bedeckt München 21°
vgwortpixel

Bundespräsident Christian Wulff:Kein Cicero, kein Zampano

Als bedeutende Bundespräsidenten gelten jene, die sich nicht auf Augenhöhe mit Volk und Politik bewegt haben. Christian Wulff fehlt jedoch jene Selbstgewissheit, um stets drei Stufen höher zu stehen als jeder andere.

In den letzten Tagen war viel die Rede von Debakel, Desaster oder Chaos. Zwar ging es nur um die vorzeitige Wahl eines Bundespräsidenten in dieser sehr stabilen Demokratie. Aber Politik und Medien, Talkshowbewohner und Blogger haben es sich längst angewöhnt, so häufig in Superlativen übereinander herzuziehen, dass man manchmal den Eindruck hat, es gebe nur noch Gierige, Schlechte und/oder Dumme in der Politik.

Bundespräsident Christian Wulff

Christian Wulff: Im Amt des Bundespräsidenten noch ein Unfertiger.

(Foto: dpa)

Gewiss, man soll die Dinge klar beim Namen nennen: Die schwarz-gelbe Regierung hat bisher stark enttäuscht, und Angela Merkel befindet sich in der Gefahr, entscheidend an Respekt und Autorität in den eigenen Reihen zu verlieren. Die kleineren Regierungsparteien unter der prägenden Führung von Guido Westerwelle und Horst Seehofer verhalten sich nicht wie Partner in einem Bündnis, sondern wie Konkurrenten und manchmal wie eifersüchtige Nebenbuhler. Weniger vor der immer noch schwächelnden SPD muss sich Schwarz-Gelb fürchten, als eher vor den allmählich zur Volkspartei werdenden Grünen. Die größte Unbill aber für Union und FDP liegt darin, dass sie nicht miteinander auskömmlich und effizient regieren können.

Man sieht das an der Findung des Kandidaten für die Bundespräsidentschaft und an der Wahl selbst. Die Findung erfolgte par ordre de mufti, wobei es sich um Madame Mufti Merkel handelte. Das vergrätzte viele in FDP und CDU. Der Gegenkandidat Gauck hätte zwar bei SPD und Grünen unter anderen Umständen wenig Chancen gehabt, aber man muss den Egotaktikern Gabriel und Trittin zugute halten, dass sie den Eigennutz ihrer Parteien - "schade dem Gegner, wo es nur geht" - als Akt der Besorgnis um das Gemeinwohl zu tarnen verstanden.

Dieser Kampf ums Schloss Bellevue war ein Streit der Parteien in Reinkultur. Weil er nicht nur entlang der üblichen Lagerlinien geführt wurde, sondern bei Schwarz und Gelb auch noch als unbewaffneter interner Konflikt, geriet die Wahl plötzlich viel freier, als dies Demokratietheoretiker vom Schlage Biedenkopfs vorher vor Kameras fordern konnten. Die Wahl hatte sich gewissermaßen selbst freigegeben, was nicht daran lag, dass plötzlich bürgerlicher Pfingstgeist über die Bundesversammlung gekommen wäre. Nein, von Schwarz bis Dunkelrot gab es enorm viele Rechnungen untereinander zu begleichen. Wäre die Linkspartei nicht immer noch in entscheidenden Momenten eine DDR-Selbstverteidigungspartei, dann wäre am Freitag vielleicht nicht der Bundespräsident Christian Wulff vereidigt worden.

Zur SZ-Startseite