit deutlich, obwohl Schwarz-Gelb 21 Stimmen mehr als nötig hatte. Erst im dritten Wahlgang schaffte Wulff mit drei Stimmen Vorsprung die absolute Mehrheit.

Nur hätte da auch die einfache Mehrheit gereicht. Das Signal derer, die Wulff erst nicht gewählt haben, ist klar: Zweimal hat Merkel einen donnernden Kinnhaken versetzt bekommen. Im dritten Wahlgang machten sie Wulff klar, dass er nicht gemeint war.

Was aber hat die 44 Meuterer bewogen? Und: Wer sind die überhaupt? Offenbart hat sich noch keiner, darum sind die Erklärungen für den mittwöchlichen "Super-Gauck" rein spekulativer Natur. Wir zeigen drei Szenarien.

These eins: Der Coup war von einer gut organisierten Truppe Unzufriedener von langer Hand geplant.

Dafür spricht das schon bald schulbuchmäßige Stimmverhalten der 44 Abweichler. Im ersten Wahlgang geschlossen keine Stimme für Wulff, viele aber für Joachim Gauck. Im zweiten Wahlgang lassen sie Wulff erneut durchfallen, aber mit dem Signal, dass die einfache Mehrheit in der letzten Runde stehen wird.

Im dritten Wahlgang dann der Triumph für Wulff mit einer nicht mehr nötigen absoluten Mehrheit. Er weiß jetzt, dass er ist nicht gemeint gewesen war. Merkel weiß jetzt: Sie war das Ziel.

Einige Beobachter glauben, dass so eine taktische Meisterleistung kein Produkt des Zufalls sein kann. Dafür müssten sich die 44 aber einem Geheimbund gleich organisiert haben. Nichts ist nach außen gedrungen. Niemand hat auch nur eine Ahnung, wer der Rädelsführer dieses Putschversuches sein könnte.

These zwei: Alles war nur Zufall, bis auf die jetzt messbare Unzufriedenheit vieler aus dem sogenannten bürgerlichen Lager mit der Bundesregierung.

Gründe, Merkel eins auszuwischen, gibt es reichlich. In den konservativen Hochburgen der CDU in Baden-Württemberg und Hessen sträuben sich manchem die Nackenhaare bei dem Gedanken daran, wie Merkel die CDU zur zweiten sozialdemokratischen Kraft im Land hat verkommen lassen. Seien es die Familienpolitik, die neue Migrationspolitik, Merkels Werben für Staatshilfen für Opel, die schlechten Wahlergebnisse in Hessen, Thüringen und Nordrhein-Westfalen.

Es ist in diesem Szenario aber nicht allein die Kanzlerin, sondern der Kandidat selbst, der manchen Kopfschmerzen bereitet. Einige wenige, vor allem aus Baden-Württemberg, werfen Wulff vor, er habe sich den urschwäbischen Autobauer Porsche unter den Nagel gerissen.

Wulff hat sich als Ministerpräsident von Niedersachsen massiv in den Machtkampf zwischen Volkswagen und Porsche eingemischt. Am Ende obsiegten Volkswagen und das Land Niedersachsen, Miteigentümer von VW. Porsche gehört jetzt dem Autokonzern aus dem Norden.

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